Abtreibungen in Baden-Württemberg Der weite Weg zum Schwangerschaftsabbruch

In Baden-Württemberg gibt es immer weniger Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Foto: Adobe Stock/Antonioguillem

Bundesweit, aber auch in Baden-Württemberg gibt es immer weniger Mediziner, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Dabei hat das Land den gesetzlichen Auftrag, die Versorgung sicherzustellen. Was steckt dahinter?

Stuttgart - Erst tags zuvor saß eine Klientin in der Stuttgarter Beratungsstelle von Pro Familia: eine Mutter von zwei Kindern – das eine in der Grundschule, das andere in der Kita. Sie selbst hat nach langer Arbeitssuche wieder einen Job in Teilzeit bekommen. „Jetzt ist sie wieder schwanger geworden, ungewollt – und weiß nicht, wie sie sich noch um ein drittes Kind kümmern soll“, erzählt die Sozialarbeiterin Antje Teborg. Als die Frau ihren Frauenarzt auf die Möglichkeit einer Abtreibung ansprach, habe der ihr nicht geholfen. „Stattdessen wurde ihr gesagt: So etwas mache er nicht!“

 

Tatsächlich führen immer weniger Mediziner die Eingriffe durch – nicht nur in Baden-Württemberg, sondern bundesweit. Ihre Zahl ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 2003 bis 2018 um rund 40 Prozent gesunken. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche dagegen ist in diesem Zeitraum um nur 21 Prozent zurückgegangen, in Baden-Württemberg um 31 Prozent. Seit 2017 etwa stagnieren die Zahlen: Bundesweit gab es im Jahr 2019 insgesamt 101 000 Abtreibungen, in Baden-Württemberg waren es 9260 – nahezu ebenso viele wie im Vorjahr.

In Stuttgart sei die Versorgung zwar noch einigermaßen gut, sagt die Leiterin der Pro-Familia-Geschäftsstelle in der Landeshauptstadt, Marion Janke. So gebe es noch drei Ärzte, die zumindest ein paar Termine anbieten, um den Eingriff vorzunehmen. Auch können Frauen in eine Praxis ins Umland der Landeshauptstadt verwiesen werden, die sich auf Schwangerschaftsabbrüche spezialisiert hat. „Aber wenn Frauen aus dem Schwarzwald oder Donau-Alb-Kreis Hilfe benötigen, dann müssen sie lange nach einem Arzt suchen“, sagt Janke. „Im Vergleich zur Situation von vor zehn Jahren gibt es deutlich weniger Möglichkeiten, und die Lage wird sich verschärfen, weil viele ältere Ärzte in den Ruhestand gehen.“

Laut Gesetz müssen die Länder ein ausreichendes Angebot an Praxen sicherstellen

Wie angespannt die Situation ist, merkt auch die Balinger Frauenärztin Wiebke Herter. Weil sie eine der wenigen Ärztinnen in ihrer Region ist, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt, kommen Patientinnen aus dem Schwarzwald oder der Bodensee-Region zu ihr in die Praxis – und nehmen dafür mitunter weite Strecken auf sich, manchmal mit dem Taxi. Mit ihrem Praxis-Team führt sie zurzeit etwa einmal pro Woche operative und medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche durch. Weil sie selbst davon überzeugt ist, dass Frauen die Entscheidung über diesen Eingriff selbstbestimmt treffen. Und weil sie es wichtig findet, dass ihnen in ihrer Notlage beigestanden wird. „Als Ärztin bin ich für Patientinnen in dieser schwierigen Lebenslage Ansprechpartnerin. Ich sehe es als meine Aufgabe, den Eingriff fachgerecht, kompetent und mit Einfühlungsvermögen durchzuführen“, sagt sie.

