Abschied vom Auto nach 25 Jahren Leb wohl, Golf
Ein Mann nimmt nach 25 gemeinsamen Jahren und 359 000 Kilometern Abschied von seinem Wagen. Ein Abgesang auf eine ganz besondere Beziehung.
Ein Mann nimmt nach 25 gemeinsamen Jahren und 359 000 Kilometern Abschied von seinem Wagen. Ein Abgesang auf eine ganz besondere Beziehung.
Sulzbach-Laufen - Da steht er nun. Reinhard Deimel schließt ihn zu und geht. Kein Blick zurück. Ein eiskaltes Lüftchen weht über den Hof vom Autohaus Linke in Crailsheim. An diesem Morgen trennt sich Deimel nach fast 25 Jahren von seinem VW Golf.
Auch bei der letzten Fahrt hat der Wagen ihn nicht im Stich gelassen: von Sulzbach-Laufen über Bühlerzell, Obersontheim bis zur Endstation. Eine ganz andere Strecke wie an Tausenden Morgen zuvor. Der Wagen muss gespürt haben, dass irgendwas nicht stimmt. „Und dann hatte ich ja auch noch die Sommerreifen im Kofferraum.“
Als er zu Hause losfuhr, dachte Reinhard Deimel: „Das ist jetzt das letzte Mal.“ Als er durch den Ort fuhr: das letzte Mal. Dann das letzte Mal tanken. „Er war ein toller Gefährte, das lässt einen nicht kalt“, sagt er. „Es war eine Vernunftentscheidung.“
Er fuhr noch nie ein anderes Auto als VW Golf. Erst in der Fahrschule, die Prüfung bestand er auf Anhieb. Sein erstes eigenes Auto war ein Golf GL mit 55 PS und geteilter Rückbank, „für einen Fahranfänger bezahlbar“. Nach acht Jahren beschloss er, auf „ein ausgewachsenes Auto“ umzusatteln: VW Golf GT, 90 PS. Reinhard Deimel kaufte ihn beim Autohaus Wagenblast in Gmünd. Sein Vater fuhr ihn damals zur Übergabe, der Neffe war auch dabei. Sie fanden ihn sehr schön: alpinweiß, Sportsitze, Drehzahlmesser. Es sollte ein langes Zusammensein werden. Aber dass es ein Vierteljahrhundert währen würde, hätte auch Reinhard Deimel nicht unbedingt gedacht.
Es gab in der Volkswagen-Geschichte wohl noch keinen Golf GT, der so sicher war. Das Auto bekam eine an die Zentralverriegelung gekoppelte Alarmanlage mit Innenraumüberwachung, Eine Back-End-Sirene und Back-End-Batterie im Kofferraum – falls es Dieben tatsächlich gelänge, die Hauptbatterie zu kappen. Zur Sicherheit gehört auch, früh erkannt zu werden. Deshalb ließ Deimel den Kühlergrill rot lackieren sowie gelb-rote Signalstreifen aufkleben. „An den Seiten findet man ja sonst an keinem Auto Reflektoren.“ Dann wurden Spritzlappen und ein Drei-Punkt-Hosenträgergurt montiert, wie man sie von Rallye-Autos kennt.
Für einen Überrollkäfig interessierte sich Deimel auch. Aber nach einem Beratungsgespräch nahm er Abstand. Er hätte kaum mehr ohne Verrenkung einsteigen können. „Die Alltagstauglichkeit und der Fahrkomfort wären zu stark beeinträchtigt gewesen.“ Zudem hätte er wegen einer Querstrebe die hinteren Plätze in den Kfz-Papieren streichen müssen. Er hat zwar fast nie Gäste im Auto. Aber warum sich die Möglichkeit ganz verbauen?
Deimels Rennsport-Ausrüstung hat etwas Amüsantes. Denn er ist eher bekannt dafür, auf der B 19 eine Autoschlange hinter sich herzuziehen, als dafür, irgendwelche Grenzbereiche auszutesten. „Tempo bringt im Berufsverkehr keinen Zeitgewinn, es kostet nur Nerven.“ Die 90 PS waren ihm wichtig, um „gelassen niedertourig“ fahren zu können. Auch das auffällige Design passt eigentlich gar nicht. Reinhard Deimel ist zwar unverwechselbar, aber keiner, der sich in den Vordergrund drängt. „Ein Auto mit diesem Wiedererkennungswert wird nicht so schnell geklaut wie ein Allerweltsauto“, sagt er. Andererseits könne man sich damit auch nicht so leicht aus dem Staub machen. Aber auf die Idee käme er eh nicht.
