Abschlussfilm „Der Ausflug“ Einblick in die Seele eines Amokläufers

Von Caroline Leibfritz 

Stefan Najib, der an der Stuttgarter Hochschule der Medien studiert, dreht im Stuttgarter Westen seinen Abschlussfilm „Der Ausflug“.

Regisseur Stefan Najib bespricht eine Szene mit den Kollegen Nadja März, Dennis Mojen und Eva Lechner (von rechts). Foto: Honzera 2 Bilder
Regisseur Stefan Najib bespricht eine Szene mit den Kollegen Nadja März, Dennis Mojen und Eva Lechner (von rechts). Foto: Honzera

Stuttgart - Die Schulglocke läutet gerade den Beginn der nächsten Unterrichtsstunde ein. Noch unterhalten sich die Schüler fröhlich, nehmen langsam ihre Plätze im Klassenzimmer ein. Die blonde Referendarin mahnt zur Ruhe. Einer der Schüler, der 17-jährige Tom, kommt erst jetzt durch die Klassenzimmertür, geht seelenruhig zu seinem Platz, zieht eine Pistole aus seinem Rucksack, zielt auf den Kopf der Referendarin - und drückt ab. Es beginnt ein Blutbad, bei dem nicht nur die Lehrerin, sondern auch zahlreiche Schüler ihr Leben lassen.

Diese Szene erinnert nicht von ungefähr an den Amoklauf des 17-jährigen Tim K., der im März 2009 an der Albertville-Realschule in Winnenden und bei seiner Flucht insgesamt 15 Menschen und sich selbst erschoss. Doch so real wie in Winnenden ist die Tat des 17-jährigen Tom glücklicherweise nicht. Denn Tom heißt in Wirklichkeit Dennis Mojen, ist 18 Jahre alt, Schauspieler und mimt den Amokläufer im Abschlussfilm "Der Ausflug" von Stefan Najib, der an der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) Elektronische Medien studiert. Die Amoklaufszene selbst spielt im Königin-Olga-Stift im Stuttgarter Westen. Dort und auf der Schwäbischen Alb laufen derzeit die Dreharbeiten zum Film.

In "Der Ausflug" lebt der Gymnasiallehrer Martin, gespielt von "Tatort"-Kommissar Dominic Raacke, in ständigen Streitereien mit seinem 17-jährigen Sohn Basti. Während der Vater von seinem Sohn erwachsenes Verhalten erwartet, wünscht sich Basti Liebe und Anerkennung. Als Tom, ein Mitschüler von Basti und Schüler von Martin, am Gymnasium Amok läuft, versucht Martin dessen Blutrausch zu stoppen. Als Geisel fährt er den Fluchtwagen. Mit der Polizei im Nacken und dem bewaffneten Schüler auf dem Beifahrersitz hat der Lehrer nur wenig Zeit, um Toms Vertrauen zu gewinnen. Schließlich muss Martin erkennen, dass auch er selbst Hilfe braucht.

Er fragte sich, was im Kopf von Tim K. vorgegangen ist

"Seit den Geschehnissen in Winnenden habe ich mich gefragt, was im Kopf von Tim K. vorgegangen sein mag", erklärt der Regisseur und Drehbuchautor Stefan Najib. "Außerdem hat mich interessiert, was sich wohl während der Fahrt im Fluchtauto zwischen Tim K. und seiner Geisel abgespielt hat - für einen Film war das ein sehr spannender Ansatz."

Um sein Werk so authentisch wie möglich zu gestalten, holte sich der 30-jährige Najib Unterstützung von einer Psychologin des "Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden" und sprach mit einer Schülerin, die das Blutbad von Winnenden schwer verletzt überlebt hat. "Das war schon richtig krass", sagt Najib. "Aber beeindruckend fand ich, dass das Mädchen gelernt hat, mit dieser Erfahrung umzugehen - ebenso ergeht es im Film auch dem Schüler Basti."

Doch nicht nur auf die Authentizität, auch auf die Rollenbesetzung ist Najib stolz. Vor allem, dass Dominic Raacke sofort zugesagt habe, ohne Gage mitzuspielen, sei, so Najib, "eine unglaubliche Bereicherung" gewesen. Derselben Meinung ist auch der 18-jährige Dennis Mojen aus Hamburg, der den Amokläufer Tom spielt. Zwar, sagt er schmunzelnd, freue er sich über jeden Tipp von Raacke, noch mehr aber über Bestätigungen seitens des "Tatort"-Stars.

Der Film soll 30 Minuten lang werden

Für Mojen ist die Rolle des Amokläufers die bisher anspruchsvollste seiner jungen Schauspielkarriere. "Das Verrückte daran ist, sich in die Gedanken eines Amokläufers hineindenken zu müssen und ihn gleichzeitig aber auch von seiner zerbrechlichen Seite zu zeigen", sagt Mojen. Schwierig sei es auch, so der Schauspieler weiter, nach einem Drehtag wieder in die Normalität zurückzufinden. "Wenn ich Witze reiße, bringt mich das wieder runter", sagt er lachend.

"Der Ausflug" soll 30 Minuten lang werden und eventuell in einer zweiten Version auch als 60-Minüter laufen. Nach seiner Fertigstellung will sich das Filmteam bei großen Filmfestivals wie in Cannes oder der Berlinale bewerben. Wenn alles so läuft, wie Najib es sich wünscht, findet bei einem dieser Festivals auch die öffentliche Premiere des Films statt. So könnte "Der Ausflug" vielleicht schon bald ein echter Publikumserfolg werden - und womöglich sogar auf der Kinoleinwand zu sehen sein.

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