Wer Streuobstwiesen liebt, sollte im Advent zur Säge greifen: Die Mistel ist gerade im Rems-Murr-Kreis seit Jahren auf dem Vormarsch.
Wer Streuobstwiesen schätzt, sollte in der Adventszeit vor allem im Rems-Murr-Kreis zur Säge greifen und sich mit Mistelzweigen für den Weihnachtsschmuck eindecken – zumindest wenn es sich um die eigenen Bäume handelt. Für alle anderen bietet sich der Kauf von Misteln als natürliches Dekomaterial auf dem Weihnachtsmarkt an. Denn bei der beliebten Zierde für den Hauseingang handelt es sich um einen Parasiten, der sich in Baden-Württemberg immer weiter ausbreitet – und kränkelnden Obstbaum-Beständen über kurz oder lang den Garaus macht.
Der Umweltverband Nabu hat deshalb mit dem Startschuss für Weihnachtsmarkt-Buden und Glühweinstände das Motto „Ran an die Mistel“ ausgerufen. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Streuobstbäume von Misteln zu befreien“, sagt Gartenexpertin Aniela Arnold. Die Mistel ist ein hübscher Adventsschmuck, sie lässt sich zum Kranz binden, als Tischdeko mit anderen Zweigen zu kleinen Sträußen kombinieren oder im Windlicht mit Zapfen und Rindenstückchen nutzen. Als Türschmuck lädt sie zum Küssen unterm Mistelzweig ein – ein Weihnachtsbrauch, der angeblich Glück bringen soll.
In der Backnanger Bucht ist der massive Befall kaum zu übersehen
Ein Glück ist es zumindest für die Obstbäume, wenn die Mistel im Türrahmen statt in der Baumkrone hängt. Die unter dem lateinischen Namen Viscum album laufende weißbeerige Version breitet sich im Südwesten nämlich in rasantem Tempo aus. Gerade im Rems-Murr-Kreis ist der massenhafte Befall etwa in der Backnanger Bucht, aber auch in den Berglen und im Remstal kaum noch zu übersehen.
Besonders betroffen sind Pappeln entlang von Gewässern, Apfel- und Birnenbäume auf Streuobstwiesen, Ebereschen und Weiden. Weil sie dem Baum neben Wasser auch viele Nährstoffe entzieht, raubt die Mistel ihrem Wirt die Lebensenergie. Das Muster ist vorhersehbar: Der Klimawandel setzt Streuobstwiesen durch Hitze, Trockenheit und Krankheiten zu, die Mistel verschärft diesen Stress und die wärmeren Temperaturen fördern ihre Ausbreitung inzwischen bis in Mittelgebirgslagen.
Schon nach einem Jahr ist der rundliche kleine Busch so groß, dass er den Baum schädigt. Und: Je mehr Misteln im Baum sind, desto gravierender ist ihre Wirkung. „Streuobstwiesen sind wertvolle Lebensräume für eine Vielzahl an Arten und beliebte Erholungsgebiete. Bitte entfernen Sie Misteln zügig, um diesen Lebensraum dauerhaft zu erhalten“, bittet der Nabu-Ornithologe Stefan Bosch.
Am besten schneide man die Misteln an frostfreien Tagen aus den eigenen Bäumen, verschenke sie an den Freundeskreis und die Familie oder nutze sie selbst. „Die Pflanze ist nicht geschützt“, stellt Bosch klar. Aktiv werden sollten Privatpersonen, Kommunen und landwirtschaftliche Betriebe. Das Problem: Mehr als 20 Vogelarten haben die Samen zum Fressen gern und verbreiten sie mit ihrem Kot weiter.
Alte Streuobstbäume sind vor allem für die Vogelwelt wichtig
„Wer Misteln schneidet, tut aktiv etwas für den Artenschutz, weil Streuobstbäume erhalten bleiben“, so Bosch. Spechte bauen ihre Bruthöhlen bevorzugt in kräftige Bäume mit mindestens 1,80 Meter Stammhöhe. Sie dienen auch Gartenrotschwanz und Steinkauz als Unterschlupf.
Um zu wissen, ob sich die Misteln im Südwesten weiter ausbreiten, ruft der Nabu auf der Internetseite naturgucker.de zum Wintermonitoring auf. Noch bis Ende Februar können Misteln gezählt und online gemeldet werden. „Im milden Rheintal, am Bodensee und im Großraum Stuttgart liegen Hotspots. Bis auf die Hochlagen von Alb und Schwarzwald ist die Pflanze heute im ganzen Land vertreten. Je mehr Menschen mitmachen, desto detaillierter wird die Mistelkarte für Baden-Württemberg“, sagt der Naturschutzbund.