„Er hat mich nur zweimal im Stich gelassen. Aber das kommt bei einer Maschine vor, ich kann ihm das nicht verübeln.“ Deimel hat wichtige Ereignisse niedergeschrieben. 2003 lässt er einen Kaltlaufregler einbauen, so dass der Wagen von Schadstoffgruppe Euro 1 in D3 umgestuft und die Kfz-Steuererhöhung wieder aufgefangen werden kann. „Dieses alte Gefährt hat kein Feinstaubproblem, es ist sauberer als jedes neue.“ 2011: Anlasser defekt. Auf dem Supermarktparkplatz geht gar nichts mehr. 2013 wartet Deimel schon darauf, den Kilometerzähler von 299 999 auf 300 000 umspringen zu sehen. Stattdessen springt er auf 0. Im Jahr 2014 läuft ihm ein Reh ins Auto, von da an ist der schöne rote Kühlergrill passé. 2015: Schlauch undicht. Kühlmittel auf heißen Motor. Qualm wie bei einer Dampflok. Im Lauf der Jahre werden erneuert: Spurstangenkopf, Zündschloss, Verteilerkappen, Radlager, Traggelenke, ABS-Ringe, Vorderachskörper, Kupplungszug, Handbremszug, Schiebedachmotor, Wasserpumpe, Servopumpe.
Seit sechs Jahren machte sich das Alter bemerkbar. Ein Sulzbacher Mechaniker verschweißte schon einige Bleche, flickte das Auto immer wieder zusammen. „Dafür danke ich ihm“, sagt Deimel. Auch konnte der Wagen am Schluss das Motoröl und die Kühlflüssigkeit nicht mehr richtig halten. Das Serviceheft war bis auf das letzte Feld ausgefüllt. Vielleicht auch ein Zeichen.
In letzter Zeit dachte Deimel manchmal an einen Satz, den er mal las: Sei nicht traurig, dass es vorbei ist, sondern dankbar für alles, was man zusammen erleben durfte. Natürlich: Es ist Quatsch, einer seelenlosen Sache hinterherzutrauern. Und doch ist da eine Wehmut. Vielleicht auch, weil man ein bisschen Abschied von sich selbst nimmt. Von einem Lebensabschnitt, den man unwiederbringlich hinter sich lässt. All die Gedanken, die man am Steuer schon hin und her wälzte. Die Momente der Zufriedenheit. Die Ungewissheiten, die der Lauf der Zeit dann oft von ganz allein wieder wegwischte.
25 Jahre, exakt sein halbes Leben lang, hat der Golf ihn begleitet und „unspektakulär seine treuen Dienste geleistet“, sagt Reinhard Deimel. Irgendwie ist dieses Auto wie er. Es steht für seine Art, mit Dingen umzugehen. Alle zwei Wochen hat er den Wagen gewaschen. Im Frühjahr und im Herbst stundenlang von Hand mit Hartwachs eingerieben, auch die Zwischenräume, Holme und Schweller. „Dabei lösen sich hartnäckige Schmutzbestandteile wie Teerspritzer und Flugrost.“ Dennoch wurde der Kampf gegen die rostigen Stellen immer aussichtsloser. Deimel hielt an dem Auto fest, auch als es nicht mehr das schönste war. „Warum etwas wegwerfen, wenn es noch gut ist?“
Diese Beständigkeit zeigt Deimel, Jahrgang 1967, auch sonst. Er lebt seit seiner Geburt im Elternhaus. Mit 17 machte er einen Erste-Hilfe-Kurs beim Roten Kreuz und blieb dem Verein seitdem treu. Er begann eine Lehre zum Sozialversicherungsfachangestellten bei der AOK in Schwäbisch Hall. Da arbeitet er heute noch, inzwischen als AOK-Betriebswirt. Mit dem Golf fuhr Deimel eigentlich nur die Strecke Sulzbach–Hall. 25 Kilometer hin, 25 zurück, 25 Jahre lang. Einmal war er mit dem Wagen im Ausland – in Österreich, „aber nur ein paar Kilometer hinter der Grenze“.