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Einen vollständigen Überblick darüber, wie viel Ärzte in Deutschland an welchen Orten Schwangerschaftsabbrüche durchführen, gibt es nicht. Dabei sind klare, gesetzliche Vorgaben durchaus vorhanden. Laut dem Schwangerschaftskonfliktgesetz müssen die Bundesländer ein ausreichendes Angebot an Praxen und Kliniken für Schwangerschaftsabbrüche sicherstellen. Der Bundestag hat unlängst ein Gesetz „zur Verbesserung der Information über einen Schwangerschaftsabbruch“ beschlossen, das im vergangenen Frühjahr in Kraft getreten ist. Doch valide Daten über die Versorgungsdichte von Ärzten, die Abtreibungen vornehmen, liegen nur für rund die Hälfte der Bundesländer vor. In Baden-Württemberg werden die Daten nicht offiziell erfasst. Laut einer aktuellen Übersicht von Pro Familia mit Daten von Ende 2018 sind es noch etwa 72 Mediziner im Land, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen – in 14 der 44 Stadt- und Landkreise allerdings niemand.

In 14 Kreisen im Südwesten gibt es weder einen Arzt, noch eine Klinik

Markus Haist, Vorstandsmitglied der Landesärztekammer und Landesvorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte, ist das durchaus bewusst: „Schwangerschaftsabbrüche sind immer noch ein gesellschaftliches Tabuthema“, sagt der niedergelassene Frauenarzt in Pforzheim. Zwar ist es gesetzlich erlaubt, einen Abbruch vorzunehmen. Jedenfalls dann, wenn er innerhalb der ersten zwölf Wochen nach Empfängnis durchgeführt wird und sich die Frau zuvor bei einer anerkannten Beratungsstelle informiert. „Doch der öffentliche Druck ist nicht zu verachten“, sagt Haist und verweist auf Abtreibungsgegner wie die sogenannten Lebensschützer. Diese nutzen unter anderem das Strafrecht, um Ärzte anzuzeigen – etwa wenn diese trotz des geltenden Verbots auf ihren Internetseiten oder in ihren Praxen darüber informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Erst im Oktober 2019 hat das Landgericht Gießen die Verurteilung der Fachärztin für Allgemeinmedizin Kristina Hänel wegen verbotener Werbung für Abtreibungen bestätigt und die Medizinerin zu einer Geldstrafe von 2500 Euro verurteilt.

Den Eingriff durchzuführen, ist auch für die Mediziner nicht einfach

Auch die Balinger Frauenärztin Wiebke Herter bekommt für das, was sie macht, immer wieder Unverständnis zu spüren. „Ich werde schon manchmal irritiert angeguckt, auch von anderen Ärzten.“ Man werde in eine „Schmuddelecke“ gestellt, sagt sie. Dabei macht auch sie es sich nicht leicht mit den Eingriffen: „Als Ärztin will man eigentlich Leben erhalten.“ Gleichzeitig beobachte sie, dass keine ihrer Patientinnen die Entscheidung gegen ein Kind leichtfertig treffe.

Neben dem moralischen Druck gibt es aber auch wirtschaftliche Gründe, warum niedergelassene Frauenärzte Schwangerschaftsabbrüche als Leistung nicht anbieten: „Es ist ein hoher finanzieller Aufwand“, sagt Haist. Für die ambulante Operation braucht es geeignete Räumlichkeiten, zudem sind die Vorgaben in Sachen Hygiene, Medizinprodukte und Personalmanagement gestiegen. Das bestätigt auch Frauenärztin Wiebke Herter. Zudem merkt sie an: „Die Honorare für Abbrüche wurden seit 2009 im Gegensatz zu sämtlichen anderen Vergütungen nicht mehr angepasst.“ Hier bestehe Handlungsbedarf, über eine Erhöhung werde derzeit bereits verhandelt.

Markus Haist wünscht sich auch in anderer Hinsicht eine bessere und umfassendere Unterstützung seitens der Landesregierung: „Es braucht eine Verbesserung der Rahmenbedingungen.“ Vorstellbar wäre für ihn beispielsweise ein kommunal geführtes OP-Zentrum, ein geschützter Raum, in dem Frauenärzte abwechselnd solche Eingriffe vornehmen könnten. Wenn es nach Pro Familia geht, sollten zudem die Krankenhäuser in die Pflicht genommen werden. „Wichtig ist, dass sich bald was ändert“, sagt Marion Janke. „Ansonsten befürchten wir, dass viele Frauen nicht nur in eine seelische, sondern auch in eine medizinische Notlage geraten.“

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