Weihnachtliche Stadtführung der besonderen Art: Bei einem Rundgang durch die Esslinger Altstadt fragt die katholische Cityseelsorge, wo Maria wohl heute entbunden hätte.

Es ist dunkel, einsam und unwirtlich. Baumaterial liegt auf dem Boden neben allerhand Geräten und Schutt. Die finstere Umgebung bildet einen krassen Kontrast zum heiteren Glockenspiel, dem Glitzern und dem Lachen, das vom Weihnachtsmarkt zu vernehmen ist, der nur wenige Meter entfernt die Menschen erfreut. Genau hier, unter einem Gerüst auf der Baustelle des Hauses der katholischen Kirche am Rand des Esslinger Marktplatzes, startet ein Stadtrundgang der katholischen Cityseelsorge. Zum Inhalt hat er die Weihnachtserzählung, aber übertragen ins Heute, Weihnachtsgeschichte 2.0. Der Titel lautet: „Wäre die Krippe heute eine Schachtel?“

 

Im Zentrum steht die Frage: Wo hätte Maria heute entbunden? Eine unverheiratete Frau, die mit einem fremden Kind schwanger ist, eine Obdachlose in der Fremde. Wer hätte sich ihrer angenommen, wer wären ihre Hirten gewesen? Wie hätte sie sich gefühlt, „sie war ja ein junges Mädle“, sagt der katholische Pastoralreferent Sebastian Schmid. Die Baustelle wird dabei zum Sinnbild. „Genau das ist es, was Maria erlebt hat“, sagt sein Kollege Raphael Maier. „Ihr Leben ist eine Baustelle.“ Das Duo hat sich das neuartige Konzept der außergewöhnlichen Adventsrundgänge durch die Esslinger Innenstadt überlegt. Für Sebastian Schmid ist es ein Weg, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. „Weniger reden, mehr zuhören“, nennt der Cityseelsorger als Ziel. Der Advent sei eine gute Zeit, sich auszutauschen. „Wir wissen auch nicht, wo Jesus ist“, sagt er, „ich freue mich, wenn die Menschen mit uns zusammen suchen.“

Esslinger fragen, wie Jesu Geburt wohl heute ablaufen würde

Tatsächlich wirft die Weihnachtserzählung viele existenzielle Fragen auf. Nach der Herkunft und nach der Heimat, nach der Fürsorge für die oder den anderen, nach Abhängigkeiten – und nach der sozialen Botschaft der Weihnachtsgeschichte. Fakt ist: Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist nicht im Prunk zur Welt gebracht worden, sondern in einem einfachen Stall bei den Underdogs der damaligen Gesellschaft. „Wenn Lukas heute leben würde, wie würde er die Geschichte erzählen?“, fragt Sebastian Schmid.

Auf der Tour geht es einmal kreuz und quer durch die Esslinger Innenstadt – von der Baustelle zum Standesamt auf dem trubeligen Marktplatz, dann wieder in eine ruhige Nische an der Stadtkirche, später in die Fußgängerzone und in eine düstere Unterführung. Dunkel neben hell, einsam neben turbulent, dreckig, dann wieder glanzvoll, vom Rand in die Mitte. Mehr als 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer lassen beim jüngsten Rundgang – Dauer: etwa eine Stunde – diese Gegensätze auf sich wirken und tauschen sich über ihre Eindrücke aus.

Esslinger Cityseelsorge bietet zwei weitere Termine an

Die nächsten Termine für „Wäre die Krippe heute eine Schachtel?“ sind am 8. und am 16. Dezember. Die Touren beginnen jeweils am Haus der katholischen Kirche, Marktplatz 6 in Esslingen. Los geht es um 18 Uhr. Die Teilnahme ist kostenfrei. Soll das Prinzip der Rundgänge auch nach Weihnachten fortgesetzt werden? Vielleicht mit Ostern 2.0? Sebastian Schmid lächelt vielsagend. „Mal gucken, was passiert. Wenn es gut läuft, bleiben wir dran.“