Adipositas behandeln Spritze oder Skalpell? Was Ärzte bei Übergewicht empfehlen

Übergewicht ist oftmals ein Einfallstor für andere Erkrankungen wie Bluthochdruck. Foto: dpa)

Adipositas lässt sich chirurgisch oder mit Medikamenten behandeln. Ärzte vom Bietigheimer Krankenhaus (Kreis Ludwigsburg) erklären, mit welchen Methoden man wie viel abnehmen kann.

Die Zahlen sind alarmierend. Rund 30 Prozent der Deutschen sind übergewichtig, 20 Prozent sogar so stark, dass man von Adipositas spricht. Das Risiko, an Bluthochdruck zu erkranken, eine Diabetes zu entwickeln oder einen Schlaganfall zu bekommen, steigt dadurch signifikant. „Außerdem sterben Adipositas-Patienten im Schnitt acht bis zehn Jahre früher als Normalgewichtige“, sagte Marc Müller, Ärztlicher Direktor der Klinik für Gastroenterologie am Krankenhaus in Bietigheim, nun bei einem Vortrag.

 

Die gute Nachricht ist: Die Krankheit lässt sich behandeln. Wobei die Fachleute klarmachten, dass es den einen Königsweg nicht gibt. Jeder Patient erhalte im Adipositaszentrum Nordwürttemberg in Bietigheim eine auf ihn zugeschnittene Behandlung, sagte dessen Leiter Dieter Birk. Beim einen sei es ratsamer, auf eine Abnehmspritze zu setzen, beim anderen auf einen chirurgischen Eingriff. Beim Dritten sei vielleicht eine Kombination aus beiden Ansätzen erfolgversprechend. Zusätzlich kann zudem eine psychologische Betreuung angezeigt sein. Flankierend wird darüber hinaus eine Ernährungsberatung angeboten.

Operationen führen zum größten Gewichtsverlust

Der größte Effekt lässt sich über eine Operation erzielen. Das Übergewicht reduziere sich dadurch in den ersten beiden Jahren um 60 bis 70 Prozent, auf zehn Jahre gesehen immer noch um 44 bis 55 Prozent, berichtete Michael Müller. Der Privatdozent stellte die beiden häufigsten Methoden vor: die Magenverkleinerung und den Magen-Bypass mit Untervarianten.

Wie der Name schon andeutet, wird bei Ersterem ein Teil des Magens entfernt. „Aus dem großen Sack Magen wird ein Schlauch von der Größe einer Banane gemacht. Er ist dann deutlich kleiner, also passt auch deutlich weniger hinein“, erklärte Müller. Der Eingriff sei technisch einfach. Außerdem könne man später den verbliebenen Teil per Spiegelung gut untersuchen und anschauen.

Das Essen wandere über den üblichen Weg in den Darm. Spurenelemente, Vitamine und Co. könnten gut aufgenommen werden. „Das große Problem ist, dass der Druck im verkleinerten Magen höher ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Essen zurück in die Speiseröhre fließen oder Sodbrennen verursachen kann, ist größer“, erklärte Müller.

Michael Müller hat über die Vor- und Nachteile der chirurgischen Eingriffe bei Adipositas-Patienten berichtet. Foto: RKH Kliniken/Martin Stollberg

Wendet man hingegen die Bypass-Methode an, wird vereinfacht gesagt ein Teil des Magens und des Dünndarms lahmgelegt. Das Essen rutscht in einen kleineren Magen, weshalb man weniger Nahrung auf einmal zu sich nehmen kann. Außerdem fließen die Verdauungssäfte erst an einer späteren Stelle im Darm hinzu, sodass die Essensbestandteile und damit auch die Kalorien nicht sofort vom Körper aufgenommen werden können.

Das Verfahren sei etwas komplizierter, konstatierte Müller. Außerdem könne man mit einer Kamera nicht mehr wie bisher bei einer Spiegelung den Restmagen anfahren und schlechter Nährstoffe oder Medikamente aufnehmen. Dafür verbessere sich sogar die mögliche Problematik mit dem Essensrückfluss in die Speiseröhre. Und auf Sicht erreiche man eine etwas bessere Gewichtsreduktion als über die Verkleinerung des Magens.

Ordentliche Erfolge attestierten die Fachleute auch den Abnehmspritzen als sanftere Alternative. Deren Wirkstoffe ahmten bestimmte Hormone nach und sendeten dem Gehirn Sättigungsgefühle, erläuterte Daniel Kopf, Ärztlicher Direktor des Geriatrischen Schwerpunkts Ludwigsburg-Bietigheim. Gleichzeitig machten sie den Verdauungstrakt träge. Die Nahrung bleibe länger im Bauch. „Dadurch hat man nicht mehr so viel Appetit“, erklärte Kopf.

„Das Medikament reduziert nicht nur Gewicht, sondern kontrolliert auch ganz gut die schädlichen Folgen des Übergewichts“, resümierte der Mediziner. Patienten brächten nach eineinhalb Jahren grob zwischen 10 und 20 Prozent weniger Gewicht auf die Waage. „Wenn man das Medikament aber absetzt, nehmen fast alle Menschen wieder deutlich zu“, gab er zu bedenken. Die Forschung lege nahe, dass es nachhaltiger sei, die Spritzenkur mit einer gesteigerten Bewegung zu begleiten. So baue man Muskulatur auf, die man beim Abnehmen verliere. Die Muskeln seien wichtig, um möglichst viel Energie verbrennen zu können.

Rückfall in alte Verhaltensmuster verhindern

Jürgen Knieling, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am RKH Krankenhaus in Bietigheim, gibt zu bedenken, dass auch seelische Faktoren Übergewicht auslösen können. Foto: RKH Kliniken/Martin Stollberg

Die Wirkung von Abnehmspritzen oder Operationen kann nicht zuletzt dadurch konterkariert werden, dass Patienten etwaige Essanfälle nicht in den Griff bekommen. 20 bis 30 Prozent der Übergewichtigen hätten eine Binge-Eating-Störung, berichtete Jürgen Knieling, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am RKH Krankenhaus in Bietigheim. Insofern müsse man sich vor einer OP in einer Therapie darum bemühen, dass die Betroffenen danach nicht in alte Verhaltensmuster zurückfallen.

Grundsätzlich gelte es, mögliche seelische Faktoren zu erkennen und zu behandeln, die das Übergewicht mit ausgelöst haben. Das könne in eine psychologische Vor- oder Nachbetreuung münden. „Man sollte nicht nur den Körper betrachten. Wir sind Menschen mit einer Motivation und einer Geschichte“, betonte Knieling.

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