Über Dirndl, Lederhosen, karierte Hemden und Filzhüte auf dem Frühlingsfest und überall sonst in Stuttgart, wenn wieder die Frühlingsfest-Zeit angebrochen ist, kann man streiten und das tun wir jedes Jahr auch gründlich. Zu Recht. Aber wer guckt eigentlich mal runter? Abseits der Endlos-Diskussion, was jetzt nun angebrachte Wasen-Kleidung ist und ob der Wasen eigentlich der neue Fasching ist, wird viel zu wenig über das Schuhwerk gesprochen, das zu dem umstrittenen Bayerische-Trachten-Verkleidungs-Trend-Gemisch auf dem Volksfest so getragen wird.
Das ist in den meisten Fällen zum Umfallen gruslig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Schon mal dabei gewesen, wenn jemand seinen Ballerina nach sechs Stunden im Bierzelt ausgezogen hat? Und dann sind diese Teufelsschlappen, die den Fuß wie den Stampfer eines Orks aussehen lassen, meistens auch noch räudig besohlt (Rutschgefahr!) und schlecht für Füße und Rücken. Das gilt natürlich auch für High Heels, aber die bringen noch einen zusätzlichen Nachteil mit sich – auch wenn sie je nach Sorte durchaus gut zum Dirndl passen können: Man bleibt überall mit dem Absatz hängen und stecken. Tragbarkeit über einen langen Zeitraum? Fehlanzeige. Stabiler Halt auf der Bank? Forget it. Eher was für die High Society in der Loge.
Schickes Outfit, grottige Schuhe
Höchster Beliebtheit erfreuen sich auf dem Frühlingsfest weiße (oder weiß gewesene) Turnschuhe zu Dirndl und Lederhose. Warum? Die sind sicher bequem und bieten mehr Schutz vor trampelnden Füßen. Aber wenn man sich schon der ziemlich löchrigen Argumentation der Trachten-Tradition auf Volksfesten bedient, warum hört die dann bitte beim Knöchel auf? Dasselbe gilt für diejenigen, die Wasen-Outfits aus reinen Fashion-Gründen tragen. 400 Euro plus fürs Dirndl oder die Lederhose hingeblättert, die passenden Accessoires dazu besorgt, Stunden in Haare (und Make-up) investiert und dann aber bei der Schuhwahl zum ausgelatschten Sneaker gegriffen, mit dem man im Alltag maximal noch den Müll rausbringt. Und dann ist der nicht mal geputzt!
Freilauf für ‚gagige Herrensocken’
Überhaupt sind die wenigsten Schuhe, die zum feschen Wasen-Outfit getragen werden, weder sauber, noch mit passenden Socken kombiniert. Das lustige Herrensocken-Alphabet wird in sämtlichen Farben hoch und runter gebetet, völlig Wurst, dass deren eigentliche Funktion der einer fetzigen Krawatte gleicht und ohne Anzug getragen ähnlich verloren rüberkommt. Von hochgezogenen Sportsocken und Füßlingen, die aus dem Schuh hervorblitzen, wollen wir gar nicht erst anfangen. Das Volksfest ist kein Fußballplatz und die 2000er sind vorbei.
Beim stilistischen Crossover von Dirndl und Lederhose zu Chucks und Springerstiefeln schüttelt‘s vor allem die älteren Punks und Systemkritiker:innen. Die beiden Marktführer haben im vergangenen Jahrzehnt aber ihr Bestes getan, um in der kommerziellen „urban Fash“ zu landen. Der Salat ist also hausgemacht. Nun werden sie von Luis-Vuitton-Reisegepäck-Fashionistas und deren Müttern zur Lederhose oder einem besonders pfiffigen Dirndl kombiniert, „Sauvage“ von Dior für den Fuß sozusagen, Anders-aber-konform-sein auf Wish bestellt.
Zumindest einen praktikablen Nutzen kann man beiden Schuhen aber nicht absprechen: Schutz vor drüber geschüttetem Bier, Schutz vor Leuten, die einem auf die Zehen stehen und die Sohlen sind rutschfest.
Mit welchem Schuhwerk schafft man aber den Balanceakt zwischen stilsicher und praktikabel? Mit natürlichen Farben – oder zumindest Farben, die zum Rest des Outfits passen – und natürlichen Materialien. Mit rutschfesten Sohlen, möglichst hochgeschlossenen Schuhen (hallo Stiefel!) und einem stabilen Absatz, wenn man möchte und kann. Und mit zum Schuh passenden Socken. Den Schuhputz nicht vergessen!
Über Geschmack am Fuß lässt sich natürlich streiten. Der erste Anstoß sei hiermit gegeben.
Dieser Kommentar erschien erstmals am 27. September 2023