Adventskalender 24 Türchen voller Vorfreude

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Schublädchen statt Türchen. Foto: AdobeStock/Mahony

Der Adventskalender ist längst mehr als ein Kindervergnügen. Warum das Öffnen der 24 Kalender-Türchen für viele Menschen ein wichtiger Glücksmoment und Gegenpol zum Alltag ist.

Noch im Schlafanzug tappst man zum Fensterbrett, wo der Adventskalender aufgebaut ist. Die kleinen Kinderfinger fahren gespannt über die bunten Türchen, bis das richtige Datum gefunden ist. Ein kurzer Moment der Vorfreude – dann öffnet sich das Türchen mit einem leisen Knacken und man kann vorsichtig die kleine Überraschung hervorholen, die sich dahinter verbirgt: Oft ein Stück Schokolade, vielleicht auch eine kleine Spielfigur. Sofort leuchten die Augen, ein freudiges Lächeln huscht über das Gesicht.

 

Kaum ein anderes Ritual weckt so lebendige Kindheitserinnerungen wie das tägliche Öffnen eines Adventskalendertürchens im Dezember. Mit funkelnden Augen zählte man als Kind die Tage bis Weihnachten, und hinter jedem Türchen verbarg sich ein kleines Geheimnis, das die Vorfreude auf das große Fest wachsen ließ.

Jeder Vierte kauft den Adventskalender für sich selbst

Doch heute beschränkt sich die Magie der Adventskalender längst nicht mehr nur auf die Kleinen: Auch viele Erwachsene gönnen sich heute diesen besonderen Begleiter durch die Adventszeit. In Zeiten digitaler Reizüberflutung erlebt der Adventskalender einen bemerkenswerten Aufstieg. Ob mit Schokolade, Tee, Kosmetik oder ausgefallenen Überraschungen gefüllt – der Adventskalender bringt ein Stück kindliche Spannung und weihnachtliche Freude zurück in den oft hektischen Alltag und macht das Warten auf Weihnachten zu einer ganz besonderen Zeit.

„Adventskalender haben sich von einer reinen Kindertradition zu einem festen Bestandteil des Erwachsenen-Konsums entwickelt“, sagt Anja Krause vom Online-Vergleichsportal Vergleich.org. „Man ist nie zu alt dafür.“ Laut einer aktuellen YouGov hat mehr als die Hälfte der Verbraucher für dieses Jahr den Kauf eines Adventskalenders geplant – in 27 Prozent der Fälle für sich selbst. „Häufig geht es um einen kleinen Selfcare-Moment“, sagt Krause. „Besonders die Gen Z nutzt diese kleine Belohnung im Alltag gerne für sich.“ Aber auch als Geschenk bleibt der Adventskalender beliebt: 25 Prozent kaufen ihn für Kinder, 21 Prozent für Partner oder Partnerin.

Der Adventskalender zelebriert das Warten

Der tägliche Griff zum Türchen ist für viele Menschen der bewusste Gegenentwurf unserer Sofortkultur: Er zelebriert nämlich das Warten und schafft damit, was in unserer beschleunigten Gesellschaft selten geworden ist: tägliche Rituale und gemeinsame Erfahrungen. Und das ist gut für unsere Psyche, sagt Anja Hirth, Psychologin aus Ulm: „Zunächst einmal sorgt die Vorfreude auf das Öffnen des nächsten Türchens für ein Gefühl der Aufregung und Spannung. Dieses Glücksgefühl kann uns helfen, Stress abzubauen und unseren Geist zu beruhigen.“

Darüber hinaus fördere der Adventskalender die Achtsamkeit, sagt Hirth. „Indem wir jeden Tag bewusst einen Moment nehmen, um uns mit dem Inhalt des Kalenders auseinanderzusetzen, trainieren wir unser Gehirn darauf, fokussiert zu bleiben.“ Das sei wichtig für die Konzentration. Und das gemeinsame Erleben einer Tradition stärke Beziehungen zu Familien oder Freunden, erklärt Hirth. Nicht zu vergessen: „Der Adventskalender kann auch dazu beitragen, dass wir uns bewusster mit dem Thema Dankbarkeit auseinandersetzen.“ Das könne sich positiv auf die Stimmung auswirken.

Nur Schokotäfelchen reichen nicht mehr

„Adventskalender sind für viele unserer Kunden ein wichtiges Ritual geworden, das Freude schenkt und die Zeit bis Weihnachten mit kleinen Glücksmomenten versüßt“, sagt Christian Freischlager, Ressortleiter Marketing & Einkauf in der Geschäftsleitung der Drogeriemarktkette dm. „Uns ist es wichtig, mit unserem Angebot diese besondere Stimmung zu unterstützen.“ Und so ist pünktlich zur Jahreszeit bei dm genau wie in vielen anderen Drogerie- und Supermärkten ein breites Angebot an Kalendern eingezogen, das die Vorfreude auf Weihnachten wecken soll. Neben dem Schokoklassiker würden dabei vor allem spezialisierte Themenwelten für den Adventskalender an Bedeutung gewinnen, sagt Vergleich.org-Expertin Krause. Bei Kalendern für Kinder würden vor allem Spielwaren hoch im Kurs stehen.

