Abwasserentsorgung in Esslingen Hohe Gebühren für private Gruben verursachen Unmut

Der Betrieb von Martin Krinn in Esslingen-Berkheim ist nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossen. Foto: Roberto Bulgrin

Die Stadt Esslingen hat die Gebühren für die Abwasserentsorgung geändert. Die Leerung privater Gruben ist jetzt erheblich teurer als vorher. Betroffene würden die Entsorgung gern neu organisieren – doch auch anderthalb Jahre nach der Umstellung ist unklar, wie.

Martin Krinn ist ratlos: Anfang vergangenen Jahres hat die Stadt Esslingen die Gebührenordnung für die Abwasserentsorgung geändert. Für Haushalte und Betriebe, die nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossen sind wie der Obsthof von Martin Krinn, bedeutet das teils erhebliche Mehrkosten. Krinn wäre bereit, seine Abwasserentsorgung neu zu organisieren – doch er weiß nicht, wie. Bislang seien alle seine Vorschläge von den Behörden abgelehnt worden.

 

Seit mehr als einem Jahr versucht Martin Krinn nach eigenen Angaben herauszufinden, welche Optionen es für ihn gibt. Der 58-Jährige, der hauptberuflich als Versuchsmechaniker bei der Universität Hohenheim beschäftigt ist, betreibt im Nebenerwerb einen Obsthof in Esslingen-Berkheim. Sein Grundstück in der Straße im Grund ist nicht an die Kanalisation angeschlossen, bislang wurde das Abwasser über eine Grube entsorgt. Doch mit der neuen Gebührenordnung hätten sich die Kosten dafür vervielfacht, sagt Krinn. Statt wenigen Hundert Euro müsse er nun mehrere Tausend Euro im Jahr zahlen.

Abwassergebühren werden nach Verursacherprinzip berechnet

Das liegt daran, dass die Stadt Anfang 2024 ein Gebührenmodell eingeführt hat, das statt eines einheitlichen Gebührensatzes auf eine Staffelung nach dem Verursacherprinzip setzt. Da die Entsorgung aus privaten Gruben und Hauskläranlagen teurer ist als diejenige über die öffentliche Kanalisation, werden die entsprechenden Haushalte auch stärker zur Kasse gebeten. Das ärgert betroffene Landwirte in Berkheim, wie etwa Martin Krinn; ebenso Anwohner in der Hohenackerstraße im Esslinger Norden wie Willi Schloz. Er kämpft nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten für einen öffentlichen Abwasserkanal in der südlichen Hohenackerstraße, wo das Abwasser über private Gruben und Hauskläranlagen dezentral entsorgt werden muss – ohne Erfolg. „Es hat sich gar nichts geändert“, sagt Schloz.

Nach dem ersten Schock über die höheren Gebühren hatte sich Martin Krinn bereits im vergangenen Jahr Gedanken über eine alternative Abwasserentsorgung gemacht. Er könnte sich den Bau einer Kleinkläranlage vorstellen und wäre bereit, dafür die Kosten von rund 20 000 Euro auf sich zu nehmen. „Irgendwann würde sich das rechnen“, sagt Krinn. Die Voraussetzungen auf seinem Grundstück sind aus seiner Sicht gegeben. „Das wäre eine gute Lösung“, findet der 58-Jährige. Doch die Behörden hätten aus ökologischen und geologischen Gründen abgelehnt.

Tatsächlich teilt das Landratsamt Esslingen, das für die wasserrechtliche Erlaubnis für eine Pflanzen- oder Kleinkläranlage in Esslingen zuständig ist, mit, dass eine solche unter bestimmten Umständen zwar eingerichtet werden dürfe, aber nur, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben seien. In diesem Fall aber gelte: „Eine Pflanzenkläranlage erfüllt die Anforderungen in dem angefragten Gebiet voraussichtlich nicht.“ Im Übrigen liege kein Antrag auf eine wasserrechtliche Erlaubnis für diesen Bereich vor.

Martin Krinn könnte sich alternativ auch den Anschluss an die private Abwasserleitung des benachbarten Grundstücks vorstellen. Jedoch nur, wenn die Stadt Esslingen die Leitungshoheit übernehme. Das lehnt man im Rathaus jedoch ab: „Als öffentlicher gebührenfinanzierter Träger kann die Stadtentwässerung keine privat gebaute Leitung in die öffentliche Zuständigkeit übernehmen, wenn diese nicht dem Stand der Technik entspricht“, erklärt Isabelle Butschek von der Pressestelle.

Esslinger Landwirte suchen nach alternativer Abwasserentsorgung

Deshalb hat sich Krinn zusammen mit anderen Landwirten als weitere Variante überlegt, die Abwasserentsorgung selbst in die Hand zu nehmen und gemeinschaftlich zu organisieren, erzählt er. Das sei theoretisch möglich, heißt es von der Stadt – allerdings nur, wenn ein Antrag mit den notwendigen Nachweisen bei der Stadtentwässerung gestellt werde. „Aber wir wissen nicht, welche Voraussetzungen wir dafür erfüllen müssen“, bemängelt Krinn.

Martin Krinn führt einen Foto: Roberto Bulgrin

Aus den bisherigen Auskünften sei er jedenfalls nicht schlau geworden, so der 58-Jährige: „Ich weiß nicht, was ich machen kann oder darf.“ Er habe jetzt ein Schreiben an den Esslinger Oberbürgermeister sowie den Landrat aufgesetzt: „Sie sollen mal sagen, was auf mich zukommen kann, vor allem wirtschaftlich – denn dieses Nichtwissen belastet mich.“

Einen konkreten Lösungsvorschlag hat man im Esslinger Rathaus nicht parat: „Die Stadt plant, ein Abwasserbeseitigungskonzept in Auftrag zu geben“, teilt Marcel Meier von der Pressestelle mit. Dieses solle langfristig Klarheit über die möglichen Optionen bringen. Bislang habe man aber noch kein Ingenieurbüro dafür finden und beauftragen können. Wann das Konzept und damit möglicherweise auch eine Lösung für Martin Krinn vorliegen könnte, ist daher unklar.

Alternativen zur dezentralen Abwasserentsorgung

Betroffene
Laut der Esslinger Stadtverwaltung werden diejenigen, die von den höheren Gebühren für die dezentrale Abwasserentsorgung betroffen sind und Interesse an einer Änderung haben, individuell beraten. Vereinzelt habe man Lösungen aufzeigen können, die aber bislang noch nicht umgesetzt worden seien, weil sie auch mit erheblichen Kosten für die Betroffenen verbunden seien.

Optionen
Als Alternative zur dezentralen Abwasserentsorgung kommt laut der Stadtverwaltung in den meisten Fällen ein Anschluss an das öffentliche Kanalnetz infrage. Zudem würden derzeit die vorliegenden Anträge auf eine Selbstabfuhr des Grubenschlamms geprüft.

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