Abschied von Helmut Kohl Machtvoll zelebrierte Trauer

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Zwei Wochen liegen zwischen dem Tod Helmut Kohls und seiner Beisetzung. Friedvoll ist diese Zeit angesichts der Machtspiele um die Abschiedszeremonie allerdings nicht. Das ist selbst für Außenstehende verstörend, sagt StZ-Autorin Hilke Lorenz.

Abschiedsszenen in Ludwigshafen vor dem Haus Helmut Kohls. Foto: dpa
Abschiedsszenen in Ludwigshafen vor dem Haus Helmut Kohls. Foto: dpa

Ludwigshafen - Jeder Mensch trauert auf seine Art. Der Tod Helmut Kohls und der Umgang mit seinem Ableben ist anders als alles bisher Erlebte. Er zeigt, wie machtvoll man Trauer zelebrieren und wie man sich eines Toten auf vielerlei Weise bemächtigen kann. Je länger sich die Spanne zwischen Sterbestunde und Begräbnis zieht, desto verstörender wirkt das Geschehen selbst auf Unbeteiligte, und desto mehr Raum für würdelose Mutmaßungen gibt es, was im Haus in Oggersheim gerade geschieht. Aus den wahrscheinlich persönlichsten und intimsten Momenten im Leben Helmut Kohls werden so die wohl öffentlichsten. Denn auch bei anderen Staatsoberhäuptern liegt oft mehr Zeit als die üblichen drei Tage zwischen Tod und Beisetzung, und doch hat dieses Warten stets etwas Still-Würdevolles. Im aktuellen Fall hingegen scheinen Witwe Maike Kohl-Richter und Sohn Walter Kohl die Aufmerksamkeit geradezu zu suchen.

15 Tage bis zur letzten Ruhe

15 Tage werden vergangen sein, wenn der europäische Ehrenbürger am kommenden Samstag im ersten europäischen Trauerakt aller Zeiten in Straßburg gewürdigt und verabschiedet wird und über eine Fahrt auf den Rhein nach Speyer gelangt, um dann dort nach einer Abschiedsfeier im Dom seine letzte Ruhe auf einem Friedhof zu finden. Endlich, möchte man sagen.

Der Vater der deutschen Einheit, der Europäer der ersten Stunde, der Altbundeskanzler Helmut Kohl – und nebenbei auch noch der Vater zweier Söhne und Großvater mehrerer Enkel – ist nicht einfach nur gestorben, um nach langen Jahren der ihn einschränkenden Krankheit seinen Frieden zu finden. Helmut Kohl ist gestorben, um nach seinem Tod symbolträchtig wiederaufzuerstehen. Das steht bedeutenden Repräsentanten der Gesellschaft fraglos zu. Für Europa. Für seine Frau. Nicht aber für seine Familie.

Aus privater Trauer wird öffentliche

Einen solchen Trauerakt, wie er nun geplant ist, muss man als Angehöriger ausdrücklich wollen. Denn man gibt den Toten preis, die private stille Trauer wird zum öffentlichen Ereignis. Aus den Äußerungen, die nach außen dringen, wissen wir: Genau so soll es sein. Der Verstorbene selbst gibt die Richtung für dieses Zeremoniell vor. Seine Verbitterung und sein Zerwürfnis mit ehemaligen Weggefährten und dem Land, von dem er sich nicht genug gewürdigt fühlt, geht über den Tod hinaus. Das ist ungeachtet aller politischen Grabenkämpfe der Vergangenheit auch unglaublich traurig, begreift man Sterben und Tod als eine existenzielle Erfahrung – jenseits aller religiösen Vorstellungen.

Dieser Trauerakt ist eine Inszenierung, die deutlich macht, in welcher Tradition der Verstorbene stehen möchte: in der des Europäers, des ersten Kanzlers der Republik und ein bisschen auch in der der deutschen Kaiser. Die Familie kommt in diesem Szenario nicht vor. Das Familiengrab bleibt leer. Vielleicht ist ja genau das das menschlich so Verstörende für uns Normalsterbliche, die sich in solchen wirkungsmächtigen Demonstrationen der Macht an die Abschiede erinnern, die wir selbst erlebt haben. Denn wir fragen uns: Wie hält man das aus? Ist das unsere Vorstellung eines geglückten Abtretens von dieser Welt?

Es ist zum Heulen

Jede Trauer ist anders. Es gibt keine für alle verbindlich geltenden Wege, Verlust zu leben. Das Kohl’sche Haus in Oggersheim ist im Aushandeln und Warten auf den Trauerakt in den zwei Wochen zu einem Privatmausoleum geworden. Es ist gute Tradition, Totenwacht zu halten, um Verstorbene gemeinsam zu verabschieden. In Oggersheim ist alles anders. Dort bleibt die Tür verschlossen für Sohn Walter und den Enkel. Was sich vor unseren Augen abspielt, ist ein schier endloser Trauermarathon, ein hinausgeschobener Abschied, der viele Verletzungen hinterlässt und der für alle Beteiligten, legen sie auch noch so viel Stärke an den Tag, nicht gesund sein kann. Das ist verstörend und zum Heulen.




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