Stuttgart - Es ist kein Gutenachtgespräch, wie man es oft führt, von dem Mechthild Schroeter-Rupieper erzählt. Vor ein paar Tagen sagte die 55-Jährige abends vor dem Einschlafen zu ihren Mann: „Wenn ich jetzt in dieser Zeit sterbe, dann wünsche ich mir, dass ihr mit meiner Urnenbestattung noch etwas wartet, bis man eine größere Abschiedsfeier machen kann. Und ich fände es übrigens schön, ihr würdet meine Urne bemalen.“ Als Ehemann einer renommierten Trauerbegleiterin verstand der Angesprochene sofort, was seine Frau ihm sagen wollte. „Klar“, sagte er. „Wir stellen dann deine Urne so lange auf den Flügel, bis man wieder bestatten darf.“ In Nordrhein-Westfalen ist das möglich.
Noch eine Weile inmitten der Familie zu sein, das ist für Mechthild Schroeter-Rupieper ein sehr beruhigender Gedanke, auch wenn sie sich bester Gesundheit erfreut. Nicht nur die Gelsenkirchenerin, die als Familientrauerbegleiterin bundesweit unterwegs ist, stellt sich die Frage, wie sich die Zeit der Corona-Pandemie darauf auswirkt, wie Verstorbene von denen betrauert werden, die sie zurücklassen.
Bekannte Rituale lassen sich nicht leben
Sterbende und Trauernde, aber auch Krankenhaus-, Hospiz- und Pflegeheimmitarbeiter, Sterbe- und Trauerbegleiter, Seelsorger und Bestatter erleben momentan eine noch nie da gewesene Zeit. Rituale, die sonst Halt und vor allem Trost geben, lassen sich nicht mehr leben. Mechthild Schroeter-Rupieper fragt durchaus mit einer gewissen Neugierde: „Werden wir im Herbst ganz viele große Abschiedsfeste feiern? Werden viele Trauerfeiern an den Geburtstagen der Verstorbenen gefeiert? Und werden wir das ertragen oder unter der Last zusammenbrechen?“ Und mancher Pfarrer dürfte sich derzeit wohl besorgt überlegen: Werden wir die Bugwelle an Trauerfeiern, die wir gerade vor uns herschieben, auch gut bewältigen?
Denn seit Wochen geht das jetzt so. Die immer gleichen Sätze wechseln sich in den Todesanzeigen ab. „Die Urnenbeisetzung findet zu einem späteren Zeitpunkt statt“, heißt es da. Oder auch: „Die Beisetzung hat im engsten Familienkreis stattgefunden.“ Kein Datum, keine Uhrzeit. In den Aushängen an den Friedhöfen hängen keine Mitteilungen mehr, wer wann beigesetzt wird. Zwischen den Zeilen ist in vielen Todesanzeigen eine stille Verzweiflung zu lesen, wenn da steht: „Aufgrund der aktuellen Lage kann die Trauerfeier leider nur im engsten Familienkreis stattfinden. Danke allen, die im Herzen bei uns sind.“ Der einsame Abschied, er schmerzt. Ein Mensch ist mehr als seine Familie. Er hat Freunde, Weggefährten. Sie alle sind nun um das Ritual des Abschieds gebracht. Selbst Menschen, die nicht an Corona sterben, verschwinden von dieser Welt fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Trauergespräche am Telefon
Und für Corona-Tote gilt: Sie werden gleich noch am Sterbeort vom Pflegepersonal in Bergungssäcke gelegt. Die werden dann vom Bestatter ohne Umwege ins Krematorium zur Einäscherung gebracht. Für Angehörige heißt das im schlimmsten Fall: Nach der Einlieferung ins Krankenhaus, der Unterbringung auf der Isolierstation kann der Anblick der Urne die erste Wiederbegegnung mit dem Vater, der Mutter oder der Schwester sein. Mit Blick auf die Infektionsgefahr klingt das Prozedere angesichts des sich ausbreitenden Coronavirus natürlich vernünftig. Aber ist es für die Trauernden und die Gesellschaft emotional auch gesund?
