Die Linde in Hollenbach (Hohenlohe) ist mindestens 700 Jahre alt, manche Fachleute gehen von 1000 Jahren aus. Porträt eines Baums, der fest verwachsen ist mit dem Hohenloher Land und den Leuten im Dorf. Eine Reportage aus unserer Reihe "Archivschätze".
Dieser Text erschien erstmals am 21. September 2010. In unserer Sommerserie blicken wir zurück auf herausragende Reportagen und beantworten am Ende die Frage, was in der Zwischenzeit passiert ist.
Hollenbach - Auf einer Holzbank vor der Kirche. Ein Spätsommermorgen. Beharrlich weht der raue Hohenloher Wind durchs Laubwerk. Vogelstimmen mischen sich in das hypnotische Rauschen der Blätter. In solchen Momenten zieht einen die alte Linde mit hinüber in ihren Zeittakt. Auf der waldreichen Hochebene zwischen Jagst und Tauber, in einem Landstrich, wo die Kreisstadt weniger Einwohner als Degerloch hat, wo Milane über Spaziergängern kreisen, wo Handyempfang zur Glückssache wird, wo man "Gudde Morche" sagt und "Griawawerscht und sauri Bri" isst, wo Kinder "Gassaveichel" heißen, wo eine Frau mit wechselnden Partnern rasch den Ruf als "Schnalla" oder "Ripp" weg hat, wo das Klima streng und der Boden lehmhaltig ist: da liegt Hollenbach. Und in diesem 500-Seelen-Flecken, am Platz vor der Kirche, steht heute und stand schon vor Jahrhunderten eine Linde. Der älteste Baum im Land.
Sie ist keine Schönheit: seit jeher von gedrungener Gestalt, mit der Zeit immer mehr verwachsen. Die Rinde verkrustet und tief zerfurcht. Der knorrige Stamm mit Pusteln, Geschwülsten, Buckeln, Löchern übersät, innen fast völlig ausgehöhlt. Doch die Lebensader ist unberührt. Die Linde steht im Saft, blüht jeden Frühling in neuer Fülle, ihre Wurzeln drücken Jahr um Jahr größere Beulen in die Asphaltdecke des Kirchwegs. 700 Jahre dürfte sie mindestens hinter sich haben, manche sagen 1000.
Sanierung einer Linde
Was hat man nicht alles mit ihr angestellt: ihr das alte und kranke Holz wie Eiter ausgekratzt, sie aufgebohrt und mit Baumfutter gefüllt, Wundbalsam und Imprägniermittel aufgestrichen. Regenablaufrohre durch Zweige getrieben - eine Art Lindenkatheter. Ihr Gerippe mit Schrauben, Stahlseilen und Spanngurten fixiert. Die Hauptäste, die wie verknorpelte Tentakel nach außen greifen, liegen auf einem Holzgerüst. Dies wird von Steinpfeilern gestützt, auf denen die Namen der Kriegsgefallenen stehen. Man könnte sagen: die Hollenbacher tragen die Lindenlast.
1979 drohte der Baum auseinanderzubrechen. Die Leute im Dorf ließen alles stehen und liegen, leisteten zwei Tage lang Erste Hilfe. Wuchteten den klaffenden Riss zurück auf eine Breite von fünf Zentimetern. Zogen eine Schraube von Schmiedemeister Gebert ein, die seitdem Halt gibt. Ortsvorsteher Rudi Schlecht, 58, zeigt auf eine morsche Stelle an einem der Kardinaläste: "Das hier ist ein Schwachpunkt von ihr. Wir versuchen, sie so gut es geht zu entlasten." Vor Jahren brach ein Frontlader einen der ältesten Zweige ab, das Gleiche richtete ein Sattelschlepper auf der anderen Seite an. Beide Male musste per Notoperation amputiert werden.
Zweite Großrenovierung
Vor acht Jahren, bei der zweiten Großrenovierung, kappte ein Baumchirurg radikal die Krone. "Das sieht zwar nicht gut aus, aber es musste sein", sagt Rudi Schlecht. Inzwischen hat die Linde oben wieder junge Triebe ausgebildet, die ihr Gesamtbild einigermaßen abrunden. Zwei alte Leute an der Kirchenmauer. Seit zwanzig Minuten halten sie ein Vormittagsschwätzchen. Es geht um den Räuber, der vor kurzem eine Sparkasse im Fränkischen überfallen hat, mit der Polizei ein Katz-und-Maus-Spiel treiben wollte und schließlich auf der Reeperbahn gefasst wurde. Einer vom Dorf.
