„Ach, Gussie!“ im Theater der Altstadt in Stuttgart Viel mehr als nur die Frau an Adenauers Seite

Gussie (Paulina Pawlik) und Konrad Adenauer(Udo Rau) im Gefängnis Brauweiler am Tag ihrer Silberhochzeit. Foto: Theater der Altstadt /Jeanette Bak

Christof Küster zeichnet im Theater der Altstadt die Lebensgeschichte Gussie Adenauers nach und macht daraus kein Lehrstück, sondern eine von klugen Regieeinfällen getragene Hommage an eine bemerkenswerte Frau.

Gussie wer? Hätte Auguste Zinsser nicht als blutjunge Frau 1919 den damaligen Oberbürgermeister Kölns geheiratet, wäre sie wohl völlig in Vergessenheit geraten. Auch so ist die 1948 verstorbene Gussie Adenauer ein ziemlich unbekanntes Kapitel deutscher Frauengeschichte. Dabei war sie in den Jahren, bevor Adenauer zum Staatsmann und ewigen Kanzler wurde, seine Beraterin und diejenige, die den Laden, die Familie mit sieben Kindern, am Laufen hielt, als Konrad als Nazigegner untertauchen musste.

 

Patriarch und gut vernetzter Politiker

Über diese frühen Jahre hat Christof Küster einen Theaterabend, gemacht, der Gussie ins Zentrum stellt, aber naturgemäß doch auch viel über Konrad Adenauer als Mensch, liebenden Ehemann, furchteinflößenden Patriarchen, Erfinder von kuriosen Maschinen und gut vernetzten Politiker erzählt.

Paulina Pawlik spielt die humorvolle, aber auch tief religiöse Gussie, die sich in den frisch verwitweten Nachbarn Konrad Adenauer verliebt. Sie spielt Geige und gibt den Ton an – wie sie damit die missgestimmten und schiefe Töne produzierenden Kinder Adenauers in Harmonie bringt, ist eine kurze, aber doch sehr sprechende Szene. Davon gibt es viele in „Ach Gussie“.

Gussie (Paulina Pawlik) und Gestapo-Kommissar Kurt Bethke (Frederik Leberle) beim Verhör. Foto: Theater der Altstadt/Jeanette Bak

Die drei Bläser auf der Bühne sind fester Bestandteil dieser nicht nur musikalisch einfallsreichen Inszenierung von Christof Küster. Sie blasen auf, wenn der Schützenverein Adenauer mit einem Marsch erfreut, sie rücken der in Gestapohaft sitzenden Gussie Adenauer mit schrägen Tönen bedrohlich nahe.

Mariá Martínez Peña hat die Bühne mittels vier mobilen offenwandigen Kisten extrem wandlungsfähig gemacht. Da wird aus einem Stück Garten eine Gefängniszelle, es gibt ein Büro, an dem Adenauer sitzt (selbstbewusst, immer aufrecht und mit leichtem Kölscher Zungenschlag: Udo Rau), aber auch sein ständiger Gegenspieler. Frederik Leberle ist das, nicht minder autoritär als Gestapomann, Kommissar oder Spitzel.

Die Schauspieler sind auch als Kulissenschieber in Aktion, Stillstand gibt es selten und so bleiben auch eindrucksvolle Bilder – wie etwa Gussie und Konrad an ihrem 25. Hochzeitstag beide in ihrer jeweiligen Zelle im Gefängnis Braunweiler stehen und doch Lichtjahre voneinander entfernt sind.

Gussie mit ihren Kindern. Foto: Theater der Altstadt /Jeanette Bak

Das sechsköpfige Schauspielensemble bedient auch noch die Kamera, die das Geschehen auf der Bühne mittels Liveübertragung immer wieder doppelt. Warum das sein muss, ist nicht immer plausibel. Es gibt Einspieler, die die Handlung gekonnt kommentieren: Wenn etwa Max Adenauer in einem TV-Interview darüber spricht, wie gern die Kinder schon wieder weg waren beim Mittagstisch, bevor der allzu strenge Vater kam.

Küster hat das Material aus dem Archiv und aus diversen Biografien gekonnt ins Theater übertragen und der Korrespondenz von Konrad und Gussie viel Platz eingeräumt, die in ihrer sprachlichen Brillanz und Tiefe berühren.

Libet Adenauer, die jüngste Tochter, ist in „Ach Gussie“ gleich in doppelter Besetzung zu sehen: Verena Buss spielt sie als alte Frau, die sich warmherzig an ihre Mutter und sich selbst als junge Frau vom Bühnenrand aus erinnert. Jochanah Mahnke ist diese Libet in jungen Jahren, die verängstigt, verstört und mit dem Mut der Verzweiflung versucht, von der Gestapo etwas über den Verbleib der Mutter zu erfahren. Sie ist auch diejenige, die im Verlauf des Abends immer wieder interveniert, aus der Rolle tritt und nachfragt: „Stopp. Kann es wirklich so gewesen sein?“

Erinnerungen sind keine Geschichtsschreibung

Ein kluger Schachzug des regieführenden Intendanten und Stückeschreibers Küster, der so klar macht, dass Erinnerungen keine Geschichtsschreibung sind und dass es zwischen schwarz und weiß, schuldig und unschuldig auch viele Zwischentöne gibt.

Allerdings: Dass sich Küster in seiner Stückentwicklung an die Chronologie der Ereignisse hält – und das sind viele – lässt den durchaus vorhandenen Leerstellen zu wenig Raum. Fast drei Stunden dauert die Inszenierung inklusive Pause.

Weitere Termine: 19., 20., 21., 22., 27., 28. Februar und im März.

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