130 Jahre lang hatte die Neckar-Realschule ihr Domizil in Stuttgart-Mitte. Wegen Stuttgart 21 ziehen Schüler und Lehrer nach Ostern an die Heilbronner Straße um. Und worauf freuen sich manche am meisten? „Auf die neuen Toiletten!“

Stuttgart - Die Antwort könnte kaum ehrlicher sein. „Am meisten freuen wir uns auf die neuen Toiletten“, sagt die elfjährige Giulia D’Agostino. Sie steht mit ihren Freundinnen mitten im Gewusel der Mitschüler. Die Mädchen und Jungen warten auf das Signal zum Aufbruch durch den Schlosspark in Richtung Heilbronner Straße. Das Ziel ist das neue Schulgebäude, das alte lassen sie am letzten Schultag vor den Osterferien für immer zurück.

 

In den Tagen zuvor haben sie mit ihren Lehrern zusammen Bücher in Kisten verpackt und die Dekoration von den Wänden entfernt. Das alte Schulgebäude an der Willy-Brandt-Straße hat so Stück für Stück seine persönliche Note verloren. Zurück bleibt ein hohles Gebäude, in dem noch die alten Tische und Stühle in den Klassenzimmern stehen. Sie sind zu abgenutzt, um mit auf die Reise zu gehen.

Der typische Geruch von Schule

Der stellvertretende Schulleiter Heinz-Dieter Horlacher führt noch einmal durch die verwaisten Räume. Die Decke ist hoch, und die Schritte auf dem Boden hallen in den langen Gängen. Der typische Geruch von Schule hängt in der Luft – gespeist von vielen nassen Schwämmen und unausgelüfteten Winterjacken. „Das war für 130 Jahre eine Schule“, sagt Horlacher. Er selbst hat elf Jahre lang in dem Gebäude mit seiner alten Geschichte unterrichtet. „Andere Kollegen waren für Jahrzehnte hier. Denen fällt der Abschied schon ein bisschen schwer“, sagt Horlacher.

Einer von denen, denen es ziemlich schwerfällt, ist Hartmut Stolz. Er hat 1973 als Sport-, Erdkunde- und Ethiklehrer an der Neckar-Realschule angefangen. Er trifft sich immer noch mit der ersten Klasse, die er damals unterrichtet hat. „Die sind mittlerweile auch alle um die fünfzig“, berichtet er. Stolz räumt ein, dass ihn der Gedanke an einen Umzug kurz vor seiner Pensionierung zunächst nicht sehr erfreut hat. Aber auch er weiß, dass das alte Schulgebäude in vielerlei Hinsicht nicht mehr den heutigen Standards entspricht.

Unvermeidbare Aufgabe des alten Standorts

Der Bau des Tiefbahnhofs in unmittelbarer Nachbarschaft sei letztlich nur der Anlass gewesen für eine unvermeidbare Aufgabe des alten Standorts, sagt der Pädagoge. „Für Schüler und Kollegen ist der Umzug in ein modernes Gebäude eine tolle Sache.“ Ein bisschen gilt das inzwischen auch für ihn: „Mittlerweile bin ich sehr gespannt, wie alles wird.“

Die Schüler brechen zu ihrem neuen Schulgebäude auf, nach dem sich alle auf einer weißen Tür aus dem alten Gebäude mit ihrer Unterschrift verewigt haben. Sie soll ihren festen Platz finden auf dem neuen Schulgelände an der Heilbronner Straße. In den Händen halten die Schüler Transparente. Auf ihnen steht zum Beispiel „Viel Glück!“.

Die Schüler sollen den Komfort genießen

Schulleiterin Elke Meyer verlässt als Letzte das Schulgelände. Sie lässt einen leeren Schulhof zurück, der eigentlich keiner mehr ist. Das neue Schulgebäude, in dem es nach den Osterferien wieder Unterricht geben wird, ist anders als das alte Gebäude nicht von Häusern umgeben, sondern von Bäumen. Es ist rot angestrichen, die großen Fensterfronten fallen auf. Vor dem Schulgebäude hat Meyer ein rotes Band aufhängen lassen. Eine Schülerin soll es durchschneiden. „Als Symbol, dass die Schüler das Gebäude in Besitz nehmen“, sagt die Schulleiterin. Im Gebäude riecht es nach neuen Möbeln, die gerade aus der Plastikfolie ausgepackt worden sind. Licht durchflutet die Gänge. Das alte Schulgebäude an der Willy-Brandt-Straße wirkte dagegen eher düster. „Wir haben jetzt Aufenthaltsräume und die Räume für die Naturwissenschaften sind auf dem neuen Stand“, sagt Elke Meyer. Und: „Jeder Lehrer hat seinen eigenen Arbeitsplatz.“ Die Besichtigungstour wäre wohl nicht komplett, ohne einen Abstecher auf die neuen, von den Schülern heiß ersehnten Toiletten. Weiße Kacheln, rote Armaturen – der Eindruck entspricht einer Hoteltoilette. Die Schüler sollen den Komfort genießen. Und sich in der neuen Schule wie zuhause fühlen.