Abschluss der Filmschau Baden-Württemberg Persönliche Weltuntergänge

Von Sabine Fischer 

Die 23. Filmschau Baden-Württemberg hat an vier Tagen 85 Werke von Filmemachern aus dem Südwesten gezeigt. Neben dem Schaulaufen wurden auch sozialkritische Untertöne geboten.

Das Ludwigsburger Animationsstudio Soi geht mit „Petzi“, dem Bilderbuchklassiker des dänischen Duos Carla und Vilhelm Hansen, erstmals auf große Serienreise. Foto: Studio Soi
Das Ludwigsburger Animationsstudio Soi geht mit „Petzi“, dem Bilderbuchklassiker des dänischen Duos Carla und Vilhelm Hansen, erstmals auf große Serienreise. Foto: Studio Soi

Stuttgart - Auf dem roten Teppich liegt Schnee. Ein Mann mit Anzug nestelt fröstelnd an einem Mikrofon, die Fotografen wärmen sich die Hände in ihren Jackentaschen und warten auf den Startschuss: Vor den Toren des Stuttgarter Metropolkinos weht ein kalter Hauch von Hollywood. Drinnen aber ist am Donnerstagabend die Jugend am Zug: Bei der 23. Filmschau Baden-Württemberg wird der Jugendfilmpreis eröffnet, und zwei Jugendliche fachsimpeln: „Wenn man mit 30 Bildern pro Sekunde rechnet“, sagt der eine und tippt rasend schnell Zahlen in sein Handy. „Dann schafft man es nie, zu zweit einen 10-Minüter in drei Monaten zu drehen.“ Der andere nickt wissend und linst verstohlen über die Schulter. Dort verteilt Franz, ein Junge in dunklem Anzug mit Hosenträgern, nämlich gerade grinsend Papierbänder für die Aftershowparty – ein Hauch von Roter-Teppich-Glitzerwelt im großen Saal des Metropols.

Der Junge mit den Partybändchen ist Franz Böhm, der Regisseur des fiktionalisierten Dokumentarfilms „Christmas Wi­shes“, einem der vier Eröffnungsfilme des Jugendfilmpreises. In beeindruckend nahen, klaren Bildern erzählt Böhm die Geschichten zweier Berliner Obdachloser, die vor der Kamera ihren ganz persönlichen Weltuntergang schildern. Eine Zeit lang sei er für den Kontakt zu seinen Protagonisten in einem Tageszentrum gesessen und habe jeden angesprochen, der durch die Tür gekommen sei, erzählt Böhm. „Wenn man sieht, wie jemand aus dem System fällt, ohne dafür voll selbst verantwortlich zu sein – das hat mir eine neue Art von Verantwortungsgefühl vermittelt“.

Viele gesellschaftskritische Werke

Böhms Sozialstudie ist nicht der einzige gesellschaftskritische Beitrag, den sich die Veranstalter in diesem Jahr ausgesucht haben: Zur Eröffnung debütierten auch Louis Wicks „Nachtschwärmer“, ein kritischer Sci-Fi-Streifen über das Datingverhalten moderner Großstädter, „Julia und Julian“ von Jonas Thielcke, eine reduzierte Moralstudie im Stil von Brechts epischen Theatertheorien und Steffen Rendichs mysteriöse Loop-Erzählung „Endless“. Als bester Film wurde bei der abschließenden Galaveranstaltung letztlich das Drama „Aus dem Liebesleben eines Zynikers“ von Leonard Geisler ausgezeichnet.

Auch im Wettbewerb um den Baden-Württembergischen Filmpreis grub man in diesem Jahr tief in den Wunden der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur: „Back for Good“ von Mia Spengler, ihr Diplomfilm an der Ludwigsburger Filmakademie, der in diesem Jahr auch die Nachwuchssektion „Perspektive Deutsches Kino“ auf der Berlinale eröffnete, zeichnet grandios ein düsteres Bild der Realität zwischen Schrammel-Showbusiness und Vorstadthorror: Das Reality-Sternchen Angie (Kim Riedle) hat gerade einen Drogenentzug hinter sich und kracht anschließend mit voller Wucht gegen die vermeintliche Kleinstadtidylle ihrer Familie. „Ich hatte Angst davor, nicht gut darzustellen, wie diese Figur zerbricht“, meint die Hauptdarstellerin Kim Riedle anschließend im Gespräch mit dem Publikum. Sie muss sich keine Sorgen machen: Es ist ihr gelungen.

