Adressbuch fürs Internet Ein Google-Konkurrent auf Papier

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Ein gedrucktes Adressbuch fürs Internet ganz im Stil eines Telefonbuchs – das wirkt im Zeitalter schneller Suchmaschinen absurd. Doch das Webadressbuch für Deutschland hat seine Nische bei Nutzern gefunden, die Sicherheit und Übersichtlichkeit wünschen.

Webadressen zum Selbereintippen, ein paar Erläuterungen, Screenshots als Werbung – so funktioniert das Adressbuch. Foto: Verlag Repro: StZ
Webadressen zum Selbereintippen, ein paar Erläuterungen, Screenshots als Werbung – so funktioniert das Adressbuch. Foto: Verlag Repro: StZ

Stuttgart - Ein gedrucktes Buch als Suchwerkzeug für das Internet? Julia Schubert vom kleinen M.W. Verlag aus Frankfurt kennt die erste ungläubige Reaktion zu Genüge. „Das werden wir ständig gefragt, wenn Leute das erste Mal mit unserem Web-Adressbuch in Berührung kommen“, sagt sie. Ja, was soll im Zeitalter sekundenschneller, täglich aktualisierter Google-Suchergebnisse ein 671 Seiten dicker, nur einmal im Jahr aktualisierter Wälzer, der zudem 19,95 Euro kostet?

Als 1998 die schon damals absurd erscheinende Geschäftsidee realisiert wurde, konnte man immerhin noch sagen, dass die Deutschen mit dem damals erst seit wenigen Jahren verbreiteten Netz noch übten. Doch mehr als eine halbe Million Webadressbücher, die an die gelben Seiten von einst erinnern, wurden seither verkauft. Vor wenigen Tagen ist die sechzehnte Ausgabe auf den Markt gekommen. Sie beweist, dass das gedruckte Wort auch im Internetzeitalter seinen Charme haben kann.

Dennoch bleibt es auf den ersten Blick schwer vorstellbar, dass jemand beim Anschalten des Computers ins Buchregal greift und etwa auf den Seiten 191 bis 199 gemütlich durch die Rubrik „Erotik“ blättert, um sich von der Seitensprung-Fibel bis zu Ladies.de – selbstverständlich hochseriös – über die einschlägigen Angebote zu informieren. In zwanzig Großkapiteln lässt das wegen seines hochauflösenden Glanzpapiers schwer in der Hand liegende Buch keinen Bereich des Alltags aus. Es funktioniert damit nach dem traditionellen, bisher von keiner Webseite oder Suchmaschine zu imitierenden „Schmöker-Prinzip“.

„Was machen Sie denn bei Google, wenn Sie gar nicht genau das Stichwort wissen, wonach sie suchen?“, fragt Schubert. Von Accessoires über Einkaufen bis zu Unternehmensmakler und Wirtschaftsverbänden befriedigt eine rigoros auf 5000 Einträge begrenzte Adressenauswahl offenbar ein Bedürfnis nach Übersichtlichkeit. „Jeder Link wird von uns redaktionell geprüft“, sagt Schubert. Die Redakteure träfen nicht nur eine Auswahl, sie prüften die Seiten auf Sicherheit, auf korrekte Inhalte und Funktionalität, sagt Schubert. Und wenn etwas zu beanstanden sei, bekämen die Betreiber der Seite auch ein Feedback

Ist die Suche mit Gütesiegel typisch deutsch?

Netzsuche mit echt deutschem Gütesiegel, garantiert ohne Internet-Cookies und Datenschnüffelei, das scheint in Deutschland eine gewisse Zielgruppe anzusprechen. Es seien vielleicht nicht die totalen Internet- und Suchprofis, die zu dem Buch griffen, sagt Schubert, sondern eher Menschen, die von den verwirrenden, von Google ausgespuckten Suchergebnissen überfordert sind. Doch auch die Gruppe derjenigen, die den Algorithmen der Suchmaschine nicht vertrauen, werde bedient: „Wir finden ganz andere Dinge als Google, weil wir nach anderen Kriterien suchen.“ Die rein auf Algorithmen getrimmte Suchmaschine vergräbt in der Tat manches wertvolle Suchergebnis auf weiter hinter liegenden Seiten, die der normale Nutzer, der nicht endlos in dem Wust der Links stöbern will, nur selten im Blick hat.

„Im Gegensatz zu Google können wir sogar in die Zukunft blicken“, sagt Schubert. Mit jedem Betreiber einer aufgelisteten Seite nehme man Kontakt auf und werde so manchmal im voraus über geplante Änderungen informiert. Und da man auf eine bestimmte Qualität der Seiten achte, sei das Risiko, dass diese im Laufe des Jahres verschwänden, eher gering. Wer in die Auswahl aufgenommen wird, hat auch die Möglichkeit, gegen Bezahlung ein Abbild seiner Seite im Buch zu platzieren. Einen Platz im Adressbuch erkaufen könne man sich allerdings nicht, sagt Schubert.

Doch so ganz offline operiert der Verlag nicht mehr. Aus der jährlichen Überprüfung der Seiten hat sich ganz natürlich ein ergänzendes Angebot ergeben. Man vergibt inzwischen auch Güte- und Sicherheitssiegel für Webseiten und Online-Shops.