Ältestes Haus in Plochingen Erst der drohende Teilabriss bringt eine Überraschung zutage

Heute ist die Immobilie das Schmuckstück der unten Marktstraße in Plochingen. Foto: /Karin Ait Atmane

Erst nach einem Streit mit der Stadt stellt sich in den 1980er Jahren heraus, welches Gebäude das älteste Wohn- und Geschäftshaus von Plochingen ist. Es hat eine bewegte und tragische Geschichte.

Es war ein unscheinbares Gebäude, das Ende der 1960er Jahre am unteren Ende der Markstraße stand: Die Hausnummer 5 war ein verputzter Altbau in schlechtem Zustand. Niemand in Plochingen sah darin etwas Besonderes, außer Max und Christa-Lina Seidler. Das Ehepaar kaufte das Haus, in dem es auch seine Geschäftsideen verwirklichen konnte. Max Seidler hatte einen Laden im Erdgeschoss, zunächst für Nähmaschinen, später für Kurzwaren und Zeitschriften. Danach führte Christa-Lina Seidler in den Räumen jahrzehntelang eine Modeboutique.

 

Das Lebenswerk der Familie Seidler

Das Ehepaar baute kräftig um, öffnete und verband die vielen kleinen Zimmer, schuf eine Verbindung vom Wohnen im ersten Stock direkt in den Laden. Im Zug der Umbauarbeiten fand sich unter anderem ein offenbar sehr alter Lederschuh, ein kupferner Schöpflöffel und eine kleine Kanonenkugel, die man dem 30-jährigen Krieg zuordnete. Ein schöner, großer Gewölbekeller und einige Natursteinmauern ließen ein stattliches Alter vermuten. Annett Battersby, die Tochter der Seidlers, die heute im Ausland lebt, erinnert sich, wie sie als Kind stunden- und tagelang mit ihrem Vater an diesen Wänden Mörtel herauskratzte, Steinen einfügte und neu verfugte. „Das Haus ist das Lebenswerk meiner Eltern“, sagt sie. Unendlich viel Zeit, Geld und Herzblut hätten sie investiert.

Anfang der 80er Jahre drohte den Seidlers allerdings der Verlust der Immobilie, denn die Stadt hatte Sanierungspläne für diesen Bereich, die „Marktstraße Süd“. Sie erwarb das angebaute Nachbarhaus mit der Nummer 3, eher eine Haushälfte, und eine benachbarte Scheune. Sie wollte Seidlers Haus ebenfalls kaufen, um alles neu zu überplanen. Aber man wurde sich nicht einig, es kam zum Streit und Familie Seidler fürchtete den Abbruch der angebauten Haushälfte – was mit hohen Kosten für sie verbunden gewesen wäre – oder gar die Enteignung. Schließlich bat Max Seidler das Denkmalamt um Begutachtung. Das Ergebnis war ein Paukenschlag: Die Holzproben aus den Balken ergaben als Baujahr 1487/88 – es handelt sich folglich um das älteste Wohn- und Geschäftshaus in Plochingen, zwei Jahre älter als das Baderhaus am Marktplatz.

Bei einem Feuer stirbt eine Tochter der Besitzer

Damit zerschlugen sich die Abbruchpläne der Stadt und diese verkaufte die Haushälfte an einen Architekten, von dem die Seidlers sie später erwerben konnten. Sie machten sich mit Akribie an die Restaurierung, auch der Fassade: Das Fachwerk wurde freigelegt und entsprechend der originalen Bauweise, verblattet und mit Holznägeln, erneuert, ebenso Balkenwerk im Inneren rekonstruiert, „alles hundertprozentig authentisch“, sagt Annett Battersby, deren Vater in dieser Arbeit aufging.

Nur wenige Jahre später kam es zu einem tragischen Schicksalsschlag für die Familie: Die oberen Geschosse der Häuser Marktstraße 3 und 5 – heute Am Fischbrunnen 9 und 10 – brannten aus; die jüngere Tochter, Annett Battersbys Schwester, kam dabei ums Leben. Für die Seidlers blieb das Haus trotzdem ihres, in dem sie leben und sterben wollten. Sie bauten es 1987 wieder auf, mit einer etwas anderen Dachkonstruktion, denn der Denkmalschutz war durch den Brand erloschen. Von diesem Auf- und Umbau stammt auch die charakteristische Farbgebung mit den grauen Balken.

Der Name „Köblinhaus“ leitet sich vom Erbauer ab

Heute beherbergt das Haus einen Friseursalon und eine Versicherungsagentur im Erdgeschoss, außerdem zwei Wohnungen und eine Reihe von Büros. Das „Köblinhaus“ ist das Schmuckstück der unteren Marktstraße. Der Name leitet sich vom Erbauer ab, dem Tuchhändler und Weingärtner Hans Köblin. Seine Familie, die zu den Wohlhabenden in der Stadt gehörte, besaß das Anwesen bis ins 17. Jahrhundert. Bekannt ist außerdem, dass im 19. Jahrhundert der Küfer Georg Friedrich Bihl oder Bühl das Gebäude erwarb und im ersten Stock eine Branntweinschänke betrieb, die, wie den „Wegspuren“ des Ortshistorikers Manfred Reiner zu entnehmen ist, „im ganzen Umkreis bekannt und geschätzt“ war. Diese Schlaglichter aus mehr als vier Jahrhunderten Geschichte kann man in den bekannten Publikationen nachlesen. Im Stadtarchiv dürfte noch einiges mehr an Informationen schlummern.

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