Für mehr als zwei Menschen aus unterschiedlichen Haushalten gilt zwar eine Kontaktsperre im Land, für Beerdigungen aber gelten Ausnahmebestimmungen, der Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den Trauernden gilt auch dort. Bis Ende letzter Woche galt als Obergrenze für Trauerfeiern die Zahl von zehn Personen – inklusive des Geistlichen, eines Trauerredners oder eines Musikers. Trauergespräche finden am Telefon statt, meist nur mit einer Person aus der Familie, dabei ergeben sich viele Details für die Trauerfeier doch aus dem Zusammenspiel der Erzählungen von Ehepartner und Kindern. Es gibt keinen Leichenschmaus, wo Leib und Seele gestärkt werden und wo neben Weinen auch das Lachen manchmal dazugehört. „Es ist gruselig“, sagt ein Seelsorger.
Seit Kurzem dürfen an einer Beisetzung nun mehr Personen teilnehmen, nämlich die, „die in gerader Linie mit dem Toten verwandt sind oder in häuslicher Gemeinschaft mit ihm zusammenleben sowie deren Partnerinnen und Partner“. So heißt es in der Verordnung über infektionsschützende Maßnahmen bei Gottesdiensten und Bestattungen des Landes Baden-Württemberg. Wer jetzt einen Angehörigen zu Grabe trägt, kann mit keiner Umarmung am Grab, keinem Händedruck rechnen. Nicht immer reicht aber ein Blick und ein Zunicken. „Wir müssen wieder Worte für unsere Trauer jenseits der Floskeln und neue Formen der Trauer finden“, fordert Mechthild Schroeter-Rupieper. In ungewöhnlichen Situationen wie jetzt könne auch eine Chance für neue kreative Abschiedsformen liegen.
Neue Formen der Verbindung finden
Margit Gratz, die Leiterin des katholischen Hospizes St. Martin in Stuttgart, berichtet vom Dilemma, in dem sich ihr Haus befindet. Auch hier gilt: Ein Gast darf einen Angehörigen pro Tag empfangen. So versucht das Hospiz, den Bedürfnissen seiner Gäste und ihrer Besucher gerecht zu werden. Im Grunde widerspricht dieses Krisenmanagement aber den Ansprüchen der Hospizbeschäftigten. Sie versuchen gezwungenermaßen den Spagat zwischen Abschiednehmen und Schutz der Mitarbeiter. „Aber unter Abschied verstehen wir natürlich etwas anderes“, sagt Gratz. Barbara Hummler-Antoni, die Leiterin der Trauerbegleitung im Hospiz, ergänzt: „Eine liebevoll-rituelle Verabschiedung am Sterbebett fällt nahezu aus.“ Sie berichtet von einem Fall, der die Nebenwirkungen der Pandemierichtlinien in der Praxis deutlich macht. Nach dem Tod eines Hospizgastes kamen die Eltern und die Schwester ins Haus. Sie durften nicht ins Zimmer der Toten. „Eine solche Situation, die gegen unsere Haltung und Überzeugung ist, bringt uns an unsere Grenzen“, sagt Hummler-Antoni. Abschiede am Totenbett oder Totenwachen sind auch bei nicht an Corona Erkrankten nicht erlaubt. „Wir versuchen, Formen gegen die verordnete Isolation zu finden“, sagt Hummler-Antoni, die auch Kunsttherapeutin ist. „Wir haben versucht, über das Lebenslicht, das im Hospiz gut sichtbar im Fenster steht, eine spirituelle Verbindung zu den Toten zu schaffen.“
Das improvisierte Ritual hat geholfen. Insgesamt sind Trauerexperten jedoch in großer Sorge. „Die Möglichkeit, von Sterbenden Abschied zu nehmen– auch in symbolischer und ritueller Form –, wirkt sich positiv auf den Trauerverlauf aus. Rituale helfen, die eigene Ohnmacht zu überwinden und über die eigenen Grenzen hinauszublicken“, heißt es in einer Handreichung für Seelsorger, wie sie ein Zusammenschluss von Spiritial-Care-Experten, Theologen und Palliativkräften verschiedener Universitäten und Einrichtungen vor ein paar Tagen veröffentlicht hat. Identische Armbänder, die Verstorbene und Angehörige tragen, könnten ein solches Ritual sein. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Andrea Haller vom Bestattungshaus Haller beobachtet, dass in den vergangenen Wochen der Wunsch der Angehörigen, von Verstorbenen nach der Versorgung ein Foto machen zu lassen, deutlich zugenommen hat. Die Aufnahmen sollen für viele den letzten Blick auf den Toten im Sarg ersetzen.
