Abschlussprüfungen im Kreis Böblingen Maskenpflicht beim Abitur

Am Freitag waren die Abiturienten zum letzten Mal vor den Abschlussprüfungen in der Schule, sicherheitshalber bleiben sie jetzt bis zum 4. Mai daheim. Foto: Stefanie Schlecht

Neben dem allgemeinen Trubel um Präsenz- und Fernunterricht müssen sich die Abschlussklassen auf ihre Prüfungen vorbereiten und lernen ab jetzt zuhause. Bei den Klausuren ist ein Mund-Nasen-Schutz vorgeschrieben. Eine Sindelfinger Familie klagt dagegen.

Sindelfingen/Böblingen - Jakob Lessing klingt angespannt beim Telefonat mit unserer Zeitung. In zweieinhalb Wochen beginnen für ihn die Abiturprüfungen. Und der 19-Jährige, der das Technische Gymnasium an der Sindelfinger Gottlieb-Daimler-Schule besucht, fühlt sich nicht ausreichend vorbereitet. Dabei ist Jakob eigentlich ein guter Schüler. Knapp 13 Punkte – das entspricht einer Eins minus – betrug der Schnitt seiner Noten im vergangenen Schuljahr. Doch dann kam Corona – mit Schulschließungen, Online-Unterricht und Stundenausfall. Und das im entscheidenden Schuljahr. Jakobs Leistungen fielen ab – um zwei Punkte.

 

Die anstehenden Klausuren, die am 4. Mai mit dem Deutsch-Abitur beginnen, machen ihn nervös. „Ich weiß nicht, ob ich den Stoff wirklich intus habe.“ Zwar gebe es ein paar Erleichterungen beim diesjährigen Abi. Die Schüler erhalten eine halbe Stunde mehr Bearbeitungszeit als in den Vorjahren. Zudem können die Lehrer im Vorfeld Themen streichen. „Doch Details können uns unsere Lehrer auch nicht nennen. Ich hätte mir mehr Entgegenkommen gewünscht, um unsere Nachteile durch Corona auszugleichen“, sagt der Abiturient.

Nicht ganz so pessimistisch ist sein Klassenkamerad David Simovski. Die vergangenen sechs Wochen hat er gemeinsam mit seine Mit-Abiturienten im Präsenzunterricht verbracht. „Da konnten wir vieles nachfragen und aufholen“, sagt der 18-Jährige. Aber auch er sieht deutliche Qualitätsverluste durch reinen Online-Unterricht. „In Präsenz kann man viel besser mal kurz beim Lehrer nachfragen, sich auch mal mit den Kurskollegen austauschen.“

Absolventen lernen ab Montag sicherheitshalber vollend zuhause.

Doch nicht nur Befürchtungen, die Prüfungen nicht zu schaffen, treiben die Jugendlichen um. „Die größte Angst haben unsere Schüler, dass wegen eines Infizierten vielleicht ein ganzer Kurs in Quarantäne muss und deshalb nicht an den Klausuren teilnehmen kann“, berichtet Martina Fuchs, Schulleiterin des Sindelfinger Gymnasiums Unterrieden und geschäftsführende Schulleiterin der allgemeinbildenden Gymnasien in Sindelfingen. Deshalb befinden sich die Abiturienten ab dieser Woche auch wieder zuhause und bereiten sich selbstständig auf die Klausuren vor. Bei Rückfragen stehen die Lehrer online zur Verfügung.

Für das Abitur selbst gelten strenge Regeln: Während der kompletten Prüfungszeit müssen die Schüler Maske tragen. „Das gilt auch für die sechsstündige Deutsch-Klausur, das ist wirklich hart“, sagt Fuchs. Einen Schnelltest müssen die Abiturienten hingegen nicht machen. „Klassenarbeiten und Prüfungen sind von der Testpflicht laut den Vorgaben des Kultusministeriums ausdrücklich ausgenommen“, sagt Fuchs.

