Gauck-Abschied aus Schloss Bellevue Freigeist im Ruhestand

Abschiedsbesuch in Bonn: Joachim Gauck mit Daniela Schadt auf dem Balkon des Rathauses in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Foto: Georg Moritz 25 Bilder
Abschiedsbesuch in Bonn: Joachim Gauck mit Daniela Schadt auf dem Balkon des Rathauses in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Foto: Georg Moritz

Der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck warnt davor, die Demokratie mit einem Selbstbedienungsladen zu verwechseln. Sein Vermächtnis ist ein Appell: Deutschland braucht Bürger, die sich für ihr Land zuständig fühlen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)
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Berlin - Was liest ein Bundespräsident denn so? Joachim Gaucks Büro im Schloss Bellevue ist mit Literatur reich bestückt. Gewiss taugt nicht jedes Buch, das sich in den Eichenholzregalen findet, als Zitatenquelle für präsidiale Reden. Franz Kafkas Tagebücher stehen da in trauter Nachbarschaft zu ausgewählten Bänden der Werke Joseph Roths und einer Sammlung zur französischen Dichtung von Apollinaire bis Viau. Aber auch umfangreiche „Dokumente zur Deutschlandpolitik“, die Reden des SPD-Kanzlers Willy Brandt und sogar vier Titel, die sich mit dem umstrittenen Amtsvorgänger Christian Wulff beschäftigen oder unter dessen Namen erschienen sind. Gauck ist zweifellos ein belesener Mensch, ein Mann der Worte. Zur entspannten Lektüre war während der vergangenen fünf Jahre jedoch wenig Zeit. Das ranghöchste Amt, das die Republik zu vergeben hat, lässt selten Mußestunden zu. Das ändert sich für Gauck in elf Tagen. Dann wird er zum ranghöchsten Pensionär der Republik.

Das Ende der Amtszeit ist eine Befreiung

Gaucks Gedanken an seinem letzten Arbeitstag könnten inspiriert sein von dem Gemälde, das über seinem Schreibtisch hängt. Es zeigt eine „Italienische Landschaft“, Kulisse für eskapistische Sehnsüchte, wie Adolf Friedrich Harper sich diese ausgemalt hat, der ein Zeitgenosse Schillers war und ehedem in Diensten des württembergischen Herzogs Carl Eugen stand. Der Präsident würde sich am Tag seines Abschieds gerne auf eines der Fahrräder setzen, die vor dem Bundespräsidialamt angekettet sind, Schloss und Dienstlimousine, Protokollbeamte und Leibwächter hinter sich lassen, an Pförtnern, der Sicherheitsschranke und der Polizeiwache beim Tor des Bellevue vorbei ins Freie radeln. Er wird das Ende seiner Amtszeit auch als Befreiung erleben: eine Befreiung von Dienstpflichten, Erwartungen und Gepflogenheiten, vom Korsett der Traditionen und Tabus. Auch ein Freigeist wie Gauck, nun 77 Jahre alt, hat das alles nie infrage gestellt, empfand die Umstände aber als einengend, nach fünf Jahren auch als belastend. Nicht zuletzt deshalb verzichtete er auf eine Wiederwahl. Und er möchte nun auch nicht an anderer Stelle die Welt retten. Vorerst zumindest nicht. Gauck hat sich für seinen Ruhestand vorgenommen, sich zunächst einmal möglichst wenig vorzunehmen.

Gauck sieht in Deutschland ein „Netzwerk der Guten“ am Werk

Das höchste Staatsamt verlangt eine Art Reisediplomatie im eigenen Land. Ein Präsident ist ständig unterwegs. Dabei erlebte Gauck das Volk, das er seit 2012 repräsentiert, durchaus widersprüchlich: hier engagierte Bürger, die sich im besten Sinne wie Citoyens verhalten, das Gemeinwesen als ihr ureigenes Anliegen pflegen; da verhockte Philister, die nur eines pflegen – ihre Vorurteile. Seine Bilanz klingt dennoch optimistisch: Deutschland werde geprägt von einem „Netzwerk der Guten“, von Menschen, die Demokratie nicht mit einem Selbstbedienungsladen verwechseln. Gaucks Idealbild ist der Bürger, der sich zuständig fühlt, sei es für Vereine, für die eigene Kommune oder für den Staat insgesamt.

„Wie weit jeder diese Zuständigkeit ausleben möchte, kann er frei bestimmen“, betont Gauck bei einem Gespräch in seinem Arbeitszimmer. „Manche sagen: Ich informiere mich. Andere: Ich informiere mich und gehe wählen. Dritte wiederum lassen sich auch wählen. Oder sie sind aktiv in einer Bewegung, in der Nachbarschaft oder für weltbewegende Ziele vom Umweltschutz bis zu den Menschenrechten.“

Vor allem im Südwesten „äußerst lebendige Bürgerschaft“

Solches Engagement wird Gauck zufolge vor allem im Südwesten Deutschlands sichtbar. Hier erlebte er eine „äußerst lebendige Bürgerschaft“ und zog für sich daraus den Schluss, „dass liberale Traditionen und Bürgerbewusstsein überlebt haben“. Der Südwesten ist aber auch die Gegend, in der das Wutbürgertum zum Leben erwachte. Gauck zeigt keine Berührungsängste, wenn es um diese ansonsten häufig abschätzige beschriebene Spezies geht. Demokratien müssten auch Widerworte und Protest aushalten. „Was dem einen gefällt, reizt den anderen zum Widerspruch“, sagt er, „dem kann man in der Demokratie nicht entgehen.“ Wutbürger sind ihm sympathischer als Leute, die sich bloß als Zuschauer im demokratischen Betrieb verstehen.

