Acht Startup-Zentren Startups in Mannheim: Gründer statt Arbeiterklasse

Von  

Vom Musikunternehmer bis zum Entwickler von Medizinrobotern sollen eine Vielzahl unterschiedlicher Startups in Mannheim ihren Platz finden. Die Stadt profiliert sich mit insgesamt acht Startup-Zentren als offene Stadt für Gründer.

Im Sommer wird das Gründerzentrum Musikpark auch zur Bühne für Events. Foto: Musikpark Mannheim
Im Sommer wird das Gründerzentrum Musikpark auch zur Bühne für Events. Foto: Musikpark Mannheim

Mannheim - Das Panorama muss man mögen – und doch hat es eine herbe Faszination. Vom Dach des Kreativzentrums C-Hub in Mannheim schweift der Blick über den Hafenkanal weit in die Industrielandschaft, die für das Ballungszentrum an Rhein und Neckar charakteristisch ist. Das im vergangenen Sommer eröffnete und rasch vollständig belegte Gebäude, das sich ironisch als „Zentrum für Mannheims neue Arbeiterklasse“ bezeichnet, beherbergt eine bunte Mischung aus 52 Kreativunternehmen und jungen Gründern. Startups in Mannheim reichen vom Schmuckdesign über eine Internet-Planungsplattform für Kindergeburtstage bis zur Digitalberatung für Unternehmen.

Im Rücken, auf der Landseite, liegt der Stadtteil Jungbusch, ein so genanntes „Problemviertel“, zu dem der Uferbereich einen bewusst gesetzten Kontrast bildet.

Mannheim lebt als Gründerstandort von solchen Gegensätzen. Dem beschönigend „Strukturwandel“ genannten Schrumpfen klassischer Industriebereiche hat sich die Stadt schon lange stellen müssen. Mit 5,9 Prozent Arbeitslosigkeit landete Mannheim im April im verwöhnten Baden-Württemberg unter den Städten und Kreisen immer noch auf dem drittletzten Platz. Die drittgrößte Stadt des Landes ist nicht so vom Wohlstand verwöhnt wie die bei der Einwohnerzahl auf Platz eins und zwei liegenden Metropolen Karlsruhe und Stuttgart.

Mannheim ist nicht saturiert – Gründer mögen das

Aber für Startups in Mannheim und eine lebendige Gründerkultur ist das kein Nachteil – im Gegenteil. Mannheim ist nicht arriviert. Ehemalige Industriebrachen etwa beim Gelände eines ehemaligen Traktorenwerks am Hauptbahnhof sind ein Entwicklungsraum, den andere, reichere Städte so nicht haben. Hier ist im Innovationszentrum Mafinex auch die Zentrale der städtischen Mannheimer Gründerförderung Mg GmbH angesiedelt.

Mannheim ist mit seinem rauen Charme und den im Landesvergleich bezahlbaren Mieten, was das Thema Startups angeht, sozusagen das „kleine Berlin“ des Landes. Christian Sommer, der Geschäftsführer der städtischen Gründerförderung sieht allerdings ein andere Startup-Metropole, die er gerade besucht hat, als Vorbild. „Mannheim könnte so etwas wie das Tel Aviv Deutschlands werden“, sagt er über die für ihre Gründerkultur global bekannte, israelische Stadt. Es gebe mehr Ähnlichkeiten als man glaube. Tel Aviv sei etwa gleich groß wie Mannheim, sei städtebaulich ebenfalls keine Schönheit, kompensiere das aber mit einer kreativen, offenen Atmosphäre. Beide Städte kooperieren bereits beim Thema Startups. Kleiner Nachteil: In Mannheim müssen die Ufer von Rhein und Neckar das Mittelmeer ersetzen.

Mannheim hat für sich das Thema Innovation sehr breit definiert. Die Wirtschaftsförderung der Stadt beteiligt sich über einen Fonds selbst mit Beträgen zwischen 50 000 und 200 000 Euro an Startups in Mannheim. Neben zwei Technologiezentren nimmt die Kreativwirtschaft breiten Raum ein. Am Hafenkanal liegt neben dem C-Hub, nur wenige Schritte von der deutschlandweit einmaligen Popakademie entfernt, das Gründerzentrum Musikpark, das als einziges in Deutschland Startups aus der Musikbranche eine Heimstatt bietet.

