Achtsamkeit Interviem mit dem Tübinger Rhetoriker Olaf Kramer

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Olaf Kramer, Professor am Seminar für Rhetorik der Universität Tübingen, stellt eine Sprachverrohung fest – besonders bei Populisten. Es mangele an Empathie.

Herr Kramer, wie ist es um die Kommunikation in unserer Gesellschaft bestellt?
Ich sehe zurzeit zwei zentrale Entwicklungen. Zum einen drücken sich Politiker heute oft vorsichtiger, kontrollierter, ausweichender aus als beispielsweise noch zu Zeiten der Bonner Republik – wohl aus Angst vor einem Skandal. Zum anderen herrscht in den sozialen Medien und in der Sprache von Populisten ein sehr provokativer, aggressiver Ton vor. Da kann man schon eine Art Verrohung der Sprache feststellen.
Wie reden Populisten?
In der populistischen Kommunikation fehlt jede Form von Achtsamkeit, Empathie, Fairness und Vernunft. Da geht es nicht um sachliche Positionen oder machbare Lösungen, sondern darum zu provozieren und zu polarisieren – und so den eigenen Anhängern zu gefallen.
Was müsste anders laufen?
Auch oder gerade in großen, gesellschaftlichen Debatten ist es wichtig, verschiedene Positionen anzuerkennen. Auch mal den eigenen Blickwinkel zu verändern und sich in andere Menschen hineinzuversetzen. In der Wissenschaft, vor allem in der Psychologie, ist dabei die Rede von Konfliktlösung durch Perspektivwechsel. Was damit gemeint ist, lässt sich am Beispiel der Flüchtlingsdebatte zeigen. Würden wir hier auch mal den Blickwinkel ändern, müssten wir uns wohl eingestehen, dass viele Menschen sehr legitime Gründe haben hierherzukommen. Und würden feststellen, dass wir selbst in ihrer Situation vielleicht auch woanders unser Glück suchen würden.
Im Netz scheint es keine Höflichkeit zu geben, stattdessen eher Hass und Aggression.
Auf solchen Plattformen stehen vor allem die eigene Identität und das eigene Weltbild im Fokus. Nicht die Perspektive der anderen. Da trauen sich Menschen, Dinge zu sagen, die sie niemals so formulieren würden, wenn sie einander begegnen würden.
Bleiben solche Kommunikationsmuster auf den Plattformen im Internet?
Ich vermute, dass sich die online erprobten Kommunikationsformen auch an anderer Stelle etablieren könnten. Das Netz ist schließlich Teil unserer Lebensrealität ­geworden. Und dort bekommt man Bestä­tigung durch Eskalation. Sprache kann Konflikte auslösen und befeuern. Wieder bewusster zu kommunizieren ist daher sehr wichtig.