Trauer lässt sich nicht aufschieben
„Wir müssen damit rechnen, dass die Trauer bei den Angehörigen ins Hintertreffen gerät, weil die Toten in Zeiten von Corona sterben“, sagt Hummler-Antoni. Erfahrene Trauerbegleiterinnen wie sie rechnen infolge des Corona-Trauerstresses mit einer großen Anzahl von Menschen mit verlängerter Trauerstörung. Der bisher im Hospiz zelebrierte Abschied vom Leben findet keinen Abschluss. „Wir müssen in der Krise Rituale entwickeln, die nicht auf Nähe angelegt sind“, sagt auch Margit Gratz.
Denn anders als Konzerte, Messen, Olympische Spiele und Bundesliga-Spiele lässt sich der Tod nicht im Kalender aufschieben. Verluste müssen und wollen gelebt werden, in dem Moment, in dem sie sich ereignen. Der Tod von Vater oder Mutter, eines Geschwisters oder gar eines Kindes findet nur einmal im Leben statt. Jeder Verlust ist einmalig. In der Trauerbegleitung gilt die Zeit zwischen Tod und Beisetzung, die sogenannte Schleusenzeit, als sehr wichtig. Danach beginnt eine neue Phase der Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Welche Folgen haben die aufgeschobene Trauer, die auf einen unbestimmten Termin verschobenen Beisetzungen? „Schuld und vermeintliche Schuldgefühle werden in den nächsten Monaten großen Raum einnehmen in der Trauerbegleitung“, vermutet Hummler-Antoni. Was Hospize, Trauerbegleitung und Kirchen über Jahrzehnte versucht haben, nämlich das Sterben und den Tod wieder ins Leben und in die Mitte der Gesellschaft zu holen, ist für unabsehbare Zeit nicht mehr möglich. Der Tod ist vordergründig erst einmal zu einem rein logistischen Problem geworden.
Große Herausforderung für die Helfer
Nicht nur für die Hinterbliebenen von Corona-Toten. Auch für die Angehörigen der durchschnittlich etwa 2500 Menschen, die täglich an ganz anderen Ursachen sterben – weil sie schwerstkrank oder einfach nur alt sind oder einen Unfall nicht überleben. Deren Sterben findet in einer völlig veränderten Welt statt. Die Besuchszeiten in den Palliativstationen der Krankenhäuser sind für nahe Angehörige auf eine Stunde täglich beschränkt.
Wie aber kann man Abschied nehmen oder einen Menschen begleiten, wenn man nicht bei ihm sein kann? „Das kann für die Trauerverarbeitung nicht förderlich sein“, sagt ein Mediziner, der im Palliativbereich arbeitet. In manchen Kliniken sind kurze Abschiedsbesuche bei Sterbenden und Verstorbenen für höchstens zwei Angehörige in Schutzkleidung erlaubt. Für alle Beteiligten, auch für die Pflegenden, sei das sehr schlimm, sagt der Mediziner.
Den Ehrenamtlichen der ambulanten Hospizdienste, die im Einsatz sind, um Angehörige zu entlasten, ist der Eingang zu Pflegeheimen und Krankenhäusern versperrt. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als körperliche Nähe durch Telefonate zu ersetzen, wenn das noch möglich ist. Die Vorstellung, einen allein lebenden Mann nicht mehr besuchen zu dürfen, sondern nur am Telefon im Sterben begleiten zu können, ist für die ehrenamtlichen Helfer eine große Herausforderung, sagt Sabine Horn, die Geschäftsführerin der Ökumenischen Hospizinitiative Ludwigsburg. Aber sie tun es, wenn sie darum gebeten werden, „um wenigstens ein bisschen von der Not zu lindern“. Die ambulanten Begleitungen in den Familien sind fast auf null zurückgegangen. „Es ist für uns ein Drama, was gerade geschieht. Wir sind angetreten, sterbende Menschen in ihrem Sterbeprozess zu begleiten und da zu sein, um auszuhalten, was nicht aufzuhalten ist.“ Sabine Horns Hoffnung ist nun, wenigstens den Angehörigen der Sterbenden beistehen zu können. Am Telefon.