Abzug der Bundeswehr Das Trauerspiel von Afghanistan

Ein Soldat der Bundeswehr mit afghanischen Kindern. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Die Bundeswehr hat Afghanistan verlassen. Für die deutschen Soldaten endet damit nach 2o Jahren ein Kapitel. Doch für die Menschen im Land bleiben Frieden und Sicherheit ein ferner Traum, kommentiert Jan Dörner.

Berlin - In der langen und harten Geschichte Afghanistans endet ein Kapitel. Die letzten Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr haben das Land am Hindukusch-Gebirge verlassen, in wenigen Wochen werden alle ausländischen Truppen abgezogen werden sein. Seitdem die USA den Abzug ins Rollen gebracht haben, ist viel darüber gesprochen und geschrieben worden, was die internationale Gemeinschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten militärisch und politisch erreicht hat. Und was nicht.

 

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sprach von „Lektionen“, die für die Zukunft gezogen werden müssten. Möglicherweise „überzogene politische Ambitionen und Ziele“ – die sich Deutschland und seine Verbündeten einst für Afghanistan als Demokratie nach westlichem Vorbild erhofft hatten – dürften nicht in anderen Einsätzen wiederholt werden, mahnte die Ministerin. Dabei hatte Kramp-Karrenbauer besonders Mali und die Sahelzone im Blick. Natürlich muss nun Bilanz gezogen, die Fehler der letzten 20 Jahre analysiert werden. Doch was hilft das Afghanistan und den Afghanen? Für sie schließt sich zwar ebenfalls mit dem Abzug der ausländischen Truppen ein Kapitel, doch das nächste wird bereits geschrieben.

Fontane dichtete über Afghanistan

Vor mehr als 160 Jahren verfasste Theodor Fontane ein Gedicht mit dem Titel „Das Trauerspiel von Afghanistan“. Dies könnte auch die Überschrift des nächsten Abschnitts der afghanischen Geschichte sein. Die Taliban greifen wieder nach der Macht. Die über Jahre vom Ausland ausgerüsteten und ausgebildeten afghanischen Sicherheitskräfte sind nicht in der Lage, und in Teilen offenbar auch nicht willens, das gesamte Staatsgebiet zu kontrollieren und zu verteidigen. Wie umfassend das Scheitern der internationalen Gemeinschaft ist, zeigt sich daran, dass die afghanischen Helfer der ausländischen Truppen nach dem Abzug ihrer Beschützer um ihr Leben fürchten müssen.

Außer den Taliban treiben zudem die Terrormilizen des IS ihr Unwesen in Afghanistan. Die über die Landesgrenzen hinweg vernetzten IS-Kämpfer sind nicht eingebunden in die Friedensgespräche mit der afghanischen Regierung. Somit ist selbst im unwahrscheinlichen Fall einer politischen Annäherung unter Beteiligung der Taliban die Terrorgefahr noch lange nicht gebannt.

Die Nato hinterlässt ein geopolitisches Vakuum

Die Angst um Leib und Leben trieb allein in den vergangenen Wochen tausende Afghanen innerhalb des Landes in die Flucht. Wenn es in Afghanistan zum Bürgerkrieg kommt, wird auch die Zahl der afghanischen Flüchtlinge in Europa und in Deutschland anwachsen. Die Bundesregierung muss sich dann fragen, welchen Schutz sie diesen Menschen gewährt, deren Land nach 20 Jahren Bundeswehreinsatz im Chaos liegt.

Trotz aller Beteuerungen, Afghanistan weiterhin zu unterstützen, hinterlassen die Nato und ihre Verbündeten ein geopolitisches Vakuum, das früher oder später von anderen Mächten gefüllt werden wird. Zwar wird Afghanistan auch als „Friedhof der Imperien“ bezeichnet, Fontane beschreibt in seinem Gedicht das Scheitern der Briten am Hindukusch Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch dieser und die späteren militärischen Misserfolge fremder Truppen dürften auch künftig ausländische Einflussnahmen in dem Land an der Schnittstelle zwischen Süd- und Zentralasien nicht verhindern.

China, Indien und Pakistan in den Startlöchern

In den Startlöchern sehen Experten etwa das benachbarte China, die verfeindeten Atomstaaten Indien und Pakistan, aber auch Russland und den Iran. So könnten bestehende Konflikte und Rivalitäten nach Afghanistan verlagert werden. Frieden und Sicherheit, Wohlstand und Menschenrechte für alle Menschen in Afghanistan scheinen angesichts dieser Ausgangslage ein ferner Traum zu bleiben. Das nächste Kapitel droht ein düsteres zu werden.

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