Das bestätigt Stefanie Traub vom Ravensburger Verlag. Das Unternehmen wartet pünktlich zur Vorweihnachtszeit mit einigen Produktneuheiten in Sachen Adventskalender auf: Ob der Puzzle-Adventskalender „Fröhliche Weihnachten überall!“ mit 24 einzeln verpackten Puzzles, der GraviTrax BASE-Adventskalender „Slopes“ mit Bausteinen, Action-Steinen und weihnachtlichen Kugeln für ein naturwissenschaftliches Erlebnis oder der Mystery-Adventskalender „Der indische Palast“ als Escape-Room-Erlebnis – bei dem Spiele-Unternehmen ist für jeden Geschmack etwas dabei. Gleiches gilt für die Pendants von Lego, Playmobil und anderen Herstellern, die auf ähnliche Konzepte setzen. „Die Pappschachteln mit 24 Türen sind kein Relikt vergangener Zeiten – sie sind moderner denn je“, erklärt Traub. „Der Adventskalender antwortet auf die Sehnsucht nach Entschleunigung und Gemeinschaft, die gerade in der Weihnachtszeit viele Menschen umtreibt.“

Erotik-Artikel hinterm Türchen sind im Kommen

Bei Kalendern für Erwachsene dominieren Fitness-, Beauty- und Kosmetikkalender das Feld. Einige möchten sich die Vorweihnachtszeit aber auch mit besonderen Genussmomenten verschönern: Bier-Adventskalender sind seit Jahren ein beliebtes Geschenk für Männer, während sich bei Frauen Tee-Adventskalender wachsender Beliebtheit erfreuen. Und dann wären da noch jene Adventskalender, die mit Erotikprodukten gefüllt sind – im Suchanfragen-Ranking von Vergleich.org haben sie sich im Erwachsenen-Segment auf den dritten Platz vorgeschoben.

Und auch für die vierbeinigen Familienmitglieder soll die Adventszeit etwas Besonderes sein: Adventskalender für Hunde und Katzen – gefüllt mit 24 kleinen Leckerlis, gibt es mittlerweile auch in jedem Supermarkt.

Doch nicht nur die Themenvielfalt, sondern auch die Großzügigkeit liegt im Trend: Je nach Modell und Inhalt können Adventskalender kostspielig werden. Laut YouGov-Umfrage investiert die Mehrheit der Befragten bis zu 50 Euro, jüngere Erwachsene akzeptieren auch höhere Preise. Dies zeigt sich besonders in Kategorien wie Beauty-, Spielwaren- oder Genusskalendern, die häufig im höheren Preissegment liegen.

Am Anfang waren es nur Kerzen

Inoffizieller Erfinder des Adventskalenders war übrigens ein Hamburger Pfarrer namens Johann Hinrich Wichern. Er leitete Mitte des 19. Jahrhunderts ein Kinderhaus in der Hansestadt – und wollte den Kindern das Warten auf das Weihnachtsfest verkürzen. In der Adventszeit las er ihnen jeden Tag etwas aus der Bibel vor und zündete eine Kerze an – jeden Tag eine mehr, sodass es am Weihnachtsmorgen dann 24 Stück waren. Ein befreundeter Tischler hatte ihm dazu einen Ring aus Holz gebaut, auf den die die 24 Kerzen gesteckt wurden. Diese Idee entwickelte sich dann weiter: Einerseits zum Adventskranz mit den vier Kerzen, die nach und nach an den Adventssonntagen entzündet wurden – und andererseits zum klassischen Adventskalender, wie wir ihn heute kennen.

Den ersten kommerziellen Adventskalender brachte dann der Münchener Buchhändler und Verleger Gerhard Lang 1903 auf den Markt: Einen Papierkalender mit 24 Türchen zum Öffnen, hinter denen sich Engelsbilder verbargen. Er wurde damals als „Münchener Weihnachtskalender“ vertrieben und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zum Hit.

Auf den ersten Schokoladen-Adventskalender mussten die Kinder aber bis zu den Wirtschaftswunderjahren warten: Er kam 1958 auf den Markt. Die Grundidee ist aber in all den Jahren die gleiche geblieben: Als kleines tägliches Ritual begleiten sie uns durch den Dezember mit 24 kleinen Überraschungen, die das Warten auf das Weihnachtsfest verkürzen sollen – ob nun für kleine oder große Leute.

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