Startups in Mannheim: Gründerförderung als Stadtentwicklung

Als die Stadt sich vor rund einem Jahrzehnt sich dafür entschied, beim Aufbau einer „Gründermeile“ auf den schwierigen Stadtteil Jungbusch zu setzen, war das umstritten. Die Entwicklung hat etwas länger gedauert als gedacht. Doch die sich allmählich entlang des Ufers und an der Hauptstraße etablierende Ausgehmeile gibt dem Konzept recht. Dort reihen sich heute bei jungen Leuten populäre Szene-Bars zwischen die Dönerstände und kleinen Läden. Als „aufstrebend“ wird der Stadtteil inzwischen tituliert. Die „Gentrifizierung“ geht nicht ohne Reibungen ab. Doch das Viertel zeigt, dass Gründerkultur auch ein Instrument der Stadtentwicklung sein kann.

Doch es geht längst nicht mehr nur um die als Eisbrecher dienende Kreativwirtschaft. Mannheim verfolgt etwa das Thema Hightech im Medizinbereich. Mittelpunkt ist hier der im Frühjahr des vergangenen Jahres eröffnete, direkt auf dem Campus der Universitätsklinik liegende Startup-Inkubator Cubex. Dort werden beispielsweise im Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer -Institut für Automatisierung in der Medizin innovative Roboter getestet,die etwa bei komplizierten Krebsoperationen die Abläufe beschleunigen sollen. Das soll nicht nur die Patienten sondern auch die Klinikbudgets schonen.

Die kurzen Wege zwischen Entwicklung und Anwendung im Klinikalltag haben sich bis nach Argentinien herumgesprochen. Der Arzt Jorge Petrone aus Buenos Aires, der im Cubex mit seinem Startup MIS Devices Instrumente für minimalinvasive Chirurgie entwickelt, ist des Lobes voll über die Arbeitsmöglichkeiten, aber auch über Mannheim selbst: „Ich habe mich hier sofort zu Hause gefühlt“, sagt er. Seine Familie wird in Kürze nach Deutschland ziehen.

Mannheim leistet sich acht Gründerzentren

Acht Gründerzentren für unterschiedlichste Branchen und Zielgruppen, das ist in Baden-Württemberg einmalig. Sie reichen von den erwähnten Standorten am Hafenkanal und das High-Tech-Zentrum für Medizintechnik bis zum Kreativzentrum „Altes Volksbad“ oder der „Textilerei“, einem aufwendig renovierten Haus im Zentrum, in dem Gründer aus der Mode- und Textilbranche ihren Platz finden.

Die Stadt hat sogar mit speziellen Gründerzentren für Frauen und türkische Migranten experimentiert – auch wenn man sich von solchen zielgruppenspezifischen Angeboten wieder wegbewegt. „Mannheim hat schon lange begriffen, dass es zum Thema Gründen keine Alternative gibt“, sagt Christian Sommer.

Zwar unterstützen auch die großen Konzerne der Region, der Chemiekonzern BASF oder der Softwareanbieter SAP einige Initativen. Aber im wesentlichen ist die Gründerkultur ein Thema der Stadtpolitik – und bei allen Parteien im Gemeinderat unumstritten.

In Mannheim hat man von Anfang den Aufbau einer Startup-Kultur als etwas begriffen, was mit Förderprogrammen nicht abzudecken ist. Man glaubt, dass Gründer ein urbanes Umfeld suchen, das gar nicht zu „geleckt“ sein braucht. Es geht darum, dass die Stadt für interessante Menschen mit vielfältigen Interessen attraktiv wird.

Andrea Kranzer, die aus der Region stammt, und die als Startup-Investorin in der ganzen Welt unterwegs ist, kann sich deshalb keinen besseren Ort zum Gründen vorstellen. Sie betreut aus dem C-Hub heraus in nebeneinander liegenden Büros sowohl die jungen Unternehmen, in die sie investiert hat, als auch ihr eigenes Geburtstags-Startup Balloonas. „Es gibt hier untereinander eine sehr große Hilfsbereitschaft und Offenheit,“ sagt sie. In der wenig polierten, ehemaligen Arbeiterstadt Mannheim gedeiht eben keine Arroganz.