Abschied von Gauthier Dance Anneleen Dedroog und Garazi Perez Oloriz brauchen Zeit zum Durchatmen
Die beiden Tänzerinnen haben Gauthier Dance mitgeprägt. Nun wollen Garazi Perez Oloriz und Anneleen Dedroog eigene Wege gehen.
Die beiden Tänzerinnen haben Gauthier Dance mitgeprägt. Nun wollen Garazi Perez Oloriz und Anneleen Dedroog eigene Wege gehen.
Seit 18 Jahren gibt es Gauthier Dance. 16 Jahre davon ist die spanische Tänzerin Garazi Perez Oloriz mit an Bord, auf immerhin 14 Jahre bringt es ihre belgische Kollegin Anneleen Dedroog. Wenn die beiden zum Saisonende die Theaterhaus-Kompanie verlassen, ziehen nicht nur drei Jahrzehnte Erfahrung von dannen. Der Abschied markiert auch den Wandel, den die 2007 mit sechs Tänzern gestartete Kompanie durchlaufen hat.
Heute ist das Arbeits- und Tour-Pensum der 16-köpfigen Gruppe so intensiv, dass eine lange Verweildauer in Zukunft wohl eher die Ausnahme bleiben wird. Pläne für die Zeit nach der aktiven Karriere schmieden oder parallel ein Fernstudium anpacken? Garazi Perez Oloriz und Anneleen Dedroog schütteln den Kopf beim Abschiedsgespräch im Theaterhaus und lachen. Dafür war bei Gauthier Dance keine Zeit.
„Wir arbeiten so viel und intensiv“, erklärt Anneleeln Dedroog und fügt an: „Die freien Tage brauchte ich zum Ausruhen. Das geht nicht anders, wenn man diesen Job gut machen will.“ Und auch Garazi Perez Oloriz braucht jetzt erstmal eins: „Zeit für mich. Danach können viele Dinge passieren, aber zuerst brauche ich ein paar Monate Ruhe, um den Kopf frei zu bekommen.“
Die gemeinsame Wohnung haben die beiden gekündigt, die Umzüge organisiert, die Abschiedsvorstellung in Akram Khans neuem Stück „Turning of Bones“ hinter sich. In der verbleibenden Zeit bis zum Ende der Saison helfen sie beim Einarbeiten der neuen Tänzerinnen – und freuen sich auf das, was kommt. „Wir sind beide Familienmenschen, mussten für unsere Ausbildung aber sehr jung von zu Hause weg“, sagt Anneleen Dedroog. Da haben die heute 34 und 37 Jahre alten Töchter viel Nachholbedarf und wollen erst einmal zurück zu ihren Familien.
Die Reisemöglichkeiten, die ihr baskisches und flämisches Zuhause verbinden, haben die beiden Tänzerinnen, die auch beste Freundinnen sind, bereits gecheckt. Auch Stuttgart behalten sie im Blick. „Die Stadt ist und bleibt mein Zuhause“, sagt die eine. „So lange wie in Stuttgart waren wir nirgendwo“, die andere. Neben der Zeit verbinden sie Freundschaften und natürlich viele Rollen mit Gauthier Dance.
Garazi Perez Oloriz war kaum da, da zeigte sie als Titelheldin in Christian Spucks „Poppea//Poppea“ schon ihr Potenzial, in Mauro Bigonzettis „Alice“ war sie eine Hälfte der doppelgesichtigen Protagonistin; überhaupt wurde die kleine Tänzerin, die alles so leicht aussehen lassen kann, über die Jahre zum markanten Gesicht von Gauthier Dance. Und auch Anneleen Dedroog ist nicht nur wegen ihrer Größe nicht zu übersehen. Als herrische Königin in „Alice“ machte sie ebenso Eindruck wie in Louise Lecavaliers „Elements“-Beitrag, dem Solo „Ether“, für dessen ausdrucksstarke Interpretation die Belgierin mit einer Nominierung für den deutschen Tanzpreis „Der Faust“ belohnt wurde.
Bei der letzten Gauthier-Dance-Vorstellung im Rahmen des Colours-Festivals, bei der ebenfalls die polnische Tänzerin Izabela Szylinska und der philippinische Ballettmeister Cesar Loscin verabschiedet wurden, gab auch eine Reihe von Choreografinnen und Choreografen den Scheidenden gute Worte mit auf den neuen Weg. Hofesh Shechter, Mauro Bigonzetti, Marie Chouinard, Sharon Eyal, Louise Lecavalier, Marco Goecke und Akram Khan waren darunter. Namen, die zeigen, wie vielfältig die Aufgaben bei Gauthier Dance waren, die Garazi Perez Oloriz und Anneleen Dedroog zu zwei der profiliertesten Tänzerinnen der Kompanie machten.
„Ich bin so glücklich mit den vielen Dingen, die ich hier machen konnte. Es war nicht einfach, die Entscheidung für diesen Abschied zu treffen“, sagt Garazi Perez Oloriz verständlicherweise beim Rückblick auf das Geleistete. „Wir sind mit Gauthier Dance groß geworden. Aber nun spüre ich meinen Körper, der älter wird“, fügt Anneleen Dedroog an. Beide sind dankbar für die enge Freundschaft, die sie verbindet und die sie durch schwierige Momente in ihrem Beruf getragen hat. „Wir kamen zu Gauthier Dance, weil wir Teil dieser Familie sein wollten“, sagt Garazi Perez Oloriz. Heute kämen die Tänzer wegen des Rufs der Kompanie, wissen die Freundinnen und sind sich sicher: „Wir haben die besten Jahre von Gauthier Dance erlebt.“
Bei einem gemeinsamen Ausflug nach Paris haben die beiden schon einmal das neue Leben jenseits von Pflichten getestet. „Es war verblüffend, nicht irgendwann in einem Theater sein zu müssen“, spielt Garazi Perez Oloriz auf die intensive Tourtätigkeit von Gauthier Dance an, die die Kompanie 2024 etwa drei Wochen durch Kanada führte. Und Anneleen Dedroog ergänzt: „Wir haben uns gefreut und gesagt: Das ist unsere Zukunft, wir werden Ferien wie diese haben.“
Wer die beiden Künstlerinnen als starke Persönlichkeiten von der Bühne kennt, weiß, dass sie auch jenseits davon ihren Weg machen werden. „Wir Tänzerinnen bringen so viel Disziplin und andere Qualitäten mit, dass wir auch in einem neuen Job von Null beginnen und bestehen können“, ist sich Anneleen Dedroog sicher. Man kann den beiden dafür nur alles Gute wünschen.
Ersatz
Nachfolgerinnen für Garazi Perez Oloriz und Anneleen Dedroog sind bereits unter den Gauthier Juniors gefunden. Von dort wechseln die Italienerin Rebecca Amoroso und die Französin Garance Goutard-Dekeyser in die Hauptkompanie Gauthier Dance.
Groß
Rebecca Amoroso hat ihre Ausbildung in Frankreich abgeschlossen und dort beim Cannes Jeune Ballet erste Bühnenerfahrungen gesammelt. 2023 kam sie zu den Gauthier Juniors; hier fiel die blonde Tänzerin nicht nur wegen ihrer Größe auf.
Norden
Garance Goutard-Dekeyser wuchs im Norden Norwegens in Tromsö auf. In Oslo bereitete sie sich auf eine professionelle Tänzerausbildung vor, die sie in Vancouver absolvierte. Beim kanadischen Ballet BC Annex sammelte sie erste Erfahrungen, bevor sie 2024 zu den Gauthier Juniors stieß.