Stuttgart - Oft hilft es ja, wenn man in einen neuen Tag in der chronisch verstopften Stuttgarter Innenstadt mit einem geistigen Stützrad losfährt – vielleicht mit einer kalmierenden Losung. Ein kroatisches Sprichwort lautet „Ovca bleji, zalogaj gubi“, was man sinngemäß mit „Ein blökendes Schaf bleibt hungrig“ übersetzen könnte. Übertragen bedeutet das für das Überleben im Verkehr: Bleibe ruhig! Lass die Hände von der Hupe! Beleidige niemand! Roll den Stinkefinger wieder ein! Und du wirst am Ende eines Tages voller Staus satt und unversehrt zurückkehren. So weit die Theorie.
Blut ist kein Wasser
Doch dann nimmt einem eines schönen Morgens unweit des Kernerplatzes ein schicker Kleinwagen rüde die Vorfahrt. Die Fahrerin versucht nicht einmal zu bremsen, von einer angepassten Fahrweise innerhalb der Zone 30 ganz zu schweigen. Die Kreuzung ist schlecht einsehbar, immer wieder gibt es Unfälle. Das sind dann diese Augenblicke, in denen ein anderes kroatisches Sprichwort die Navigation übernimmt: „Krv nije voda“ – „Blut ist kein Wasser“. Urplötzlich ist man wieder der Südländer aus der Klischeeabteilung. Aus den Nüstern dampft es, das Herz klopft bis zum Hals. Und so hupt man, was man eigentlich nie und nimmer tun wollte. Die Fahrerin aber gibt Gas und macht mit der Hand eine beleidigende Geste.
Rechts vor links oder wie?
Das gibt’s doch nicht! Also nochmals die Hupe malträtiert und hinterhergebraust. Keine zweihundert Meter weiter: Die Rennfahrerin mit dem Stuttgarter Kennzeichen fährt in der nächsten Haltebucht rechts ran, ihr Verfolger tut dasselbe. Sie steigt aus, kommt auf einen zu. Das Alter? Zwischen vierzig und fünfzig. Gepflegte Erscheinung. Wahrscheinlich will sie sich entschuldigen, denkt man, während man die Scheibe herunterlässt. Man kommt ihr verbal zuvor, sagt ruhig: „Rechts vor links. Schon mal davon gehört?“ Sie: „Jaja, ich weiß, rechts vor links. Aber so geht das auch nicht.“ – „Wie bitte? Ich bin doch im Recht. Sie haben mir die Vorfahrt genommen.“ – „Darum geht es nicht. Sie beharren auf Ihrem Recht. Ich habe gehofft, dass in unserer Stadt die Menschen ein Miteinander pflegen und nicht ihr Recht durchsetzen. Ich habe lediglich Gas gegeben, weil ich Angst hatte, dass Sie mir ins Auto fahren.“ – „Nochmals: rechts vor links. Sie haben kein Recht, andere zu gefährden.“ Sie winkt ab, ist sichtlich empört und steigt wutentbrannt in ihr Auto.
Disharmonisches Miteinander
Die Dame scheint beleidigt zu sein. Unfassbar. Eine Bitte um Entschuldigung kommt ihr nicht über die Lippen. Stattdessen dreht sie den moralischen Spieß um und bezichtigt einen des Egoismus. Das ist die Rhetorik der Achtsamen. Ein Mann hupt nicht, er verzichtet lieber auf sein Recht und genießt das harmonische Miteinander im Stoßverkehr, so die Forderung. Und falls er nicht gestorben ist, wartet er immer noch an der Kreuzung.
Immer dichter
Damit ist die Unrechthaberin aber nicht allein. Der Verkehr in der Stadt wird immer dichter, die Nerven liegen blank. Und das gilt nicht nur fürs Autofahren: E-Scooter gegen Fußgänger, Fußgänger gegen SUV-Fahrer und so weiter. Zwei Tage später ist man mit dem Rad auf dem Radweg in Bad Cannstatt unterwegs, da fährt einem an der roten Ampel eine Radfahrerin aufs Hinterrad. E-Bikes sind oft schneller und schwerer, als man denkt.
Ironisch betont
Doch anstelle einer Entschuldigung gibt es nur ein „Hoppla!“. „Geht’s noch?“, fragt man deutlich über die Schulter. Erst dann wird ein „’Tschuldigung“ herausgekläfft, ironisch betont und so laut, dass man sich in einem Zirkus wähnt. Auch hier hätte man klaglos den Rempler hinnehmen müssen, sich eventuell für die Frechheit bedanken. Das gehört zum trendigen Achtsamkeitstraining in dieser Stadt neuerdings dazu. Oder, wie der Kroate sagen würde: „Ein blökendes Schaf bleibt hungrig.“