Liebes-Erklärung: Ängste im Bett Keine Lust auf Sex – was hilft?

Gründe für sexuelle Störungen sind vielfältig. Foto: Unsplash/Claudia Love

Es gibt viele Gründe, warum bei manchen das Bedürfnis nach Sex nachlässt oder überhaupt gar nicht mehr vorhanden ist. Viele leiden immens darunter – aber es gibt Wege, die Unlust zu überwinden. [Plus-Archiv]

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Nicht mehr so oft Sex wie am Anfang der Beziehung zu haben, das kennen viele Paare. Keine Zeit im Alltag, viel Stress, die Kinder oder häufige Streits – bei vielen bleibt dann die Nähe und damit auch Sex auf der Strecke. Manche wiederum empfinden gar keine Lust mehr oder nur ganz selten.

 

Selten ist das Problem nicht: Bereits im Jahr 2008 kam eine amerikanische Querschnittsstudie zu dem Ergebnis, dass sexuelle Lustlosigkeit das häufigste sexuelle Problem bei Frauen ab 18 Jahren darstellt.

In der Studie, erschienen in der Zeitschrift „Obstetrics & Gynecology“, berichteten etwa 44,2 Prozent der Frauen über vermindertes sexuelles Verlangen verbunden mit persönlichem Leidensdruck. Aber auch bei Männern ist laut der Psychiaterin und Therapeutin Helke Bruchhaus Steinert sexuelle Unlust weit verbreitet – entgegen den gängigen Klischees.

Aber was versteht man eigentlich unter sexueller Lustlosigkeit? Und was ist überhaupt normal beim Thema Sex? Das sind häufige Fragen, die auch Helke Bruchhaus Steinert von ihren Patient:innen immer wieder gestellt bekommt. Sie hat kürzlich das Buch „Wenn die Sexualität streikt“ geschrieben. In dem Buch geht es darum, Sexualstörungen zu erkennen, zu verstehen – und sie am Ende im besten Fall zu lösen. Die Schweizer Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hat sich in ihrer Praxis auf Paar- und Sexualprobleme konzentriert.

Die Beziehungszufriedenheit sei eng mit der Sexualität verknüpft. Beziehungen sind aber ganz unterschiedlich von belastenden Zeiten geprägt: Laut der Paar- und Sexualtherapeutin sind diese geprägt von Geburten der Kinder, beruflichem Stress, Sorgen um die Eltern und anderen Krisen. „Davon kann sich ein Partner dann mehr belastet fühlen als der andere und dann weniger Lust haben“, sagt sie. „Das ist aber noch keine Störung“, sagt die Psychotherapeutin. Davon spreche man erst, wenn jemand ein „erhebliches, subjektives Leiden“ empfinde und sich nicht mehr in der Beziehung fallen lassen kann.

Viele leiden unter extremen Versagensängsten

Gründe für sexuelle Störungen sind vielfältig: Psychische, soziale oder medizinische Faktoren spielen häufig zusammen. Verschiedene Medikamente wie Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder Neuroleptika reduzieren die Libido. Auch Östrogen- beziehungsweise Testosteronmangel sowie Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, neurologische Erkrankungen wie Demenz oder Multiple Sklerose können das Lustempfinden dämpfen.

Hinter sozialen Faktoren verbergen sich häufig gesellschaftliche Erwartungen, die oft zu Druck und Versagensängsten führen können. Psychische Störungen wiederum wie eine Depression, Essstörung oder Suchterkrankung können sowohl Ursache als auch Folge der Lustlosigkeit sein. „Es ist ein vielschichtiges Thema, hinter dem sich auch viel falsches Wissen verbirgt“, sagt Bruchhaus Steinert. Am einfachsten lassen sich Unlust und Erektionsprobleme noch beheben, wenn die Gründe rein medizinischer Natur sind, also zum Beispiel durch Medikamente wie Antidepressiva entstehen. „Dann sind oft pragmatische Lösungen möglich, zum Beispiel Männern Präparate wie Viagra zu verschreiben“, sagt Bruchhaus Steinert.

Doch das ist es ja meistens nicht allein. Ein häufiger Grund für Unlust seien Versagensängste. „Die Ängste stehen dann im Vordergrund und verhindern eine Erektion oder bei Frauen das Feuchtwerden“, sagt Bruchhaus Steinert. Dahinter verberge sich aber auch der weitverbreitete Mythos, richtiger Sex sei es ausschließlich dann, wenn eine Penetration stattfinde. Dabei sei Sex viel mehr: Auch Kuscheln, Küssen, Streicheln gehören zur körperlichen Intimität. Umgekehrt führe genau das auch wieder zu mehr Lust: Paare, die im Alltag ständig Zärtlichkeiten austauschen, haben häufiger Sex.