Die Leute fragten ihn in letzter Zeit öfters: „Fährsch emmer no den alda Gebbl?“ Seine Mutter meinte mal: „Der pfeift nicht aus dem letzten, sondern aus dem allerletzten Loch.“ Er fuhr ihn mit Stolz. Doch die Frage stand im Raum: Noch einmal Geld investieren, damit er im nächsten Jahr durch den Tüv kommt? Er hätte es getan – wenn da nicht der Modellwechsel beim Polo gewesen wäre.
Der VW Cross Polo läuft aus. Er war aber das letzte Modell mit einem Flankenschutz aus Plastik, den Deimel so schätzt: „Da wird nicht gleich jeder Stupser zur teuren Angelegenheit.“ Zudem gibt es den neuen Polo bis 115 PS nur noch als Dreizylinder. „Gegen den Vierzylinder ein wahres Raubein.“
Warum kein neuer Golf? Weil er 250 Kilo mehr wiegt als der alte. „Der Fortschritt wird aufgefressen durch immer größere Ausmaße und immer mehr Elektronik. Wer einem Typ treu sein will, muss mit ihm wachsen.“ Er sei kein Ökofreak, sagt Deimel, aber das sehe er nicht ein. „Ich brauche kein unhandlicheres Auto, das auch noch mehr verbraucht.“
Der Kauf war eine schwere Geburt. Er informierte sich in zahllosen Fachzeitschriften, machte etliche Probefahrten, besuchte etliche Autohäuser. „VW Linke hatte am meisten Geduld mit mir“, sagt Deimel. Etwa einmal im Monat telefonierten sie miteinander. Dann kam er zum Schluss: „Lieber jetzt den Absprung wagen, wo ich es noch beeinflussen kann. Wenn es dann schnell gehen soll, muss man zu viele Kompromisse machen.“
Auch mit dem Cross Polo geht er Kompromisse ein. Er hat kein Schiebedach. Auf die vier Türen hätte Deimel auch gerne verzichtet, ihm reichen zwei. „Die 17-Zoll-Felgen sehen schon toll aus irgendwie“, das hat sein Neffe auch gleich gesagt, aber Deimel ist noch skeptisch. „Je größer die Felgen, desto kleiner die Reifenhöhe, und das geht letztlich auf Kosten des Fahrkomforts.“ Er wird das jetzt mal alles einen Winter lang genau registrieren.
VW Linke hat den alten Golf in Zahlung genommen. „Aber eigentlich ist so ein Wagen auf dem deutschen Markt nicht mehr platzierbar“, sagt Herr Groß vom Autohaus. „Früher hieß es ja: Jeder Monat Tüv bedeutet hundert Mark an Wertsteigerung. Aber das gilt schon lange nicht mehr.“ Eigentlich, sagt Herr Groß und schaut vorsichtig zu Reinhard Deimel, sei der Golf ein Fall für den Schrott.
Der Wagen wird nun auf dem etwas versteckten Platz im Hof des Autohauses abgestellt, wo die alten Mühlen stehen. Jetzt zum Winter hin, sagt Herr Groß, könne es sein, dass einer kommt und fragt: „Wie sieht aus? Hasch a billigs Auto?“ Mit Sicherheit aber werden bald osteuropäische Händler schauen, ob was neues Altes dasteht. Vielleicht geht Reinhard Deimels Golf ja nach Bosnien. Obwohl Diesel dort immer noch höher im Kurs stehen.
„Bei vielen Autos, die jetzt wegen der Dieselprämie hergegeben werden, blutet einem das Herz“, sagt Herr Groß. Das seien ja klasse Autos, die da in den Schrott gehen. „Die Dieselprämienautos werden mitten aus ihrem Leben gerissen. Beim Golf von Herrn Deimel kann man wenigstens sagen, auch wenn es schmerzt: Okay, er hat seinen Dienst getan.“