Bei einer Apfelschorle und einer Brezel mit Schnittlauchquark plaudert Marco Kehl-Gomez über seine bewegte Zeit beim SGV Freiberg. Foto: Andreas Essig
Über vier Jahre war Marco Kehl-Gomez (34) das Gesicht des SGV Freiberg. Vor seinem Abgang nach Sandhausen kritisiert der Kapitän die Kommune und lobt seinen Coach.
Im letzten Heimspiel der Saison trifft Marco Kehl-Gomez in der Fußball-Regionalliga am Samstag mit dem SGV Freiberg ausgerechnet auf seinen neuen Club SV Sandhausen. Davor erzählt er von den bewegendsten Momenten, was ihn geärgert hat und dass er unbedingt zu seinem Abschied die drei Punkte gegen Sandhausen holen will.
Herr Gomez, Sie wirken sehr mit sich im Reinen. Was treibt Sie gerade um?
Ich komme gerade aus dem Krankenhaus aus Markgröningen. War beim Kollegen Ryan Adigo, der am Kreuzband operiert wurde. Mir ist das zum Glück bislang erspart geblieben. In jungen Jahren in der Schweiz hatte ich zweimal eine Knöchelfraktur. Das hat mich ein Jahr gekostet. Aber seit ich in Deutschland bin, gab es keine Verletzungen, die mich lange aus der Bahn geworfen haben. Nur die Nase hab ich dreimal gebrochen, was nicht zu übersehen ist.
Sie sind bekannt dafür, dass Sie viel für ihrer Fitness machen.
Das stimmt. Früher hatte ich auch muskuläre Geschichten und habe daraus gelernt und vieles umgestellt. Es gibt gute und schlechte Spieler, aber Fitness kann jeder lernen. Da spielt das Alter keine Rolle. Ich kann der Mannschaft nicht helfen, wenn ich nicht fit bin und muss gerade bei den jungen Spielern vorangehen. Und wenn ich das in meinem Alter (lacht) hinbekomme, dann müssen die es erst recht schaffen. Für mein intensives Spiel muss ich 100 Prozent fit sein, sonst kann ich die Leistung nicht abrufen. Ich gehe da immer an meine Grenzen in der Vorbereitung – egal ob es minus drei Grad sind oder plus 36. Und ich will immer schon gut vorbereitet in die Vorbereitung, die am 23. Juni beginnt, gehen. Jetzt sind bald vier Wochen Urlaub, da gönne ich mir zehn freie Tage und dann fängt es wieder an.
Sie werden dann das Trikot des SV Sandhausen tragen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Es war klar, dass mein Vertrag im Sommer ausläuft. Ich wollte sportlich noch einmal einen neuen Weg gehen. Klar, Freiberg macht einen Neuanfang in Heilbronn. Das war für mich auch Thema und auch mein Verhältnis zum Präsidenten und der sportlichen Leitung passt. Beim Verein ist die Enttäuschung natürlich groß, was ich nachvollziehen kann und die warmen Worte kann ich zurückgeben. Ich war noch nie so lange bei einem Verein. Und wenn wir aufgestiegen wären, hätte ich auch verlängert. Mich hat ein neues Umfeld gereizt, dass schon über die entsprechende Infrastruktur verfügt, und auch die Ambitionen des Clubs haben mich überzeugt. Das war keine Entscheidung gegen den SGV Freiberg, dessen Weg ich weiter verfolgen werde, sondern für Sandhausen wo ich den größeren sportlichen Erfolg sehe.
Foto: Pressefoto Baumann
Sie haben den versäumten Aufstieg angesprochen. Was hat Großaspach besser gemacht?
Sie waren insgesamt konstanter und in den entscheidenden Momenten eiskalt. Sie waren in den Topspielen da, wir nicht. Wenn es um die Wurst geht, sieht man ob Spieler funktionieren oder nicht. Das ist kein Vorwurf. Fußball wird eben auch mit dem Kopf gespielt. Man kann aber trotzdem noch viel ziehen aus der Saison. Wir haben Rekorde aufgestellt (neun Siege in Serie) und Fußabdrücke hinterlassen und die Mannschaft hat auch ihren Anteil dran, dass man künftig in Heilbronn spielen wird. Zu diesem Thema wollte ich auch noch was loswerden.