Was will ich beim Sex? Viele wissen schlicht zu wenig über ihre Bedürfnisse

Für Sex brauche es Zeit, Intimität und Raum. „Und ja, die Lust kommt oft beim Essen“, betont sie. Viele gehen vom Gegenteil aus: „Sie glauben, Lust sei der Einstieg zum Sex.“ Dazu ist es auch wichtig, innerhalb der Partnerschaft richtig zu kommunizieren: Was will ich? Was macht mich an? Viele ließen ihre Wünsche unausgesprochen – oder kennen sie nicht mal selbst. „Es ist ja ein Unterschied, ob ich keine Lust auf Sex habe oder keine Lust auf genau diesen Sex“, sagt die Psychotherapeutin und ergänzt: „In langjährigen Beziehungen geht es gar nicht mehr so sehr darum, wie oft, sondern vielmehr um die Qualität.“

Wer seine Unlust überwinden will, muss sich also immer auch ein Stück weit mit sich selbst auseinandersetzen. Der amerikanische Psychologe und Sexualtherapeut David Schnarch plädierte in seinem Buch „Die Psychologie sexueller Leidenschaft“ zu mehr Selbstverantwortung. Den Schlüssel für eine erwachsene Sexualität sah Schnarch in der eigenen Persönlichkeit, vor allem der Fähigkeit zur Autonomie. Damit meinte Schnarch, man müsse in der Lage sein, sich nicht nur dann geliebt zu fühlen, wenn man vom Partner permanent bestätigt wird. „Wir verspüren kein sexuelles Verlangen nach einem Partner, den wir ständig bestätigen müssen“, schrieb Schnarch.

Wer im Bett immer nur dasselbe macht, verliert häufig auch die Lust

Schnarch empfahl daher seinen Patienten, ihre Ängste zu überwinden und das eigene erotische Repertoire ständig zu erweitern. Das Problem bei vielen daran? Scham. „Das eigentlich Schwierige ist nämlich, die eigenen erotischen Vorlieben dem anderen zu offenbaren“, so Schnarch.

Über sexuelle Wünsche zu sprechen, selbst mit dem eigenen Partner, fällt vielen äußert schwer. Deshalb haben Forscher in einer Studie des Online-Projekts „Theratalk“ der Universität Göttingen ein „Ressourcen-Aktivierungssystem“ entwickelt. Dabei klicken sich beide Partner unabhängig voneinander durch ein Programm und geben an, was sie gern mal ausprobieren würden – vom Knabbern am Ohrläppchen bis zum Fesselspiel. Als Ergebnis erhalten die Partner nur die Schnittmenge dessen, was beide wollen.

Aber wie kommt ein Mensch nun dazu, überhaupt wieder Lust zu empfinden? „Wir sind ein lustorientiertes Völkchen im Schlaraffenland“, sagt die Stuttgarter Paar- und Sexualtherapeutin Fiomena Lorenz dazu. „Wir wollen nämlich alles und das möglichst sofort!“ Aber das sei beim Sex oft nicht möglich, da braucht es Zeit und Geduld. „Wie ich mit meiner Lust umgehe, hängt auch eng damit zusammen, wie ich gelernt habe, mich selbst zu führen und zu verführen“, sagt sie.

Bin ich normal? Bin ich nicht normal?

Der Satz „Ich habe keine Lust“ brauche daher immer ein genaues Hinschauen auf die eigentliche Ursache: Welchen Stellenwert hat Sex eigentlich in meinem Leben? „Wenn Sex erst auf Platz zehn ist, brauche ich mich nicht zu wundern“, sagt Lorenz. Oder: Habe ich mich als Mann mit der Lust der Verführung wirklich auseinandergesetzt? Wie schön fühle ich mich als Frau? Wie sehr gelingt es mir, mich von gesellschaftlichen Erwartungen und Vorstellungen zu lösen? „Für Frauen ist zum Beispiel Lust immer noch oft gefährlich“, sagt Lorenz.

Guter Sex hat viel mit Nähe, mit Vertrauen zu tun, mit sich fallen lassen können. Besser kann das jemand, der mit sich und seinem Körper zufrieden ist. Vor allem aber Frauen haben häufig ein Problem mit ihrem Körper – und schämen sich deshalb beim Sex. Lorenz bietet deshalb in ihrer Praxis in Stuttgart regelmäßig Kurse für Frauen an zu den Themen Weiblichkeit, Lust, Orgasmus und Körperwahrnehmung. Sie stellt immer wieder fest, dass wenige Frauen sich wirklich schön fühlen. Wenn Frauen die innere Schönheit entdecken und zum Schluss der Reise ihre Lebendigkeit authentisch fühlen und zu sich stehen: „Falten? Egal! Ich fühle mich geil.“

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