Aeham Ahmads körperbetontes Klavierspiel, begleitet von einem Lächeln, offenbaren tiefes Eintauchen in seine Musik. Foto: Eibner/Edward Cheung
Als „Pianist aus den Trümmern“ wurde Aeham Ahmad aus Syrien weltbekannt. In Sindelfingen präsentierte er sich nun als Teil eines hochkarätigen Jazztrios. Und eine politische Botschaft hatte er auch dabei.
Bernd Epple
28.04.2025 - 17:32 Uhr
Aeham Ahmad hat als „Pianist aus den Trümmern“ über YouTube und eine TV-Dokumentationen einen weltweiten Bekanntheitsgrad erreicht. Auch in Sindelfingen hat er bereits 2019 seine Visitenkarte abgegeben; und zwar just an jenem Ort, an den er auch am Samstagabend rund 100 Besucher anlockte – in den Pavillon am Calwer Knoten.
Auch damals saß Ahmad am Klavier, doch im Rahmen der Literaturtage Böblingen/Sindelfingen lag der Schwerpunkt eher in der Präsentation seines Buches „Und die Vögel werden singen“.
Wie gut kann der „Pianist aus den Trümmern“ Jazz?
Nun präsentierte er sich mit Steve Schofield an Saxofon und EWI (Electronic Wind Instrument) sowie dem Schlagwerker Tobias Schulte als Teil eines Jazz-Trios. Die Neugierde der Besucher lag förmlich in der Luft. Dass der Mann schreiben, Klavier spielen und singen kann, war vielen bekannt, weniger hingegen, wie er sich jazzig mit Trio präsentieren würde.
Zu Beginn gab es einführende Worte von Sabine Mundle vom AK Asyl, sowie Klaus Haidle von der IG Kultur, bevor das Trio losgelassen wurde, das bereits mit den Hufen scharrte – und dann loslegte. Zunächst mit einem schwebenden Klangteppich mit flächigen Klavierphrasen, Sopranino-Saxofon und Rainmaker, gefolgt von sehnsüchtigen arabischen Skalen mit der beeindruckenden Falsettstimme Ahmads, der nach oben hin keine Grenzen gesetzt zu sein scheinen. Sein körperbetontes Klavierspiel, begleitet von einem gewinnenden Lächeln, offenbaren tiefes Eintauchen in seine Musik.
Der IS zerstörte sein Klavier und trieb den Pianisten in die Flucht
Diese Qualitäten waren es auch wohl, mit denen er mitten in den Trümmern von Yarmouk, einem Vorort von Damaskus, den Menschen einst Hoffnung schenkte, bevor 2015 sein Klavier von Kämpfern der IS zerstört wurde und er nach Deutschland floh. Im selben Jahr erhielt der studierte Musikpädagoge den Internationalen Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Armutsbekämpfung und Inklusion.
Ein klasse Trio: Aeham Ahmad, Steve Schofield an Saxofon und Tobias Schulte unterhalten in Sindelfingen aufs Beste. Foto: Eibner-Pressefoto/Edward Cheung
Nach einer jahrelangen Odyssee durch mehrere Flüchtlingsunterkünfte lebt er mit seiner nachgefolgten Familie mittlerweile in Hessen. Der weltoffene Vollblutmusiker und Allrounder knüpfte bald Kontakte zur Musikszene seiner neuen Heimat und hatte das Glück mit John Schofield und Tobias Schulte auf kongeniale Musiker zu stoßen, die die Sprache der Musik so fließend sprechen wie er selbst.
Sogar ein Gummihühnchen kommt im Pavillon zum Einsatz
Im Pavillon durfte man einen Saxofonisten erleben, der mit den selten gespielten Instrumenten Sopranino-Saxofon und EWI das Klavierspiel Ahmads wunderbar ergänzte. Schulte am „Ethno-Schlagzeug“, ergänzt durch Darbuka, Chimes und allerlei Schlagwerk, entpuppte sich als Spaßvogel, der in einem beachtenswerten Solo auch ein Gummihühnchen zu Wort kommen ließ. Zur Ruhe brachte er das Quietschetier erst, als er es zwischen die zwei Becken seines Hi-Hats sperrte. Das Publikum jauchzte und Schulte heimste Bewunderung ein ob seiner kreativen Drum-Figuren. Das Trio stand stets in lächelndem Kontakt miteinander und präsentierte sich in unbändiger Spielfreude. Immer wieder schaffte es Ahmad mit einem „Bitte!“ die Besucher zum Mitsingen einfacher Phrasen zu animieren. Er atmet und lebt seine Musik und ließ sein Publikum wissen: „Musik gibt mir meine Freiheit, die mir niemand nehmen kann!“
Vor der Pause konnte er die Besucher in seine arabisch geprägte Version von Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ mit einbinden, bevor diese Gelegenheit bekamen, mit ihm am CD- und Bücherstand ins Gespräch zu kommen.
Teil Zwei des Abends begann mit einem Film, der über die Arbeit der Selbsthilfe-Organisation „Women in Hope’ in Yarmouk / Damaskus informierte, für die im Anschluss Spenden gesammelt wurden. Ein Podiumsgespräch mit Haidle, Mundle und Ahmad gab weitere Einblicke in die schwierige Situation der Flüchtlingsintegration in Deutschland, bevor die Spenden-Zylinder durch die Besucherreihen gingen.
„Das sind nicht nur Messerstecher, die hier leben wollen, aber manche Leute werden auch in den Flüchtlingslagern kaputt gemacht“, gab Ahmad zu bedenken, der es aktuell für keine gute Idee hält, wenn nach Assad nun Islamisten seine syrische Heimat übernehmen würden.
Für die Frauen in Damaskus kommen 1300 Euro zusammen
Die nachfolgenden musikalischen Leckerbissen des Trios und Ausschnitte des neuen Buches, vorgetragen von Reiner Weigand, rundeten einen langen und gelungenen Abend ab. Besucher, Akteure und Veranstalter zeigten sich glücklich und zufrieden. Und die Selbsthilfeorganisation in Damaskus darf sich auf eine Spende von knapp 1300 Euro freuen.