Änderungen bei der Kinderbetreuung Kita-Prozess der Stadt Stuttgart: Was Eltern kritisieren und fordern

Wer bekommt in Zukunft noch einen Ganztagsplatz? Das fragen sich Eltern. Die Initiative Kitastrophe macht mit Aktionen immer wieder auf die Not der Familien aufmerksam. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der Gesamtelternbeirat und die Eltern-Erzieher-Initiative Kitastrophe kritisieren den Kita-Prozess der Stadt Stuttgart. Diese will weg vom flächendeckenden Angebot an Ganztagsplätzen. Welche Lösung schwebt den Eltern vor?

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Um auf Personalmangel und unsichere Öffnungszeiten in den städtischen Kitas zu reagieren, will das Jugendamt die Kita-Landschaft in Stuttgart neu organisieren. Ziel ist es, die hohe Zahl der Ganztagsplätze, die derzeit 90 Prozent der Krippen- und 70 Prozent der Kindergartenplätze umfasst, auf jeweils 60 Prozent zu reduzieren. Der Rest sollen so genannte VÖ-Plätze mit sechs oder sieben Stunden Betreuung pro Tag sein.

 

Davon erhofft sich die Stadt verlässlichere Öffnungszeiten, die derzeit oft kurzfristig verkürzt werden, und Plätze für Kinder, die bislang keinen haben.

Begleitet wird dieser Prozess von kritischen Elternstimmen. Wir zeigen, was Eltern in diesem Prozess nun fordern. Grundlage dafür sind eine aktuelle Stellungnahme des Gesamtelternbeirates der städtischen Kindertageseinrichtungen, Horte und Schülerhäuser (GEB) zu den Plänen der Stadt, sowie eine Stellungnahme der Stuttgarter Eltern-Erzieher-Initiative Kitastrophe auf Anfrage unserer Zeitung.

Verlässliche Daten

Die Stadt geht davon aus, dass derzeit Eltern teils mangels Alternativen einen Ganztagsplatz mit 40 Stunden und mehr buchen – obwohl sie ihn nicht bräuchten. Verlässliche Daten hat sie dazu allerdings nicht, sondern bezieht sich auf Rückmeldungen aus ihren Einrichtungen. Auch zur Frage, wie viele neue Plätze geschaffen werden können, indem Zeiten reduziert und Gruppen vergrößert werden, hat die Stadt noch keine Antwort. In der letzten Sitzung des Jugendhilfeausschusses sagte die zuständige Bürgermeisterin Isabel Fezer (FDP), man wisse noch nicht, ob überhaupt Plätze entstehen. Erst müsse man die kürzeren Angebote schaffen, um dann zu sehen, wie viele Eltern diese buchen. Die mangelnde Datengrundlage kritisiert sowohl der GEB als auch die Kitastrophe.

Bestandsschutz

Zwar hat Isabel Fezer mehrmals im Ausschuss betont, dass Familien, die bereits einen Ganztagsplatz diesen auch behalten („Keinem wird der Ganztagsplatz weggenommen“), aber das reicht weder dem GEB noch der Initiative. Sie fordern einen „Bestandsschutz“ für bestehende Ganztagesverträge. Außerdem müsse die Stadt möglichst bald offen legen, nach welchen Kriterien sie zukünftig entscheidet, wer einen VÖ- und wer einen Ganztagsplatz bekommt.

Kein Rückschritt für Frauen

„Vor allem Berufstätige im sozialen Bereich, aber auch generell berufstätige Frauen kommen mit Betreuungszeiten von 8 bis 14 Uhr nicht zurecht“, schreibt die Kitastrophe. Deren Mitglieder befürchten, dass zukünftig vor allem Frauen ihre Erwerbstätigkeit zurückfahren werden, um die kürzeren Kita-Zeiten abzufangen. „Eine absolute Katastrophe für die erkämpfte Gleichberechtigung der letzten Jahre“, findet die Initiative. In einer nicht repräsentativen Umfrage des GEB auf seinem Instagram-Kanal antworteten 80 Prozent der Eltern, sie bräuchten einen Ganztagesplatz.

Alternativangebote

Andere Kommunen im Land, etwa Offenburg oder Horb, testen bereits neue Konzepte aus, in denen Fachkräfte nur noch bis 14 Uhr die Betreuung und Förderung der Kinder übernehmen. Im Anschluss bieten beispielsweise die Malteser (Offenburg) oder anderen ehrenamtliche Kräfte eine Spielgruppe in den Räumen der Kita an für Kinder, deren Eltern eine längere Betreuungszeit brauchen. Solche Konzepte wünscht sich der GEB auch für Stuttgart. Die Stadt habe bislang „keinerlei Ideen und Lösungsvorschläge erbracht, wie eine (Ersatz-)Betreuung über die geplanten VÖ-Zeiten hinaus gewährleistet werden kann“, heißt es in der Stellungnahme.

Echte Beteiligung im Kita-Prozess

Die Initiative Kitastrophe kritisiert, dass die Stadt keinen „echten Beteiligungsprozess“ gestartet hat, wie sie es im vergangenen Herbst ankündigte, sondern stattdessen Tatsachen schafft. Bei einem Kita-Forum im Februar im Rathaus, bei dem sich Eltern, Fachkräfte, Gemeinderäte und freie Träger über den Stand der Dinge informieren konnten, seien Fachkräfte nicht gehört worden. Tatsächlich waren dort nur Einrichtungsleiterinnen eingeladen. Die Kitastrophe fordert ein echtes Mitspracherecht in den entscheidenden Gremien aller betroffenen Gruppen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Kita