Adriana Altaras’ Familienerinnerungen: „Titos Brille“ Lachen trotz der Gespenster

Von Sabine Fischer 

Ihrem sehr erfolgreichen Buch „Titos Brille“ hat Adriana Altaras den Untertitel „Die Geschichte meiner strapaziösen Familie“ gegeben. Auch der Dokumentarfilm über das Leben einer jüdischen Familie wahrt diesen Humor.

Die Eltern von Adriana Altaras, die hier schon als kleines Mädchen nachfragend in die Kamera schaut,  trugen die Last der Holocaust-Erinnerungen mit sich herum. Foto: X-Verleih
Die Eltern von Adriana Altaras, die hier schon als kleines Mädchen nachfragend in die Kamera schaut, trugen die Last der Holocaust-Erinnerungen mit sich herum. Foto: X-Verleih

Stuttgart - Oft wirken deutsche Filme über den Holocaust, als seien sie mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern gedreht worden. Regina Schillings unkonventioneller Doku-Roadtrip „Titos Brille“ lässt diesen Eindruck nicht aufkommen. Statt auf getragene Musik setzt er auf Selbstironie und Humor. „In der Grundschule hing ein Porträt von Tito“, erinnert sich die Schauspielerin und Autorin Adriana Altaras beispielsweise, während sie in Titos ehemaliger Sommerresidenz in Slowenien steht. „Wir mussten es jeden Morgen grüßen. Er grüßte nie zurück. Unhöflich. Aber er war schließlich ein Held. Und Helden dürfen das.“

Dies ist ein symbolhaftes Bild für den gesamten Film: eine winzige, verstrubbelte Frau stellt sich dem unfreiwilligen Erbe einer Leidenserfahrung, das nicht nur ihr Leben, sondern das ganzer Generationen jüdischer Nachkriegskinder prägt.

In „Titos Brille“, dem Dokumentarfilm zum gleichnamigen Buch, wird die Regisseurin Altaras auch zur Protagonistin. Trotz glücklichem Familienleben und Loft in Berlin leidet sie als Nachfahrin jugoslawischer Exiljuden unter den „Dibbuks“, den Totengeistern. Um die ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen, macht sie sich auf eine Reise durch ihre Vergangenheit – von Gießen bis nach Zagreb.

Geweint wird fast nie

Schilling inszeniert die Stationen, an denen Altaras auf diesem Weg haltmacht, nicht als erbaulichen Selbstfindungstrip à la „Eat, Pray, Love“. Sie lässt Raum für Geschichten, Irrwege, Sackgassen. „Titos Brille“ schafft so fast beiläufig ein Gefühl des Verlorenseins. Altaras als Protagonistin trägt vor allem durch den wunderbar leichten Ton, in dem sie von der Partisanenbewegung, vom Schauprozess um ihren Vater oder vom Hadern mit allem Jüdischen seitens der Mutter erzählt.

Im Kern ist vieles von dem, was sie als übernommene Holocausterfahrung der Großeltern mit sich herumschleppt, schmerzhaft, vielleicht sogar traumatisch. Doch Schilling inszeniert ihre Protagonistin nicht als Opfer. „Titos Brille“ schafft kein Mitleid. Altaras braucht es auch nicht. „Wir haben nicht ständig zusammen im Auto gesessen und geweint“, sagt sie. „Das gab es fast nie.“ Stattdessen spielt Schilling alte Mitschnitte aus Altaras’ Kindheit ein. Die Familie lachend vor dem Weihnachtsbaum. Der Vater mit unmöglicher 70er- Jahre-Badehose im Planschbecken vor dem Haus: Kontraste, die die Opferrolle aufbrechen und ein Bild zeichnen, das mit Stereotypen nicht mehr viel zu tun hat.