In den Plänen zum Deutschlandtakt von Bahn und Bundesverkehrsministerium findet sich statt der S-Bahn-Lösung ein zehn Kilometer langer Tunnel. Bisher war fraglich, ob er nach den Maßgaben des Bundes wirtschaftlich und damit aus Bundesmitteln zu stemmen wäre. Der Ausbau der Gäubahn sei „wirtschaftlich realisierbar“, auch ohne die zuvor geplanten Neigetechnikzüge, sagte Verkehrsstaatssekretär Steffen Bilger (CDU, Ludwigsburg) am Mittwoch bei einer Videokonferenz, die der Bundestagsabgeordnete Andreas Jung (CDU, aus Konstanz) einberufen hatte.
Noch fehlt die abschließende Begutachtung
Das Ministerium habe den Ausbauvorschlag Gäubahn „vorrangig prüfen lassen“, weil es das laufende Genehmigungsverfahren für den Flughafenabschnitt im Projekt Stuttgart 21 gebe. „Wir stehen unter Zeitdruck, wenn wir eine andere, bessere Lösung wollen“, so Bilger. Die Gutachter hätten im Zwischenergebnis nicht nur die Wirtschaftlichkeit festgestellt. Die Strecke könne auch noch stärker beschleunigt werden als angenommen. Statt elf Minuten sei eine Fahrzeitersparnis von 20 Minuten möglich. Diesen Zeitgewinn wolle man neben der „zuverlässigen Anbindung des Flughafens und des Hauptbahnhofs auf jeden Fall gewährleisten“. Die Strecke ist 172 Kilometer lang, die kürzeste Fahrzeit nach Singen liegt heute bei 1:56 Stunden, nach Zürich bei 2:54 Stunden.
Im Bundesverkehrswegeplan rangiert der Streckenausbau zwar unter der höchsten Priorität „vordringlicher Bedarf“, es wurden aber nur 500 Millionen Euro dafür eingestellt. Höhere Investitionskosten könne man in Kauf nehmen, sie seien wirtschaftlich, weil der Tunnelbau eine „wesentliche Beschleunigung“ bringe, außerdem sei mehr Güterverkehr ein wichtiges Thema, so Bilger. Zu Details wollte er sich nicht äußern, die weitere Begutachtung solle bald vorliegen.
Wolf: Bisherige Planung Murks
Die bisherige Planung bei Stuttgart 21 nannte Justizminister Guido Wolf (CDU, Wahlkreis Tuttlingen) den „krampfhaften Versuch, die Gäubahn an den Flughafen zu führen“. Er wolle „nicht von Murks reden“, so Wolf. Der neue Tunnel sei „die beste Lösung“. Er habe es sich abgewöhnt, bei dem Thema in Jubel auszubrechen, der Tunnel aber sei ein „Quantensprung“,.
Als erster Ausbauabschnitt ist bis 2023 zwischen Horb und Neckarhausen ein zweites Gleis auf der überwiegend eingleisigen Strecke vorgesehen. Weitere bereits konkrete Ausbauabschnitte finden sich bei Rottweil, Hattingen und Singen. „Druck aus der Region“ sei für die weiteren Ausbauten nötig, so Wolf. „Wir haben für die Gäubahn immer zusammen mit Verkehrsminister Winfried Hermann und der Region gekämpft“, sagte Jung. Für die Bodenseeregion sei der Anschluss an den Stuttgarter Hauptbahnhof entscheidend, weniger der an den Flughafen.
Pläne am Flughafen passen nicht mehr
Hermann (Grüne) war am Mittwoch nicht Teil der Gesprächsrunde. Er hatte am Flughafen zusammen mit dem Verband Region Stuttgart eine Verbesserung der Planung außerhalb des S-21-Vertragswerks durchgesetzt. Am Airport soll die Gäubahn ein eigenes Gleis neben dem S-Bahn-Halt erhalten. Dieses würde sich mit dem Tunnel erübrigen, denn die Züge aus Singen sollen dann in den Flughafen-Fernbahnhof einfahren. Er ist zweigleisig und liegt 24 Meter unter der Messe-Piazza. Die Bauarbeiten für die Haltestelle laufen, sie soll Ende 2025 mit dem Gesamtsystem Stuttgart 21 in Betrieb gehen.
Bahn-Vorstand reserviert
Thorsten Krenz, der Konzernbevollmächtigte der Bahn AG in Baden-Württemberg, sagte, man habe über Jahre den Mangel verwaltet, erstmals gebe der Bund nun mehr Mittel für den Schienen- als für den Straßenbau. Für die Anbindung des Flughafens gelte, was Bahn, Land, Stadt und Region Stuttgart in der jüngsten Sitzung des Lenkungskreises zu Stuttgart 21 vereinbart hätten. Der positive Kosten-Nutzen-Faktor sei „maßgebliche Grundlage“ für die weiteren Schritte. Nun brauche man eine „verbindliche Finanzierungszusage des Bundes“. Dann werde man mit den Projektpartnern „die Verträge anpassen“. Sie stammen aus dem Jahr 2009.
Bahn-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla war im Oktober 2020 auf Distanz zum Gäubahntunnel am Flughafen gegangen. Er sprach reserviert von einer „planerischen Fiktion“. Die Finanzierung sei ein „höchst kompliziertes Unterfangen“, weshalb die Bahn den Anschluss über die S-Bahn weiter plane.