Acht Monate in Teheran Im Iran ist ihr Selbstbewusstsein gewachsen

Von Von Ralf Recklies 

Anne Wehlan war acht Monate als Deutschlehrer-Assistentin in Teheran. Dort hat sie nicht nur ihr Persisch verbessert, sondern auch das Setar-Spiel erlernt. Was bringt eine junge Frau dazu, nach dem Studium in den Nahen Osten zu gehen?

Anne Wehlan hat im Iran auch das Setar-Spiel erlernt Foto: privat
Anne Wehlan hat im Iran auch das Setar-Spiel erlernt Foto: privat

Schönberg - Anne Wehlan aus Schönberg wird künftig einiges vermissen, was sie während ihres achtmonatigen Aufenthalts im Iran kennen- und lieben gelernt hat: die alten Basare „und die Möglichkeit dort beim Einkauf zu handeln“, die Vielfalt der Gewürze und „das stets frische Gemüse- und Früchteangebot“. Dieses hat die 26-Jährige als Vegetarierin besonders geschätzt. Aber auch die Möglichkeit, für kleines Geld mit öffentlichen Verkehrsmitteln große Strecken zurücklegen zu können, wird ihr fehlen. In der Millionenstadt Teheran hat sie die Öffentlichen intensiv genutzt – „für Centbeträge“, so Wehlan. Der ÖPNV sei für fast jeden erschwinglich.

Als Assistentin eines Deutschlehrers an Hochschule tätig

Als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes war Wehlan im Oktober 2017 nach Teheran gereist, um dort als Deutschlehrer-Assistentin an einer Universität zu arbeiten, sprich: Sprachkurse zu geben und über Studienmöglichkeiten in Deutschland zu informieren. Zuvor hatte sie in Tübingen ihr Deutsch-als-Zweitsprache-Studium und das der Orientwissenschaften abgeschlossen.

Die Entscheidung, in den Iran zu gehen, sei für ihre eigene Entwicklung wichtig und absolut richtig gewesen. Sie habe viele positive Erfahrungen gemacht, „und an Kriminalität habe ich nichts erlebt“, sagt sie. Auch, weil Freunde und Verwandte oft die Sorge hatten, es könnte für die junge, blonde Frau im Iran gefährlich sein. Die mehrwöchige Heimreise auf dem Landweg sei ebenfalls kein Problem gewesen. Sie führte Wehlan unter anderem durch Armenien, Georgien, Bulgarien und die Staaten des ehemaligen Jugoslawien. Besonders eindrücklich sei die Überfahrt auf dem Schwarzen Meer von Georgien nach Bulgarien mit einer Fähre für Autos und Lastwagen gewesen.

Überraschend für Anne Wehlan, die zuvor fast nur in Mitteleuropa unterwegs gewesen war: „Es gibt viele Menschen, die sehr viel reisen – auch viele Frauen, die alleine unterwegs sind.“ Und wenn man gewisse Dinge beachte, sei dies weitgehend gefahrenfrei zu machen, urteilt sie heute. „Die Entscheidung, so etwas zu tun, ist oft schwieriger, als es wirklich zu machen“, sagt die junge Frau und verrät, dass sie selbst lange mit sich gerungen hatte, bevor sie sich dazu entschied, die Heimreise über Land anzutreten. Heute ist sie ist froh, dass sie es gemacht hat. Die Bedenken, die sie im Vorhinein gehabt habe, seien fast alle unbegründet gewesen. „Sie basieren meist auf falschen Vorstellungen von den Ländern und deren Kulturen, auf Klischees“, sagt sie.

In Tübingen erste Persisch-Kenntnisse erworben

Bewusst hatte sich die ehemalige Schülerin eines evangelischen Gymnasiums, auf dem sie nach eigener Einschätzung recht behütet war, nach dem Abitur und zwei jeweils halbjährigen Au-pair-Aufenthalten in Frankreich und Spanien für den Aufenthalt im Iran entschieden. Vor allem, da sie ihre berufliche Zukunft im Bereich Integration und Migrationsberatung sieht und sich primär um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmern will, die meist aus der Nahost-Region kommen. Am liebsten im Bereich der Sprachvermittlung.

„Ich bin mit dem Ziel, die persische Sprache besser zu erlernen, in den Iran gereist“, sagt die Schönbergerin, die während ihres Studiums bereits Persisch-Grundkenntnisse erworben hatte. Dass die Iraner die zunehmend spürbaren Sanktionen durch die USA „geduldig hinnehmen, obwohl sie oft schmerzhaft sind“, beeindruckt sie. Überraschter war Wehlan, wie gut die Infrastruktur in weiten Teilen des Landes ist. Überall gebe es frei zugängliches Trinkwasser und öffentliche Toiletten sowie gute Bus- und Bahnverbindungen. Was die technische Ausstattung mit Internet und Mobilfunk angehe, sei der Iran „Deutschland teilweise sogar voraus“, mutmaßt sie. Anders beim Thema Luftreinhaltung: Der Smog in Teheran während der Wintermonate habe sie sehr gestört. Da habe sie die vergleichsweise gute Luft in ihrer Heimat vermisst.

Von Offenheit und Hilfsbereitschaft der Menschen beeindruckt

Beeindruckt ist die 26-Jährige von der Offenheit und Hilfsbereitschaft der Menschen, die sie im Iran kennengelernt hat – auch bei Reisen nach Kurdistan im Westiran. „Die Leute sind ganz begeistert, wenn man Interesse an ihrem Land zeigt“, so Wehlan, die unter anderem die Wüstenstadt Yazd und die Kulturstadt Isfahan besucht und auch eine traditionelle Hochzeit erlebt hat. Ständig werde man eingeladen, stets unterstützt, wenn man Hilfe brauche. Die Freundlichkeit gegenüber Gästen sei bestechend. Es gelte aber bestimmte „kulturelle Codes“ des Höflichkeitssystems zu beachten. So müsse man Einladungen mehrfach ablehnen, bevor man sie annehme. Und wenn man jemanden besuche, „geht man nie ohne ein kleines Gastgeschenk – meist Gebäck – dorthin“. Auch werde es immer einfacher zu reisen. So gebe es zunehmend mehr Übernachtungsmöglichkeiten für Rucksacktouristen.

Ihr Selbstbewusstsein und ihre Persönlichkeit seien durch den Iranaufenthalt sowie die Heimreise über Land gestärkt worden, sagt die 26-Jährige. Mit den sozialpädagogischen Erfahrungen, die sie durch ihr Mitwirken auf der Birkacher Jugendfarm gesammelt hat, sieht sie sich gut für die anvisierten neuen Aufgaben gerüstet. Nun gelte es nur noch, eine Stelle zu finden.

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