Die meisten Schüler nähmen die Vorschriften klaglos in Kauf, berichtet Michael Eppard vom Elternbeirat des Sindelfinger Stiftsgymnasiums. „Augen zu und durch und schnellstmöglich das Abi machen“, laute die Devise der allermeisten jungen Leute. „Die sind froh, dass sie Abi machen dürfen.“

Ein Elternpaar der Schule aber habe Klage gegen die Maskenpflicht eingereicht. Eppard hofft, „dass es nicht eine Einzellösung für diesen einen Schüler gibt. Wir wollen Maskenpflicht entweder für alle oder keinen.“ Sollte das Gericht gegen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes während den Klausuren entscheiden, sei das für das Stiftsgymnasium speziell allerdings kein Problem. „Wir schreiben die Prüfungen in der Sporthalle. Da kann man auch Zehn-Meter-Abstände einhalten.“

Übliche Überbrückungsaktivitäten nach dem Abitur sind wegen Corona schwierig.

Jugendliche, die dieses Schuljahr die Mittlere Reife oder den Hauptschulabschluss machen, haben noch mehr Zeit, sich auf die Prüfungen vorzubereiten, die erst nach Pfingstferien stattfinden. Jörg Gerspach, Konrektor der Friedrich-Schiller-Realschule in Böblingen, sieht seine Zehntklässler optimal vorbereitet. „Wir haben bereits im ersten Lockdown begonnen, unseren gesamten Stundenplan online zu unterrichten, sogar Sport.“ Seinen Schülern sei wenig Stoff verloren gegangen, ist sich der Rektor sicher. Die meisten Jugendlichen wüssten auch, was sie nach der Prüfung machen. Mehr als 80 Prozent hätten bereits einen Ausbildungsvertrag oder einen Platz in einer weiterführenden Schule.

Schwierig ist die Situation hingegen für viele Abiturienten. Die Klassiker Auslandsjahr oder Work & Travel fallen wegen Corona weg. Auch andere klassische Überbrückungsangebote wie ein Freiwilliges Soziales Jahr sind momentan nur schwer zu planen. „Es ist für die Jugendlichen schwierig, eine Perspektive zu entwickeln“, sagt Herbert Waldschmidt, Leiter des Technischen Gymnasiums für Umwelttechnik in Sindelfingen. Manche Schüler wissen trotzdem schon, wie es weitergeht. So wie David Simovski, der bereits einen Ausbildungsplatz bei der Polizei hat. Sein Kurskollege Jakob Lessing hingegen wartet erst einmal ab. Er möchte gerne Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe studieren. Anfangen will er aber erst, wenn das Studium wieder in Präsenz stattfindet. „Ich habe genug vom Online-Unterricht. Lieber überbrücke ich ein Jahr“, sagt der 19-Jährige.

Hintergrund

Wechselunterricht

Während in Stuttgart und Teilen der Region ab Montag doch kein Präsenzunterricht stattfindet, steht im Kreis Böblingen wie geplant Wechselunterricht an. Das bedeutet: immer ein Teil der Schüler lernt im Präsenzunterricht, die anderen zuhause, dann wird gewechselt. Wie lange das so praktiziert wird, hängt davon ab, ob und wann die Inzidenz über 200 klettert.

Testpflicht

Neu ist auch die Testpflicht für Schüler. Zweimal pro Woche müssen sich die Kinder unter Anleitung in der Schule selbst testen. Bereits zuletzt gab es dies als Angebot. Ein Großteil der Schüler habe mitgemacht, sagen die Schulleiter, doch einige auch nicht. Diese Kinder müssen von jetzt an zuhause bleiben. Für die Schulen bedeutet das zusätzliche Arbeit. „Wir müssen parallel zum Wechselunterricht und der Notbetreuung uns auch noch um den Fenrunterricht für diese Kinder kümmern“, sagt Barbara Knöbl, Chefin der Gemeinschaftsschule im Sindelfinger Eichholz. Sie befürchtet, dass einige Kinder dadurch vollends den Anschluss verlieren könnten. (wi)

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