Zerbrechen, Scheitern, Selbstentfremdung: Auch das Drama „Club Europa“ wabert in erstaunlich realitätsnahen Bildern um diese Gefühlslagen und ihre soziale Dimension herum. Eine weltoffene Berlin-Mitte-WG nimmt einen nordafrikanischen Flüchtling bei sich auf, integriert ihn in ihren Alltag – und scheitert letztlich.

Der Preis für den besten Spielfilm ging indessen an einen ähnlich eindringlichen Beitrag, der sich den Abgründen moderner Lebenswelten mit ironischem Grundton nähert: Stefan Krohmer, ein Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie, hat mit seinen Vorgängerwerken bereits den Grimmepreis abgeräumt, sein aktuelles Kammerstück „Zur Hölle mit den anderen“ ist eine bissige Gesellschaftssatire, die gezielt zwei konträre Lebensentwürfe gegeneinander rattern lässt. Am 3. Januar läuft der Fernsehfilm im Ersten. Elf Dokumentarfilme traten in diesem Jahr im Rennen um den Dokumentarfilmpreis an: Der Gewinnerfilm „Ohne diese Welt“ von Nora Fingscheidt zieht mit seinen Betrachtungen in die Ferne, um dort im Leben der deutschstämmigen Mennoniten im Norden Argentiniens das Nahe, Universale zu suchen.

Der putzige Petzi

Eine Weltpremiere im Kuschelstil ist hingegen die Aufführung der Animationsserie „Petzi“. Das Ludwigsburger Animationsstudio Soi geht mit dem Bilderbuchklassiker des dänischen Duos Carla und Vilhelm Hansen erstmals auf große Serienreise. Die Macher des „Grüffelo“ haben die kindlich-anarchischen Abenteuer des niedlichen Bären und seiner Freunde Freunde, Pingo, Pelle und Seebär in liebevoller 3D-Optik inszeniert und hier erstmals dem Publikum präsentiert – mit Erfolg: Statt Fragen gab es von den großen und kleinen Zuschauern am Ende der Vorstellung vor allem Lob. Zum besten Animationsfilm wurde „A priori“ von Maite Schmitt gekürt: In eigenwilliger Art reflektiert er die Vorurteile, die einer Freundschaft im Weg stehen können – und die Frage, wie man sie überwinden kann.

Der diesjährige Ehrenfilmpreis ging an den in Stuttgart geborenen Hollywoodregisseur Robert Schwentke, der „Flightplan“ mit Jody Foster (2005) und „R.E.D.“ mit Bruce Willis, Helen Mirren und Morgan Freeman (2010) inszeniert hat. Der 49-Jährige hat gerade seinen ersten deutschen Film seit „Eierdiebe“ (2003) gedreht: „Der Hauptmann“ erzählt von den Gräueltaten des Wehrmachtssoldaten und Kriegsverbrechers Willi Herold gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Er erregte beim Festival in Toronto Aufsehen und gewann in San Sebastian den Kamerapreis. In Stuttgart konnte Schwentke den Film leider nicht zeigen – er startet erst am 21. März und durfte jetzt noch nicht aufgeführt werden. „Es ging mir darum, einen Film aus deutscher Täterperspektive zu erzählen, was bislang kaum je gemacht wurde“, sagt er am Sonntag im Metropol-Kino. Die gute Nachricht: Schwentke, der in Los Angeles lebt, möchte weiter in Europa arbeiten. „Ich habe noch einige deutsche Geschichten im Kopf, die ich nur hier realisieren kann“, sagt er. Da darf man gespannt sein.