Ära im Bottwartal geprägt Musikschulleiterin geht und nimmt Abschied vom „schönsten Beruf der Welt“

Bärbel Häge-Nüssle ist Musikerin durch und durch und hat bald wieder mehr Zeit, selbst zu üben. Foto: Werner Kuhnle

Bärbel Häge-Nüssle geht nach 27 Jahren an der Spitze der Musikschule Marbach-Bottwartal in den Ruhestand. Sie hat ihren Job geliebt. Eines hat sie aber frustriert.

Bärbel Häge-Nüssle ist eine weitgereiste Frau, war erst kürzlich in China unterwegs, um Land und Leute kennenzulernen. Doch ihre berufliche Laufbahn hat sie an einem einzigen Ort verbracht: der Musikschule Marbach-Bottwartal. Schon als Studentin unterrichtete sie hier in den 1980er-Jahren Mädchen und Jungs, um sich etwas dazuzuverdienen. „Ich bin von der Pike auf reingewachsen und hier hängen geblieben“, sagt sie lachend. Im Mai 1998 übernahm die Oberstenfelderin schließlich die Leitung und ist seitdem Gesicht und Sprachrohr der Einrichtung. Allerdings nicht mehr lange. Häge-Nüssle verabschiedet sich im März 2026 in den Ruhestand.

 

Das dürfte einen harten Einschnitt für die Musikschule bedeuten, aber auch für Häge-Nüssle selbst. „Das ist schon mein Lebenswerk“, konstatiert die 65-Jährige. Es werde ihr fehlen, Projektideen umsetzen zu können. „Das mache ich sehr gerne“, betont sie. Das lässt sich auch daran ablesen, wie sich die Musikschule unter ihrer Regie verändert hat.

So wurden zahlreiche Kooperationen mit Schulen und Kindergärten angeschoben. Außerdem sei eine Fülle an Konzerten auf den Weg gebracht und die Arbeit in Ensembles forciert worden, sagt Häge-Nüssle. Ferner sei das Portfolio an Instrumenten, die man den Kindern beibringe, gewachsen – wie auch die gesamte Einrichtung, die mittlerweile rund 1000 Schüler zählt.

Bärbel Häge-Nüssle hat auch bei Konzerten den Takt vorgegeben. Foto: Archiv (Musikschule Marbach-Bottwartal)

Die Basis für all das ist aus Sicht der scheidenden Leiterin die Qualität der Lehrkräfte. „Das ist das A und O“, betont sie. Man stelle nach neutral-nüchternen Auswahlkriterien ein. Etwaige persönliche Verbundenheiten oder andere Dinge spielten keine Rolle. Wichtig war ihr überdies immer, sowohl in der Breite als auch in der Spitze – also besondere Talente – zu fördern. Häge-Nüssle hat den Nachwuchs dabei teilweise selbst geformt und sich nicht nur auf reine Verwaltungsarbeit beschränkt. „Mir war immer ganz wichtig, nach wie vor zu unterrichten. Man muss als Schulleiter wissen, wo es brennt, was die Kinder bewegt und interessiert“, sagt sie. Auf privater Basis werde sie auch im Ruhestand Musikbegeisterten helfen, ihre instrumentalen Fertigkeiten zu verfeinern.

Die Tonkunst wird also weiter einen großen Platz in ihrem Leben einnehmen. Das war eigentlich immer so. Bärbel Häge-Nüssle ist in der Nähe von Ulm in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen, hat als ganz junges Mädchen angefangen, Blockflöte zu spielen, später insbesondere Klavier und Orgel gelernt und zudem Gesangsunterricht genommen.

Nach der zehnten Klasse wollte sie unbedingt einen Leistungskurs in Musik belegen. Dafür nahm sie es sogar in Kauf, das vertraute Umfeld zu verlassen und auf ein Musikinternat bei Schwäbisch Hall zu wechseln. „Meine Eltern waren darüber erst gar nicht begeistert“, sagt sie. Zumal der Besuch des Internats den Geldbeutel der Familie belastete.

Beim Studium mehrere Auswahlmöglichkeiten

Nach dem Abitur war klar, dass sie den eingeschlagenen Pfad nicht verlassen wollte. Die Frage war nur: Sollte das Studium Richtung Gesang, Kirchen- oder Schulmusik gehen? Die Waage neigte sich zu Letzterem. Bärbel Häge-Nüssle strebte mit Blick auf das Privatleben geregelte Arbeitszeiten und ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis an, wollte zudem im Zweifel am liebsten Kindern das Tor zur Musikwelt öffnen.

Das breite Spektrum der Literatur im Bereich der Schulmusik habe bei der Entscheidung ebenfalls eine Rolle gespielt. Das Studium führte Häge-Nüssle nach Trossingen und Stuttgart. Sie zog 1982 mit ihrem damaligen Partner und heutigen Mann nach Steinheim – wo sie sogleich von der Musikschule angeheuert wurde und ihr großes berufliches Glück fand.

Das Sommerfest gehört zu den Höhepunkten im Jahreskalender der Musikschule und ist unter Bärbel Häge-Nüssle stark ausgebaut worden. Foto: Archiv (Avanti/Ralf Poller)

„Das ist im Prinzip der schönste Beruf der Welt. Er ist unwahrscheinlich abwechslungsreich und spannend“, sagt Bärbel Häge-Nüssle. Man unterrichte Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Man könne gestalten, verwalten und Personal führen. Kein Tag gleiche dem anderen. „Und wenn ein Problem ansteht, muss ich es lösen“, sagt sie. Mal kümmere sie sich um eine verärgerte Mama, mal um ein kaputtes Instrument.

Die Nachfolgerin steht noch nicht fest

Die Regionalvorsitzende der 14 Musikschulen im Kreis verhehlt jedoch nicht, dass der Job auch Schattenseiten hat. Als Geburtsfehler der Musikschule Marbach-Bottwartal bezeichnet sie es, dass formal lediglich Marbach und Steinheim Träger der Einrichtung sind, die umliegenden Kommunen dagegen nie von einer fixen Beteiligung überzeugt werden konnten. „Es war deshalb finanziell immer knapp“, sagt Häge-Nüssle.

Es sei nun schon frustrierend, wenn man sich immer wieder in politischen Gremien anhören müsse, „wie wichtig und wertvoll man als Musikschule ist, aber dass man zu teuer sei“, erklärt sie. Leidtragende des Modells sind die Eltern, die vergleichsweise hohe Gebühren schultern müssen. Dass die Nachfrage nach Plätzen dennoch hoch ist, spreche für das Kollegium und die ganze Mannschaft.

Wer solch ein Lob künftig für das Team der Musikschule aussprechen kann, ist ungewiss. Ihre Nachfolgerin stehe noch nicht fest, sagt Bärbel Häge-Nüssle.

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