Gerhard Renner, grobe Strickjacke und betagte Cordhose, wurde vor 65 Jahren in Hollenbach geboren und ist dort geblieben, er wohnt gleich hinter der Kirche. Sein Vater war der Wagner im Ort. Er selbst hat ein bisschen Landwirtschaft gemacht, nie geheiratet. Elfriede Vogel, das weiße Haar offen, wallende Kleider und eine Halskette mit Schmuckstein, ging im Jahr 1942 als junges Mädchen weg vom Dorf und in die Lehr. Vor zehn Jahren kehrte sie zurück, weil sie hier mal sterben will.
Die Linde begleitete die Dorfbewohner durchs Leben
"Als Säugling ist sie an der Linde vorbei zum Taufbecken getragen worden. Am ersten Schultag führte ihr Weg zur Linde. In den großen Pausen rannte sie immer mit ihren Freundinnen rüber zum Baum. Für sie ein Kletterbaum. "Wir Mädle haben uns mit den unteren Zweigen begnügt, die Buben sind hoch hinauf", sagt sie. "Wenn's nass war, war's gefährlich", sagt Gerhard Renner. Als Konfirmand zog er 1959 im dunklen Anzug unter Girlanden aus Immergrün an der Dorflinde vorbei. Gefeiert wurde daheim, ein Wirtshaus war zu teuer. Das ist nicht mehr die Linde meiner Kindheit", sagt Elfriede Vogel. Seit sich das Naturschutzamt um den Baum kümmere, werde er immer gröber gestutzt. Kein Vergleich zu früherer Pracht. Ihre Mutter sammelte die Lindenblüten immer körbeweise und machte Tee daraus. Der ist blutreinigend und soll gegen Fieber helfen.
Die Linde gehört zu den Hollenbachern. Seit eh und je. Unter ihr sangen die Burschen an den Sonntagabenden Volkslieder und gingen auf Brautschau. Sie war da, wenn die jungen Männer ihre Mädchen durchs Hochzeitsspalier an den Altar führten. Und sie war präsent, als die alten Frauen ihre Männer zu Grabe trugen - bis 1838 war der Friedhof am Kirchplatz. Nicht jeder Hollenbacher ging in Frieden. An der Linde, die seit frühester Zeit als Gerichtsstätte diente, spielten sich Dramen ab.
Vor der Linde wurde Geschichte geschrieben
Auch im Sommer 1702, als in ihrem Schatten Anna Miltenberger mit einem Schwert der Kopf abgetrennt wurde. Die Frau hatte, so besagt es die Gerichtsakte, "Unzucht" mit einem Philipp Defner sowie "unsittlich Händel" mit ihrem Stiefvater, dem Schuhmacher Hans Ehrlin, getrieben und war schwanger geworden. In ihrer Verzweiflung brachte sie das Neugeborene "mit einem mörderischen Griff und Druck am Schlaf" um. Man fand das Baby, taufte es kurz vor seinem Tod noch Maria. Anna Miltenberger wurde vor 1000 Leuten hingerichtet und "ihr Kopf acht Tage auf die Torspitze gestellt". Zwei kurze Leben.
Wie die Hollenbacher Linde die Menschen in der Region prägt
Das Lindendasein läuft in anderen Zeitspannen ab. Von ihrer Warte aus betrachtet, muss es um sie herum wuseln wie im Zeitraffer. Sie führt ein langsames Leben.
Anfang des 13. Jahrhunderts, Tausende Kilometer östlich stürmen Dschingis Khans Horden Zentralasien, ist die Linde schon ein zierliches Bäumchen. Während der Templerorden zerschlagen wird, Luther vor dem Reichstag zu Worms steht und in Süddeutschland der Bauernkrieg wütet, bei dem auch mancher Hollenbacher mitplündert, muss die Linde höchstens Unwetter oder Hagelstürme fürchten und wächst ungebeugt zu einem stattlichen Baum heran. Eine Jugend im Mittelalter.
Dreißigjährigen Krieg überstanden
Sie steht fest verankert, als im Dreißigjährigen Krieg die Hohenloher Ebene in Blut getränkt wird und sich Hollenbach als der letzte Rest einer mit Weilern und Siedlungen bedeckten Landschaft retten kann. Sie übersteht den großen Brand anno 1718. Er entzündet sich in einem Witwenhaus gleich unter dem Pfarrhof. Die Feuersbrunst überrennt das Dorf und äschert in kürzester Zeit 42 Gebäude und Scheuern ein. Eine Frau stirbt. Allein die Kirche, die Schule und eine Handvoll Häuser bleiben verschont. Und die Linde.