Diesen Gedanken hatte der Präsident in seiner Abschiedsrede vertieft. Staatsbürger dürften sich nicht aufführen, als seien sie nur Konsumenten der Demokratie, warnt Joachim Gauck. Hinter der allfälligen Klage, viele Menschen fühlten sich sozial abgehängt und von der Politik ignoriert, verberge sich auch „eine psychologisch motivierte Angst vor der Autonomie eines freien Bürgers“. Mit Blick nach Amerika lässt er erkennen, dass er das Verlangen nach einem starken Mann mit simplen Lösungen für politisch naiv hält. „Wir spüren, dass es bei einem Teil der Bevölkerung eine Sehnsucht nach sehr schnellen Entscheidungen gibt“, sagt Gauck und mahnt: „Das kann die Demokratie oft nicht. Sie braucht Zeit für Kompromisse.“

„Als alter Mann verspürte ich erstmals Stolz auf mein Land“

Das sind Fragen, mit denen schon ein Mann zu kämpfen hatte, dessen Bronzehaupt dem Präsidenten Gauck beim Redenschreiben über die Schulter schaute. Auf einem Regal hinter seinem Schreibtisch steht eine Büste von Friedrich Ebert, dem ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik. Er war auch das erste Staatsoberhaupt einer Demokratie auf deutschem Boden – und doch kein Amtsvorgänger heutiger Bundespräsidenten, weil die mit viel weniger Macht ausgestattet sind. Mit Eberts Tod begann der Niedergang des Weimarer Staates, beschleunigt durch die Sehnsucht nach einem starken Mann, Verachtung für die Demokratie, Unverständnis für ihre Schwierigkeiten.

Gauck hinterlässt das ihm auf Zeit anvertraute Land in einer Verfassung, die ihn Stolz empfinden lässt – wie er auf eine Weise gesteht, als sei ihm ein solches Bekenntnis peinlich. Pathos ist ihm vertraut, aber patriotischer Stolz? Damit fremdelt er, weil ihm früher nie in den Sinn gekommen wäre, in solchen Kategorien zu denken. „Als alter Mann verspürte ich erstmals Stolz auf mein Land: Ich bin stolz auf die vielen verlässlichen rechtstreuen und engagierten Menschen“, sagt er.

Es sei ihm richtig erschienen, „dass 1968 und danach der unreflektierte Bezug auf die Nation infrage gestellt wurde“. Im Rückblick hält Gauck das für „notwendig zum Erwachsenwerden“ der Deutschen. Unser Land sei inzwischen aber erwachsen genug, um auch international selbstbewusster aufzutreten. Es bleibt eine unaufgelöste Gleichung in Gaucks Denken, wo die Grenzen zu ziehen sind zwischen legitimem Nationalstolz und dem, was er „alt-neuen Nationalismus“ nennt.

Diese Tendenz, in vielen Ländern Europas auf dem Vormarsch, so sagt er, „widerstrebt mir vom Herzen und vom Verstand. Ich kann das einfach nicht ertragen.“ Jene, die damit gemeint sind, hat er bei anderer Gelegenheit auch schon wahlweise als „Spinner“ oder „Bekloppte“ bezeichnet, was ihm Verfassungsbeschwerden einbrachte, am Ende aber das höchstrichterliche Testat, dass einem deutschen Staatsoberhaupt solche Werturteile erlaubt sind. Von sich selbst sagt der scheidende Präsident, er sei „patriotisch, aber auf eine republikanische Weise“.

„Ihr müsst überzeugt sein von dem, was euch gelungen ist“

Der frühere DDR-Oppositionelle Stephan Hilsberg kreidet Gauck an, ihm sei Anerkennung stets lieber gewesen, als unangenehme Fragen zu stellen. Ausgerechnet diesem Prediger im Präsidentenamt zu unterstellen, er sei zu kleinlaut, mutet seltsam an. Gaucks Reden widerlegen die Mängelrüge. Zwar erweckte der Pfarrer nach seinem Einzug in Schloss Bellevue anfangs durchaus den Eindruck, als hätte er sich verordnet, zunächst Demut vor dem politischen Betrieb zu lernen. Gauck hatte sich vorgenommen, ein unbequemer Präsident zu sein. Er suchte keinen Streit, obwohl er den Streit in seiner Abschiedsrede das Lebenselixier offener Gesellschaften nannte. Vor Widerworten war ihm so wenig bange wie vor bisweilen ätzender Kritik und protokollarischen Grenzverletzungen. „Pastor Störenfried“ nannte ihn der „Spiegel“ deshalb. Gauck leidet jedenfalls nicht unter einer Zeitkrankheit, die er einer nach eigenem Empfinden zu großen Zahl seiner Landsleute attestieren würde: einer Furcht vor Autonomie.

Der Amtsnachfolger Frank-Walter Steinmeier hat sich vorgenommen, er wolle als Präsident ein „Mutmacher“ werden. Auch Gauck hofft, seine Landsleute ermutigt zu haben. Als Vermächtnis bleibt ein Appell an die Bürger: „Ihr müsst daran glauben, was ihr geworden seid, und überzeugt sein von dem, was euch gelungen ist.“




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