Abschluss der Turn-WM in Stuttgart Darum schwebt Simone Biles über allem

Von Marco Seliger 

US-Superstar Simone Biles erfüllte bei der Turn-Weltmeisterschaft in Stuttgart alle in sie gesetzten Erwartungen. Als alleinige WM-Rekordhalterin ist sie nun endgültig die erfolgreichste Turnerin der Geschichte. Aber, das Finalwochenende hatte noch mehr zu bieten als „nur“ die US-Amerikanerin.

Sprung ins Glück: die US-Amerikanerin Simone Biles stellt bei der Turn-WM  in Stuttgart weitere Bestmarken auf. Foto: Baumann
Sprung ins Glück: die US-Amerikanerin Simone Biles stellt bei der Turn-WM in Stuttgart weitere Bestmarken auf. Foto: Baumann

Stuttgart - Simone Biles musste selbst lachen, als sie in den Katakomben der Schleyerhalle die Fragen nach ihren nächsten Rekorden hörte. „Na ja, was soll ich jetzt noch dazu sagen – ich freue mich total und bin stolz.“ Danke, ein höfliches Grinsen – und weiter zur nächsten Frage im Interviewmarathon, den Biles nach ihren Weltmeistertiteln von Stuttgart professionell und stets freundlich absolvierte. Dabei war aus sportlicher Sicht ja längst auch alles gesagt rund um diese Ausnahmeathletin – vom mutmaßlich größten Star der Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio selbst. Und von anderen über sie.

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Der Superstar aus den USA ließ in Stuttgart wie immer lieber Taten sprechen, anstatt hinterher ausufernd darüber zu reden. Mal wieder.

Biles hält nun alle WM-Rekorde

Wenn wie bei Biles alles gesagt ist, helfen Zahlen manchmal weiter, also bitteschön: Die 22-jährige Texanerin schnappte sich bei der WM in Stuttgart nicht nur ihr fünftes WM-Gold im Mehrkampf, sie führte ihr Team auch souverän zum Mannschaftstitel. Die Texanerin war zudem am Sprung, Balken und Boden nicht zu schlagen. Mit nun insgesamt 25 WM-Medaillen (19 davon in Gold und je drei in Silber und Bronze) ist die viermalige Olympiasiegerin die erfolgreichste Turnerin der Geschichte und übertraf auch noch die WM-Bestmarke des Weißrussen Witali Scherbo, der einst 23 Podiumsplätze sammelte.

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Den Triple-Double (Doppelsalto mit Dreifach-Schraube) des Wirbelwinds am Boden kennt nun fast jeder. Allein der Stufenbarren-Sieg blieb Biles, die Vierte wurde, verwehrt, den holte die Belgierin Nina Derwael – in einem Wettbewerb, in dem sich das deutsche Team am letzten WM-Wochenende Chancen ausgerechnet hatte.

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Lokalmatadorin Elisabeth Seitz ging als Medaillenkandidatin ins Rennen – sie musste aber vom Gerät steigen und wurde Letzte im Finale am Samstag. Bei Seitz aber überwog nach dem ersten Frust das Positive: „Letztlich habe ich gesehen, dass ich mit meinen stolzen 25 Jahren noch immer zur Weltspitze gehöre“, sagte die Stuttgarterin. „Und ich habe mir diesmal sogar bewiesen, dass ich auch im Mehrkampf dazu gehöre, und zwar ganz vorne. Das ist zusätzliche Motivation für Olympia 2020.“

Katzenjammer im deutschen Lager

In der Tat turnte Seitz im Finale einen famosen Mehrkampf und wurde Sechste, auch die Kölnerin Sarah Voss überraschte und wurde Zehnte. An den letzten beiden Tagen dann herrschte im deutschen Lager aber Katzenjammer. Erst ging Seitz am Samstag vom Stufenbarren – und am Sonntag dann machte es Lukas Dauser am Barren nicht besser. Wie Seitz hatte sich der Unterhachinger Medaillenchancen ausgerechnet. Und wie Seitz ging er vom Gerät. „Vorher lief es gut, danach lief es gut in der Übung – nur in dem einen Moment lief es nicht. Das fühlt sich jetzt als ziemlich heftiger Schlag an“, sagte Dauser.

Warum Seitz und Dauser beim Saisonhöhepunkt vom Gerät gingen und nicht auf den Punkt da waren, blieb eine der offenen Fragen der Titelkämpfe. Seitz, so viel lässt sich sagen, riskierte in einem starken Feld alles und verlor. Und bei Dauser war es wohl eine Mischung aus Nervosität und eines nicht gerade optimalen körperlichen Zustands. Denn der Barrenspezialist wurde nach einer Fingerverletzung und eines Innenbandrisses im Fuß gerade noch rechtzeitig fit zur WM.

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Zum Abschluss der Biles-Show am Sonntag in der Schleyerhalle turnte auch Sarah Voss im Schwebebalkenfinale als Siebte klar an einer Medaille vorbei. Die 19-jährige Kölnerin aber hatte allen Grund zur Freude, denn fast schon sensationell war sie im Mehrkampffinale auf Rang zehn geturnt.

Vielversprechender Ausblick in Richtung Olympia 2020

Voss ist das wohl größte Versprechen für die Zukunft des Frauen-Turnens mit Blick auf die Spiele in Tokio. Großes Potenzial hat auch die 16-jährige Emelie Petz aus Backnang, die sich bei ihren ersten großen Titelkämpfen noch sehr nervös zeigte. Und wenn die verletzte Sophie Scheder sowie Pauline Schäfer nach recht langer Leidenszeit zurückkommen, dürfte von der Frauenriege bei den Spielen 2020 in Tokio einiges zu erwarten sein. Auch die Ludwigsburgerin Tabea Alt (Rückenprobleme) hat die Hoffnung auf die Teilnahme noch nicht aufgeben.

Auf die deutschen Männer dagegen wartet noch viel Arbeit bis Tokio. Immerhin sicherte sich das ersatzgeschwächte Quintett mit Andreas Toba, der im Mehrkampf auf Platz 19 landete, Dauser, Nick Klessing, Karim Rida und Philipp Herder mit Rang zwölf im Qualifikationswettkampf gerade noch so das Olympia-Ticket. Schmerzlich vermisst wurde Marcel Nguyen, der sich einer schweren Schulter-Operation unterzog.