Die zwei Frauen sind schon im fortgeschrittenen Seniorenalter. Das hindert sie aber nicht daran, sich gelegentlich zu prügeln. Schließlich sind die beiden Schwestern. Gegen Ende ihres Lebens wollten sie ihr Kriegsbeil aber gern begraben und sind deshalb zu Jürg Frick in die Praxis im schweizerischen Uerikon gekommen. Frick ist Psychologe und hat sich auf Geschwisterbeziehungen spezialisiert – und damit auch zwangsläufig auf das Thema Konflikte.
„Wenn Geschwister nicht gerade zehn Jahre oder mehr auseinander sind, haben sie in der Regel eine eher enge, intime Beziehung. Und da gehören Konflikte einfach dazu“, sagt Jürg Frick. Zumal man sich Geschwister weder aussucht, noch die Beziehung einfach beenden kann, wenn sie einem nicht mehr passt.
Es geht viel Streit ins Land
Geschwister verbringen in der Regel mehr Lebenszeit miteinander als Eltern mit ihren Kindern. „Gerade wenn die Eltern tot sind, haben viele Geschwister auch wieder ein engeres Verhältnis“, sagt Jürg Frick. Oder versuchen zumindest, alte Konflikte zu lösen.
Bis es so weit ist, geht aber viel Streit ins Land. Alle vier Minuten streiten sich Kinder im Alter zwischen zwei und vier Jahren durchschnittlich. Zwischen drei und sieben Jahren wird rund dreieinhalbmal pro Stunde gestritten. Danach wird die Frequenz langsam weniger. Auch, weil die Kinder dann mehr ihre eigenen Wege gehen können, wenn sie möchten.
Doch auch verschiedene Geschwisterpaare im selben Alter streiten unterschiedlich viel. „Das hängt auch stark mit den verschiedenen Persönlichkeitsstrukturen und Bedürfnissen zusammen“, sagt Harald Werneck vom Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung der Universität Wien.
Ebenfalls eine Rolle spielen Altersabstand und Geschlecht. „Je näher Kinder vom Alter und Geschlecht her sind, umso ähnlichere Interessen haben sie und damit auch potenzielle Reibungspunkte für Streitereien“, sagt Elterncoachin Isabelle von Abendroth, die auch Kurse zu Geschwisterbeziehungen anbietet.
Vergleiche bringen nichts
Immer wieder haben Eltern das Gefühl, dass ihre Kinder viel mehr streiten würden als andere. „Allerdings streiten Geschwister vermehrt zu Hause, wo sie in ihrem sicheren und geborgenen Umfeld sind und sich so zeigen können, wie sie sind“, sagt Isabelle von Abendroth.
Doch Eltern können einiges dazu beitragen, dass Geschwister gut miteinander auskommen. „Das Wichtigste ist, Kinder als Individuen zu behandeln mit ihren eigenen Stärken und Schwächen und sie nicht mit Bruder oder Schwester zu vergleichen“, sagt Psychologe Jürg Frick.
Denn der Hauptgrund, warum sich Geschwister so häufig in den Haaren liegen, ist, dass sie um die elterliche Liebe konkurrieren, um ihren Platz in der Familie. „Wenn Eltern nun die Geschwister untereinander vergleichen, heizen sie diesen Konkurrenzkampf nur zusätzlich an“, sagt Jürg Frick.
Eine sichere Streitumgebung
Erst recht, wenn die Eltern sich dann in den Streit einmischen – und für einen Geschwisterteil Partei ergreifen. „Grundsätzlich sollte man Geschwister Konflikte, soweit es verantwortbar ist, selbst regeln lassen“, sagt Entwicklungspsychologe Harald Werneck.
Eltern seien vor allem dazu da, für eine sichere Streitumgebung zu sorgen – sprich einzuschreiten, sobald sich jemand verletzen oder etwas kaputtgehen könnte. Oder auch, wenn ein massives Machtungleichgewicht herrscht und ein Kind dauernd vom anderen unterdrückt wird. „Man kann mit den Kindern zum Beispiel ein Codewort für solche Situationen vereinbaren. Wenn das gerufen wird, kommen die Eltern auf jeden Fall“, sagt Isabelle von Abendroth.
Mehr Trainer als Schiedsrichter
Die Frage, wer einen Streit begonnen hat, hält sie für unwichtig. „Viel entscheidender ist, wie die Eltern den Streit begleiten.“ Dazu ist es ihr ganz wichtig zu verstehen, was beide Kinder fühlen, was in ihnen vorgeht. „Meine Rolle als Mutter ist dabei beispielsweise eher die eines Trainers und nicht die eines Schiedsrichters“, sagt Isabelle von Abendroth. Sie unterstützt zwar, bleibt aber neutral.
Eine solche Trainer-Rolle der Eltern bringt einen großen Vorteil mit sich: Den Geschwistern wird ein Grund genommen, sich zu streiten. „Denn häufig geht es ja darum, die Eltern auf die eigene Seite zu ziehen und Beachtung zu finden“, sagt Isabelle von Abendroth.
Genau hinsehen
Wie fast alles in der Entwicklung von Kindern findet auch das Streiten in Phasen statt: mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Fliegen gerade ständig die Fetzen, rät Isabelle von Abendroth dazu, einen neuen Blick auf die Familie und die Rollenverteilungen zu werfen.
Gibt es ein Kind, welches gerade eine Veränderung durchmacht, weil es beispielsweise gerade in die Schule gekommen ist? Hat eines Ärger mit dem besten Freund? Hat sich bei einem Kind bereits die Rolle des Quatschmachers oder Streithahns gefestigt? „Das, was Eltern über ihr Kind denken, hat einen sehr großen Einfluss darauf, wie es sich tatsächlich verhält“, sagt Isabelle von Abendroth.
Auch der Zustand der Eltern spielt eine große Rolle. Wer viel Stress hat und dünne Nerven, der reagiert auf Streitereien ganz anders als jemand, der entspannt ist und sich die Zeit nimmt zuzuhören. In solchen Phasen kann sich das Gestreite dann über Wochen hochschaukeln – weil die Kinder ja weiterhin versuchen, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.
Nähe hilft
„Da ist es für alle hilfreich, wenn man sich selbst im größten Stress die Zeit nimmt zu verstehen, was gerade los ist. Und dafür sorgt, dass das Nähe-Bedürfnis der Kinder erfüllt wird“, sagt Isabelle von Abendroth. Danach gehe der Alltag nämlich meist für alle deutlich entspannt weiter.
Und wenn dann doch bald wieder die Fetzen fliegen, können Eltern das Streiten von Geschwistern auch einfach mal positiv betrachten. „Es ist eine ideale Spielwiese, um zu lernen, wie man Konflikte führt und löst, und damit eine super Schule fürs Leben“, sagt Psychologe Harald Werneck.
Wem solche positiven Gedanken nicht reichen, dem empfiehlt Isabelle von Abendroth, einen Boxsack zu kaufen. Oder laute Musik zum Abtanzen aufzudrehen. Dabei können nicht nur Kinder Wut und Frust loswerden, sondern auch ihre streitgeplagten Eltern.