Wie beliebt ein Chef ist, der nach 20 Jahren geht, zeigt sich nicht allein an der Brillanz von Abschiedsworten. Im Renitenztheater ist’s auch eine Frage des Kartoffelsalats. Der war extra-schlonzig, einfach ein Genuss – so wie der gesamte Abend mit höchster Emotionsstufe!
Vier Kassen- und Garderobenfrauen des Theaters im Hospitalviertel, das zum 1. August den Chefwechsel vollzieht, haben einen Zentner Kartoffeln geschält, geschnippelt und gewürzt. Drei Stunden Programm mit dem Who’s who des deutschen Kabaretts (plus der aus der Schweiz angereisten 90-jährigen Legende Emil Steinberger) machen happy, aber auch hungrig.
„Sobald der Stress vorbei ist, dann lang ich nämlich hin“
Im Foyer gibt’s nach der Jubelfeier für einen künftigen Rentner, der sich mit sechsundsechzig auf der Achse Stuttgart–Berlin–Saint Tropez ans Motto von Udo Jürgens hält („Sobald der Stress vorbei ist, dann lang ich nämlich hin, oh ho, oh ho, oh ho“), zu den Saitenwürstchen hausgemachten Kartoffelsalat. Der ist so gut, dass die Liebe des Personals für Sebastian Weingarten durch den Magen jedes einzelnen Gast rutscht. Eine illustre Runde nimmt Abschied und verneigt sich vor einem Großen der Kultur.
Der beste Satz des Abends kommt von dem Kabarettisten Christoph Sieber: „Ohne Sebastian wäre Stuttgart Reutlingen.“ Diesen Ball nimmt Kulturbürgermeister Fabian Mayer auf. Das Renitenztheater, lobt der OB-Stellvertreter, bestreitet zu 70 Prozent seinen Etat aus eigener Kraft. 450 000 Euro im Jahr gibt’s aus dem städtischen Haushalt fürs Bühnenprogramm, was gut angelegtes Geld sei, findet Mayer, wenn man bedenke, dass Reutlingen in Stuttgart keine Chance hat.
In der Nacht der großen Gefühle hört man, Weingarten sei „Institution wie Inspiration“. Bei aller Traurigkeit, dass eine überaus beliebte Theaterseele als Rentner künftig kulturelle Traumprojekte ohne Verantwortung für ein ganzes Haus realisieren will, überwiegt doch Fröhlichkeit. Es wird viel gelacht. Weingartens Nachfolger Roland Mahr hat die Show organisiert und dem Vorgänger vorher nicht verraten, was ihn erwartet.
Monika Hirschle war in den 80ern in Weingarten verliebt
Zu den Überraschungen zählen viele bekannte Namen der Kultur. Von der Schauspielerin Monika Hirschle (sie sagt, sie haben sich in den 80ern in den so schönen Weingarten verliebt) bis zur Kabarettistin Christine Prayon (sie hat zuletzt mit ihren kritischen Worten zur „heute-show“ Schlagzeilen gemacht), vom Urgestein Thomas Freitag (er parodiert, obwohl er an einer postparodistischen Belastungsstörung leidet) bis zum halben Italiener Heinrich del Core (er erzählt von unglaublichen Schlangenerlebnissen im französischen Ferienhaus von Sebastian Weingarten und seinem Mann Julien Weingarten) – es sind viel zu viele, die in dieser Nacht den scheidenden Intendanten rühmen, dass man sie gar nicht alle nennen kann. Moderator Frank Lüdecke aus Berlin meistert diesen turbulenten Aufgalopp von Gästen, die viel zu sagen haben, mit Bravour.
Christian Ahmed Gad Elkarim, Alexej Prokaev und Gerdi Sobek-Beutter reden über Weingartens soziales Engagement und sein Eintreten für die deutsch-russische Freundschaft. Thomas Zell und Tim Eberhardt loben ihn im Namen des Trägervereins.
Schlag auf Schlag geht’s unter die Gänsehaut! Musicalstars wie Maximilian Mann und Kevin Tarte singen „Thank You for the Music“, Topas bedankt sich mit Kartenmusik für die „Froggy Night“, Weingartens Erfindung, die im nächsten Jahr in ein neues Format übergeht (der neue Chef Mahr denkt an eine Game-Show mit ihm). Emil Steinberger erinnert daran, wie ihn der scheidende Intendant immer strahlend „mit Hunderten von Zähnen“ begrüßt hat – so freundlich-begeistert werde man einzig und allein nur in Stuttgart empfangen. Auch der Berliner TV-Star Daniela Ziegler feiert mit. Sebastian Weingarten strahlt sogar beim letzten Auftritt auf seiner Bühne und gibt zu, dass ihm das Loslassen schwerfalle. Die Entscheidung aufzuhören sei trotzdem richtig gewesen. Rührend bedankt er sich bei seinem Ehemann Julien Weingarten, der damit habe leben müssen, dass er 20 Jahre – eine Ménage-à-trois! – auch noch mit dem Renitenz verheiratet war: „Merci cheri!“ Und erinnert an den großen Gerhard Woyda, den 2017 verstorbenen Gründer des Theaters, der ihn, als er schwer erkrankt war, adoptiert hat und dem es zu verdanken ist, dass Weingarten nach Stuttgart gekommen ist. Woyda hat ihn in den 70ern entdeckt, als dieser als Straßenmusiker in Saint-Tropez spielte.
„Ich werde euch vermissen – ihr mich hoffentlich auch!“
Als Weingarten seine Abschiedsrede schrieb, erzählt er später, musste er weinen. Auf der Bühne hält er – ganz Profi – tränenlos durch. Einen Satz, den er sagen wollte, vergisst er in der Aufregung. „Ich werde euch vermissen“, wollte er allen kundtun, „und hoffe, dass ihr mich auch vermisst.“
Ja, Stuttgarts Kulturszene wird ihn sehr vermissen! Reichlich ist sie zum Abschied gekommen (von der Theater-der-Altstadt-Intendantin Susanne Heydenreich über den Schauspielbühnen-Chef Axel Preuß bis zum Theaterhaus-Gründer Werner Schretzmeier) – und erfreut sich bei der Party danach an den Gaumenfreuden, für die Rita Bayer, die gute Seele des Theaters, mit den Kolleginnen sorgt. Eine höhere Auszeichnung als dieser schwäbische Kartoffelsalat gibt es in Stuttgart für einen Kulturmenschen nicht!