Vor der Abschlussprüfung im Rems-Murr-Kreis Endspurt im Corona-Abiturjahrgang

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An diesem Montag kehren sie in die Schulen zurück, in zwei Wochen sollen die Abiturienten ihre Prüfungen schreiben. Ihre Zukunftsaussichten haben sich durch Corona völlig verändert.

Wie am Backnanger Max-Born-Gymnasium beginnt an diesem Montag in den Schulen wieder der Unterricht für die Abschlussklassen. Foto: Gottfried Stoppel
Wie am Backnanger Max-Born-Gymnasium beginnt an diesem Montag in den Schulen wieder der Unterricht für die Abschlussklassen. Foto: Gottfried Stoppel

Rems-Murr-Kreis - Bis vor kurzem stand ihnen die Welt noch weit offen – buchstäblich und im übertragenen Sinn. Trotz einer leichten Rezensionsdelle war die wirtschaftliche Ausgangslage so gut wie nie zuvor: Nahezu Vollbeschäftigung auf dem Arbeitsmarkt, geburtenschwache Jahrgänge, die den Mangel an Fachkräften demografisch verschärften – wer mit einem halbwegs ordentlichen Zeugnis aufwarten konnte, durfte davon ausgehen, sich die Ausbildung und den späteren Job aussuchen zu können. Binnen weniger Tage scheint für die Schulabgänger 2020 nun alles anders geworden zu sein: Corona hat die Karten neu gemischt.

Träume sind mit einem Mal geplatzt

Zugegeben, einen komplett durchstrukturierten Plan hat Carlos, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, für die Zeit nach der Schule nicht gehabt. Nach seinem Abitur am Max-Born-Gymnasium in Backnang wollte der 18-Jährige zunächst einen vagen Traum verwirklichen: Für ein Jahr nach Australien – um sein Englisch zu verbessern, aber vor allem, um sich abzunabeln, ein bisschen erwachsener zu werden. Jetzt hingegen ist er seit sieben Wochen im Hotel Mama inhaftiert, muss Selbstständigkeit im Vorbereiten auf eine Abiturprüfung lernen, von der er lange Zeit nicht wusste, wann, wie und ob überhaupt sie stattfinden soll.

An diesem Montag nun sind die Abgangsklassen die ersten, die wieder in die Schule zurückkehren dürfen. Nicht jeder ist froh darüber. Carlos etwa fragt sich, warum er sich für die eine Stunde, die er an diesem Tag ins Max-Born-Gymnasium kommen soll, einem Infektionsrisiko aussetzen muss: Anberaumt sind Informationen über den Ablauf der Abiturprüfungen. „Das hätte man doch auch per E-Mail oder Videochat machen können“, meint der junge Mann. Schließlich habe man das in den vergangenen Wochen in einzelnen Kursen schon erfolgreich praktiziert.

Keine Maskenpflicht, aber ein dringendes Gebot

Klar ist, dass der Endspurt im Abitur ganz gewiss kein normaler sein wird. Um das Abstandsgebot einhalten zu können, wird der Unterricht in geteilten Kursen stattfinden müssen. „Gruppen- oder Partnerarbeit sind ausgeschlossen“, so heißt es in einer Handreichung an Carlos’ Jahrgangsstufe, Pausen seien vorerst nicht vorgesehen, der Innenhof gesperrt. „Bitte begebt euch auf direktem Weg in das geöffnete Klassenzimmer und setzt euch auf eure vorgesehenen Plätze“, so der appellativische Hinweis. Eine Maskenpflicht könne die Schule nicht verhängen – „leider“, wie es in dem Brief der Schulleiterin heißt, da dieses die Verordnung des Landes nicht vorsehe. Sie spreche aber ein „ganz dringendes Gebot“ aus.

Gute zwei Wochen soll dieser Unterricht für Carlos noch zu einem Stück Normalität im Ausnahmezustand werden, dann muss er innerhalb einer Woche alle Prüfungen absolvieren: Am Mittwoch, 20. Mai, Deutsch, am Montag drauf Englisch, am Dienstag Mathe, am Donnerstag Wirtschaft. Damit ist er sogar noch vergleichsweise gut bedient, manch anderer Mitschüler hat seine Prüfungen noch dichter beieinander. Nach den Pfingstferien stehen dann noch die Klausuren an, die eigentlich schon hätten geschrieben sein sollen. Die Schule erstellt dafür neue Pläne, bemüht, eine „möglichst schülerfreundliche Lösung“ zu finden, „bei der die Schüler ihre Leistungen verbessern können, sofern sie das wollen“.

Einen Abiball wird es nicht geben

Das Abitur wird ein anderes sein, das macht nicht nur die „Verordnung des Kultusministeriums zur Regelung der Besonderheiten bei der Leistungsfeststellung der Schulen und der Durchführung der schulischen Abschlussprüfungen im Schuljahr 2019/2020“ (Corona-Pandemie-Prüfungsverordnung) vom 30. April klar. Selbst auf einen Abschlussball oder eine andere groß angelegte Feier wird der Corona-Jahrgang verzichten müssen. Und was danach möglich ist, kann jetzt noch niemand seriös abschätzen. Ganz abgeschrieben hat Carlos seinen Traum von Australien aber noch nicht.