Abschied des Gerlinger Bürgermeisters Georg Brenner Der Modernisierer geht mit Gänsehaut

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Georg Brenner hat gerufen, und alle sind gekommen: In der bis zum letzten Platz gefüllten Stadthalle hat die Stadt Gerlingen ihren scheidenden Bürgermeister verabschiedet. Brenner nutzte die große Bühne für einen eindringlichen Appell.

Georg Brenner lässt sich feiern. Foto: factum/Andreas Weise
Georg Brenner lässt sich feiern. Foto: factum/Andreas Weise

Gerlingen - Es ist eine Zäsur, das sieht man auch an dem enormen Andrang. Bis in die letzte Ecke ist die riesige Gerlinger Stadthalle bestuhlt, auch die Empore ist bis auf den letzten Platz besetzt. Zwei Dekaden war Georg Brenner Bürgermeister dieser Stadt, und um dem Festakt zum Abschied einen würdigen Rahmen zu geben, bringen die Stadtkapelle und die 130 Sängerinnen und Sänger aus den Gerlinger Chören eines der wohl emotionalsten Stücke auf die Bühne, das die Welt kennt. Carl Orff, die Carmina Burana – mehr Pathos geht nicht. „Was für ein schwungvoller Auftakt“, sagt Brenner, als er danach selbst auf die Bühne schreitet, um die Feier zu eröffnen. Er verspüre „Gänsehautfeeling“.

Dieses Gefühl sollte in den folgenden zwei Stunden nicht mehr verschwinden. Nun ist es durchaus üblich, dass Menschen zum Abschied mit Lob zugeschüttet werden. Bei Brenner ist das nicht anders, obwohl der 65-Jährige nicht immer unumstritten war. Aber man spürt: Die warmen Worte – sie sind ernst gemeint.

Der Landrat würdigt Brenner als „Mann der Tat“

Die längste Rede darf Dietmar Allgaier halten. Der neue Ludwigsburger Landrat würdigt Brenner als „Mann der Tat, mit Empathie, hoher Sachkunde und viel kommunalpolitischer Leidenschaft“. Und er erinnert an die Abschiedsfeiern von Brenners Vorgängern. Wilhelm Eberhard habe man bei diesem Anlass den Baumeister der Stadt genannt, Albrecht Sellner als Gestalter von Gerlingen bezeichnet. Brenner sehe er, so Allgaier, in dieser Reihe als den Modernisierer.

Die Sanierung von Schulen, der Bau von Kindergärten, die Neugestaltung des Rathausplatzes, die Bebauung des Träuble-Areals, Natur- und Landschaftsschutz, die Wirtschaftsförderung – das alles seien wichtige Anliegen von Brenner und Meilensteine seiner Amtszeit gewesen.

Auch die anderen Redner werden später immer wieder betonen, dass Brenner seinem Nachfolger Dirk Oestringer ein bestelltes Feld hinterlasse: eine Stadt mit hoher Lebensqualität, deren Bevölkerung in den vergangenen 20 Jahren um tausend Menschen gewachsen ist. „Sie können stolz sein auf das, was Sie geleistet haben“, sagt Allgaier. Am Ende der Rede gibt es stehende Ovationen.

Mutiges Zeichen gegen Demokratiefeindlichkeit

Brenner ist 1954 in Bad Mergentheim geboren, arbeitete in Stuttgarts Ordnungsamt, später als Hauptamtsleiter in Benningen und Rheinstetten, bevor er 1999 als Bürgermeister in Gerlingen kandidierte. Er gewann nur knapp, aber bei den folgenden Wahlen fuhr er Ergebnisse von mehr als 90 Prozent der Stimmen ein. Er sei ein „Stadtoberhaupt zum Anfassen“ gewesen, sagt Martina Koch-Haßdenteufel, die Erste Beigeordnete. Bescheiden, ohne Standesdünkel, ein überzeugter Europäer, der sich auch in den Partnerstädten dafür eingesetzt habe, Kontakte aufzubauen und Vorurteile abzubauen.

Besonders eng sind in Gerlingen traditionell die Verbindungen nach Ungarn, Koch-Haßdenteufel erinnert daran, wie Brenner 2013 den höchsten ungarischen Verdienstorden abgelehnt hatte – um ein Zeichen gegen die immer stärker werdenden demokratiefeindlichen Tendenzen in dem Land zu setzen. Mutig sei dies gewesen, sagt sie, ein Kraftakt. „Ich habe größten Respekt vor der Entscheidung.“

Jetzt bekommt Brenner immerhin die Verdienstmedaille des baden-württembergischen Städtetags überreicht, und die nimmt er gerne an. Den Abschied hat er genau vor einem Jahr angekündigt. „Ich will selbstbestimmt den Zeitpunkt festlegen, um das Amt gesund zu übergeben“, sagte er damals.

Brenner kämpft mit den Emotionen – und schließt mit einem Plädoyer

Die letzte und überaus unterhaltsame Eloge hält Michael Makurath, der Oberbürgermeister der Nachbarstadt Ditzingen. Auch er würdigt die Amtsführung seines Kollegen. „Es waren gute Jahre für Gerlingen.“ Was auch daran erkennbar sei, dass die Stadt finanziell so außerordentlich gut dastehe. „Man könnte daher auch sagen: Dagobert Duck verlässt jetzt den Geldspeicher.“

Zum Schluss kommt Brenner wieder selbst auf die Bühne, und es fällt ihm schwer, sich von den Emotionen nicht überwältigen zu lassen. Ich bin doch sehr gerührt und sehr angetan“, sagt er, bevor er eine berühmte Zeile von Hermann Hesse zitiert – wie er es auch vor genau 20 Jahren bei seiner Antrittsrede getan hat: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Auch Brenner spart nicht mit Dank und Lob, verteilt es an die Stadt, an die Mitarbeiter seiner Verwaltung, seine Frau, seine Sekretärin, seine Vorgänger, die Kirchen, den Gemeinderat, die Partnerstädte. Sogar Smudo, den aus Gerlingen stammenden Rapper der Fantastischen Vier, bringt er unter. „Der hat in unser Goldenes Buch geschrieben: Einmal Gerlinger, immer Gerlinger – wie recht hat er.“

Am eindrücklichsten aber werden vielleicht Brenners letzte Sätze in Erinnerung bleiben. Er bittet darum, respektvoll miteinander umzugehen, egal welcher Hautfarbe, Herkunft oder Religion jemand sei. Er bittet die Anwesenden, „aufrechte Demokraten zu bleiben“ und sich gegen diejenigen zu wehren, „die überzogenen Nationalismus, die Antisemitismus oder Fremdenfeindlichkeit vertreten“. Und er fordert die Zuhörer auf, „unser vereintes Europa zu sichern, das uns Frieden gebracht hat“. Danach schwenkt er ein letztes Mal zurück nach Gerlingen. „Glück auf dieser Stadt!“, ruft er in den vollen Saal. „Ich war sehr gerne Ihr Bürgermeister.“