Was meinen Sie damit?
Ich weiß nicht, was man als Team mehr tun kann im sportlichen Bereich als der SGV für eine Kommune. Aber statt dessen wurden dem Verein immer wieder Steine in den Weg gelegt, das ist für mich absolut unverständlich. Die Mannschaft hat sich doch zerrissen. Ich weiß nicht, warum die Stadt nicht mit uns gearbeitet hat oder sogar gegen uns. So kam es zumindest bei uns als Mannschaft rüber. Wenn ich nur an die erste Saison in der Regionalliga denke, als wir nach Bissingen zum Training fahren mussten. Das war nicht gerade fördernd. Und da gibt es noch andere Dinge, die ich hier nicht erzählen kann. Jede Region lebt doch auch von einem erfolgreichen Verein, der dann auch ein Magnet sein sollte. Hier habe ich das Gefühl, dass man froh ist, wenn durch den Umzug nach Heilbronn Ruhe einkehrt. Da passt es auch ins Bild, dass wir gegen Steinbach-Haiger kürzlich über 800 Zuschauer im Stadion hatten und nach dem 0:4 in Großaspach kamen gegen Mainz 05 II – obwohl die Chance noch da war – gerade mal 150. So tickt eben der Mensch, man merkt sowohl privat als auch im Job erst wenn es nicht läuft, wer hinter dir steht. Ich denke in Heilbronn wird es anders. Da schreit die Region nach Profifußball. Da kann sich was entwickeln.
Klare Worte, die Sie oft gefunden haben, auch als der Club zweimal keine Lizenz für die 3. Liga beantragt hat.
Das stimmt, ich bin impulsiv und laut und kein Kind von Traurigkeit. Das ist eben mein Naturell. Ich blicke auf eine schöne, erfolgreiche, aber auch anstrengende Zeit beim SGV Freiberg zurück – siehe Thema Lizenzen. Wir haben – und das soll nicht großspurig klingen – Freiberg inzwischen auf die Karte in Fußball Deutschland gepackt. Ich wurde damals belächelt, als ich zum SGV ging, der damals noch in der Oberliga spielte. Aber es hat sich gelohnt und ich bin dankbar für die Zeit hier. Wir sind aufgestiegen, haben die Klasse gehalten, sind Vierter, dann Dritter und jetzt Zweiter geworden, haben trotz der Enttäuschung des Nichtaufstiegs ein Statement gesetzt, auch wenn es immer noch weh tut, dass wir es nicht geschafft haben.
Welche Spuren werden Sie hinterlassen?
Ich denke, ich habe mehr als alles gegeben, habe in der Zeit als Kapitän über 30 neuen Spielern geholfen, sich zu integrieren und sie auch zu fördern, musste dabei auch gleichzeitig schauen, dass ich in meiner Leistung nicht nachlasse. Das hat auch Kraft gekostet. Da bin ich ehrlich. Aber ich gebe den Jungs auch mit, dass es andere Menschen schwerer haben als wir, die unser Hobby zum Beruf machen können. Überhaupt wird in Deutschland vieles schlecht geredet. Ich sage da immer, ändere was für dich. Auch ein Blick über den Tellerrand ist wichtig. Und wie vergänglich alles ist, habe ich gesehen, als ein früherer Mitspieler von mir – Sebastian Hertner, mit dem ich einige Wochen davor noch zusammengesessen bin – bei einem Sesselliftunglück umgekommen ist oder die Tragödie von Homburgs Spieler Markus Mendler, dessen Frau wenige Tage nach der Geburt des Kindes gestorben ist.
Was war der schönste und der bitterste Moment?
