Änderung im August Keine HNO-Notfallversorgung am Klinikum Stuttgart
Das Klinikum Stuttgart beendet ab August die HNO-Notfallversorgung:Das hat Folgen für die medizinische Behandlung der Patienten der Region – befürchten Fachärzte.
Das Klinikum Stuttgart beendet ab August die HNO-Notfallversorgung:Das hat Folgen für die medizinische Behandlung der Patienten der Region – befürchten Fachärzte.
Es gehe nicht mehr, sagt Christian Sittel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Jahrelang habe seine Abteilung die Notfallversorgung am Klinikum Stuttgart mit übernommen: Wer mitten in der Nacht oder an Feiertagen mit heftigen Ohrenschmerzen zu kämpfen hatte oder bei dem plötzliches Nasenbluten aufgetreten ist, konnte sich sicher sein, im Katharinenhospital an der Kriegsbergstraße von HNO-Fachärzten versorgt zu werden. Das waren pro Jahr rund 6000 Patienten, also rund zwei Dutzend pro Nacht, so Sittel.
Doch damit ist nun Schluss: Im Klinikum Stuttgart findet ab August keine gesonderte ambulante HNO-Notfallversorgung mehr statt. „Nicht lebensbedrohliche Verletzungen und derartige Erkrankungen, die eine HNO-ärztliche Behandlung erfordern, können im Klinikum nicht mehr versorgt werden“, heißt es in einem Beschluss der Geschäftsführung des Klinikums.
Die Entscheidung begründet Jan Steffen Jürgensen, Vorstandschef des Klinikums Stuttgart, damit, dass sich die HNO-Klinik stärker auf ihre Kernkompetenz konzentrieren werde: nämlich die Versorgung hochkomplexer Krankheitsbilder bei Kindern und Erwachsenen wie den Verengungen der oberen Atemwege – etwa durch Tumoren. „Wir haben lange Wartelisten, in denen die Expertise unserer HNO-Fachkräfte dringend gebraucht wird“, so Jürgensen. Die Operationskapazitäten seien begrenzt, ebenso das Fachpersonal. „Wir müssen aufpassen, dass Tumorpatienten nicht ungebührlich lange auf weiterführende Therapien warten müssen.“
Für alle anderen Patienten bleibt nur die Möglichkeit, die allgemeinen Notaufnahmen zu nutzen – oder zu den dafür ausgewiesenen HNO-Notfallpraxen zu gehen, die für diese Zwecke von der Kassenärztlichen Vereinigung betrieben werden. Insgesamt drei solcher Einrichtungen gibt es in Baden-Württemberg: eine in Heilbronn sowie eine in Tübingen. In Stuttgart ist dafür die Praxis am Marienhospital zuständig.
Dort ist man über die Entscheidung des Klinikums überhaupt nicht begeistert. Als „Super-GAU“ bezeichnet der Mediziner Michael Oertel diesen Beschluss. Der Allgemeinmediziner mit eigener Praxis ist Vorstand des Trägervereins Notfallpraxis, der die Einrichtung am Marienhospital betreibt – unter der Woche bis ein Uhr nachts sowie feiertags und am Wochenende. Und das seit mehr als 25 Jahren. „Wir behandeln pro Schicht 80 bis 90 Patienten.“ Man habe gar keine Kapazitäten, um noch mehr Patienten aufzufangen, so Oertel.
Doch diese werden kommen, wenn sie künftig im Klinikum Stuttgart abgewiesen werden. „Meines Erachtens wird die Patientenversorgung der Region darunter stark leiden.“ Droht also ein Versorgungsengpass? Die Notfallpraxis am Marienhospital wird dann noch mehr in Anspruch genommen, sagt Kai Sonntag von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KV): „Unser Problem ist, dass immer mehr Patienten in die Notaufnahmen kommen, die eigentlich dort gar nicht hingehören. Gleichzeitig werden die Notfallpraxen als Ersatzsprechstunde genutzt, für die sie aber nicht gedacht sind.“
So berichtet der HNO- Chef Christian Sittel vom Klinikum Stuttgart von einer Patientin, die vor wenigen Tagen wegen akuter Ohrenschmerzen in der Nacht erst die Notfallpraxis am Marienhospital besucht habe, dann aber kurz darauf doch noch in die Klinik gekommen sei, um eine weitere ärztliche Meinung einzuholen. „Solche Fälle sind keine Seltenheit und stellen eine Belastung für das Personal dar“, sagt Sittel.
Und auch für das Budget: Zwar betont die Geschäftsführung des Klinikums, dass die Schließung der Notfallambulanz nicht wirtschaftlich getrieben sei. Allerdings könnten Patienten, die keine klassischen Notfälle sind, nur bedingt oder auch gar nicht abgerechnet werden, gibt der Vorstandschef Jürgensen zu. Das könne man sich auf Dauer nicht mehr leisten.
Es fehlt an Strukturen, die dieses Problem lösen, heißt es seitens des Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte. Zwar wurde inzwischen vom Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA entschieden, dass künftig die Notfallversorgung an den Kliniken zentral über eine Notaufnahme erfolgen soll. Dort soll dann entschieden werden, ob eine Behandlung innerhalb von 24 Stunden erforderlich oder nicht. Ist dies nicht der Fall, sollen diese Patienten einen Vermittlungscode bekommen, mit dem sie bei der Servicestelle der KV einen Termin bei einem Facharzt bekommen. Doch dieses Ersteinschätzungsverfahren soll erst im Sommer 2024 in Kraft treten.
Bis dahin bleibt Patienten außerhalb der Öffnungszeiten der Arztpraxen nur, sich mit akuten Beschwerden, mit denen sie zu Haus- oder Fachärzten gehen würden, an die 116 117 zu wenden – die Rufnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes. Doch einer Umfrage des Automobilclubs ADAC zufolge kennt nur knapp ein Drittel der Bundesbürger diese Nummer – und diejenigen, die dort anrufen, sind oft unzufrieden: Bemängelt werden die teilweise zu lange Wartezeit sowie die Wartezeit beim Besuch der Bereitschaftspraxen selbst.
Mark Stenzel vertritt den Berufsverband der HNO-Ärzte als Bezirksvorsitzender. Er rät, bei akuten Beschwerden entweder den Hausarzt oder sich direkt an einen HNO-Facharzt zu wenden. „Im Großraum Stuttgart ist die Facharztdichte so gut, dass solche dringenden Leiden zeitnah behandelt werden können – oft noch am selben Tag“, so Stenzel. Sollte dann doch der Fall eintreten, dass es außerhalb der Sprechzeiten fachärztliche Hilfe bedürfe, könne die Notfallpraxis angefahren werden.