Unter ihr treffen sich die Männer aus dem Dorf, um in den Ersten Weltkrieg zu ziehen. Mancher von ihnen wird "heimwehkrank, stumpfsinnig und trostlos", wie ein Johann Abel aus französischer Gefangenschaft nach Hause schreibt. Vielleicht hatte er auch die Linde vor Augen, wenn seine Gedanken in die Heimat schweiften.
Besuch von Hitler
Hitler hat den Baum wahrscheinlich auch gesehen, nachzulesen in der örtlichen Zeitungschronik von 1935: "Gegen 11 Uhr traf die telefonische Nachricht ein: der Führer kommt. Beinahe unfaßbar. Und doch, schon nach wenigen Minuten fuhr er mit seiner Begleitung durch. Nur von wenigen wurde er erkannt, aber diese werden den glücklichen Augenblick, wo sie den geliebten Führer gesehen, nie vergessen."
In Lindenzeit gerechnet, ist das Nazireich eine Momentaufnahme. Schon rückt der Uhrzeiger weiter in die Nachkriegsära. Die Lehrerin Gertrud Rieger schreibt damals eine volkskundliche Arbeit über ihren Heimatort: "Wenn auch bei Eheschließungen oft Geld und Gut bestimmend sind, so kann ich mich auf keinen Fall entsinnen, wo hier eine Ehe geschieden worden wäre. Sitte und Zucht schaffen immer wieder Ordnung. Die Kinder wachsen ins bäuerliche Leben hinein. Wenn man in die Schule geht, wird man schon zu kleinen Arbeiten herangezogen, wenn man 13 oder 14 Jahre alt ist, können es die Eltern nicht mehr erwarten, bis sie den Jungen oder das Mädchen als ganze Arbeitskraft zählen." So etwa lebte es sich im bäuerlichen Hollenbach um 1950.
Die Linde suchte sich ihren Platz nicht aus. Der Zufall wehte sie einst hierher. Und seitdem steht sie einfach nur da. Sie hat es ganz gut erwischt. Der Baumdoktor checkt sie regelmäßig durch, die Kirchengemeinde fegt im Herbst das Laub zusammen, bergeweise. Die Hollenbacher lassen sie nicht aus dem Auge. Der Ortsvorsteher bekommt öfters Anrufe: "Rudi, do hängt an Spanngurd locker am Boam. Do miast mr danoch gugga." Frau Schlecht hat sich vor Jahren Samen von der Linde geholt und in den Garten gepflanzt. Mittlerweile steht schon eine kleine Lindengruppe hinter dem Haus - alle etwas kurzwüchsig, aber mit traditionsreichem Stammbaum.
Vieles hat sich verändert
Eine Schule gibt es heute nicht mehr im Dorf, nur der Kindergarten ist geblieben. Ein paar Ehen wurden inzwischen auch geschieden. Und die wenigsten Hollenbacher sind noch Vollerwerbsbauern. Abends kommt man nicht im Fendt vom Feld, sondern im Audi vom Bekleidungshersteller Jako im Gewerbegebiet oder von der Ventilatorenfabrik EBM-Papst drunten im Jagsttal. Oder vom Bankraub im Fränkischen. Ist die abendliche Rushhour zu Ende, kehrt wieder Ruhe ein im Dorf. Wo einstmals die Männer im Wirtshaus Adler, der inzwischen explodiert ist, vor ihren Schoppen hockten, die Bauerntöchter in der Stube nähten und daneben die Spinnräder der Mägde surrten, sitzt man heute vor dem Fernseher. Und draußen auf der Holzbank vor der Kirche rascheln die Lindenblätter im rauen Hohenloher Wind. Das alte Lied.
Was seither geschehen ist
Im Jahr 2017 ist die Linde wieder geschnitten worden. Danach machte man sich schon Sorgen im Dorf: War es eine gute Idee? Sie sah doch arg gestutzt und ramponiert aus, wie frisch vom Friseur. Die Angst war unbegründet: „Sie steht gut im Saft“, sagt Elisabeth Schlecht, 74, die Frau des früheren Ortsvorstehers. „Die Linde grünt und blüht und duftet ganz prächtig, auch dieses Jahr wieder. Sie wird uns noch über Generationen begleiten – wenn kein Blitz einschlägt.“ Als Elisabeth Schlecht damals von Flensburg nach Hollenbach zog, lauschte sie den alten Geschichten, studierte Dorfchroniken, sammelte Wissen. Heute erzählt sie Landfrauen, Kindergruppen, Radtouristen von der Linde, von Kräutern und Tees – gewürzt mit ein paarSpuk-Storys. Das obskure unterirdische Gewölbe zwischen Linde und Friedhofsmauer liefert genug Stoff dafür.