Der Aufstieg in die Regionalliga, als die Stuttgarter Kickers eigentlich schon oben waren und wir in der Nachspielzeit durch Marcel Sökler noch das 1:1 in Nöttingen gemacht haben. Bitter war das 0:4 bei der SG Sonnenhof Großaspach. Das tat mir auch für die Jungs leid, weil ich bin ja schon mit Elversberg und Saarbrücken aufgestiegen bin. Ja schade, dass wir uns die Kirsche auf der Torte nicht geholt haben.
Foto: Pressefoto Baumann
In Sandhausen bleibt Kevin Stotz Cheftrainer. Wie ist ihr Verhältnis zu Kushtrim Lushtaku?
Zwischen uns passt kein Blatt Papier, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Aber genau deshalb sind wir zusammen auch erfolgreich gewesen. Und Respekt, wie er es hinbekommen hat, mit über 20 Neuzugängen diese Mannschaft zu formen. Ich kann mir deshalb auch nicht vorstellen, dass man den Trainer hinterfragt. Ich wünsche ihm weiter den maximalen erfolg. Er ist mit sehr viel Emotionalität und Engagement dabei. Davon hat man lieber zu viel als zu wenig.
Wohnen Sie weiter in Hardthausen?
Ja, auch wenn die Anfahrt zum Training jetzt weiter ist. Ich möchte meine drei Kinder nicht aus ihrem gewohnten Umfeld rausreißen. Auch deshalb hat Sandhausen als Standort gut gepasst, weil wir nicht umziehen müssen.
Blicken wir auf das Spiel am Samstag. Wollen Sie ihrem neuen Verein noch einmal zeigen, dass sie den Richtigen verpflichtet haben?
Klar. Ich will da unbedingt noch einmal drei Punkte holen. Aber sind wir ehrlich, das Spiel ist in seiner Konstellation alles andere als normal, das wird natürlich Thema sein. Es ist mein letztes Heimspiel, da interessiert mich Sandhausen nicht.
Es ist auch nicht mehr lange hin bis zum Fußball-WM. Kribbelt es schon?
Zuletzt war und bin ich immer noch mit Freiberg beschäftigt. Da ist noch kein WM-Feeling bei mir angekommen. Ich hoffe, das zündet noch. Die Spiele sind oft mitten in der Nacht. Manche passen auch. Aber WM bleibt WM, auch wenn die Preise dort überhöht sind – hab gesehen, dass man um einmal zu übernachten und ein Spiel live zu sehen 3000 Euro zahlen muss. Das geht gar nicht.
Und welche Chancen räumen sie als Schweizer der Nati ein?
Der Schweiz traue ich nach den guten Testspielen schon einiges zu, wenn man sieht wie viele überragend gute Spieler von uns auch in der Bundesliga spielen. Wir müssen uns da nicht verstecken, auch wenn wir als kleines Land uns natürlich nicht mit Deutschland vergleichen können. Aber das macht doch so ein Großturnier auch meistens aus, dass die eine oder andere Überraschung dabei ist.
Ihr Vertrag in Sandhausen läuft zwei Jahre. Gibt es schon Gedanken was dann kommen könnte?
Nein. Ich bin keiner, der lange vorausplant. Und so lange ich noch Fußballer bin, schaue ich nicht nach links und nicht nach rechts, das würde von meiner Energie abgehen. Aber auch nach der Karriere kann ich mir eine Zukunft im Fußball vorstellen.
Vita Marco Kehl-Gomez kam am 1. Mai 1992 in Zürich zur Welt. Der Sohn einer spanischen Mutter und eines Schweizer Vaters spielte in seiner Jugend für Juventus Zürich und für Grasshopper Zürich. In Deutschland hießen seine Stationen SC Pfullendorf, Chemnitzer FC, SV Elversberg, 1. FC Saarbrücken, Rot-Weiss Essen, Türkgücü München und seit 2022 SGV Freiberg.
Persönliches Kehl-Gomez ist verheiratet und hat drei Kinder. Die Familie wohnt in Hardthausen am Kocher.