Ärger in Korntal-Münchingen Unmut neben der Heizzentrale

Die Abgase der Heizzentrale bei der Stadthalle in Korntal erregen die Gemüter der Anwohner. Foto: Simon Granville

Anwohner fühlen sich von dem Heizkraftwerk bei der Korntaler Stadthalle belästigt: Sie sprechen von „unerträglichen Luftverpestungen“ und fürchten sogar um ihre Gesundheit. Die Stadtverwaltung ist dran, doch die Betroffenen verlieren allmählich die Geduld.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Korntal-Münchingen - Andreas Nobis ist sauer. Der Stein des Anstoßes ist die Heizzentrale bei der Stadthalle im Ortsteil Korntal von Korntal-Münchingen. Beziehungsweise konkret das, was die Anlage seit Februar vergangenen Jahres ausstößt. „Die Heizzentrale verpestet die Luft in unerträglicher Weise“, sagt Andreas Nobis. Er wohnt wenige Meter entfernt von der Anlage in einem Mehrfamilienhaus.

 

Den 70-Jährigen ärgert nicht nur, dass er, je nach Wind, durch Dampf belästigt werde. Der ziehe wie eine Wolke auf seine Dachterrasse und ins Wohnzimmer. Er beklagt auch einen Gestank, der ihn an Abgase einer Gießerei erinnere. „Die verschweigen, dass bei der Verbrennung von Gas Stickoxide entstehen. Nach denen riecht es wahrscheinlich“, sagt Nobis. Er habe auch gesundheitliche Bedenken, schließlich seien Stickoxide giftig. Nobis berichtet, er habe bis zum Ruhestand im Bereich Thermotechnik gearbeitet – und sowohl mit Experten als auch alten Kollegen über die Angelegenheit gesprochen.

Mit „den Verschwiegenen“ meint Nobis die Zuständigen im Rathaus. Deren Verhalten ihn ebenfalls in Rage bringt: Trotz massiver Klagen von betroffenen Anwohnern bei der Stadtverwaltung bereits zu Jahresbeginn 2020 sei nichts unternommen worden, um die Situation zu verbessern. Und nun, seit Beginn der Heizsaison, würden die Anwohner wieder regelrecht eingenebelt. „Wir werden immer vertröstet und kriegen als Antwort nur Larifari“, sagt Andreas Nobis, der sich jetzt erneut an die Stadt wandte. Er wolle erreichen, „dass die Emissionen weggehen“.

Verwaltung: Abgase seien „gesundheitlich unbedenklich“

Das Blockheizkraftwerk (BHKW) bei der Stadthalle mit einer Leistung von 50 Kilowatt elektrisch und 100 Kilowatt thermisch sowie zwei Gasbrennwertkesseln je 285 Kilowatt läuft ganzjährig. Es versorgt die Stadthalle mit Sporthalle und Jugendtreff sowie die Musikschule mit Wärme und Strom. Laut der Verwaltung besteht für die Anwohner kein Grund zur Sorge. Dennoch arbeitet sie an einer Lösung.

Eine Rathaussprecherin teilt auf Anfrage unserer Zeitung mit: „Abgase aus Gasheizungen bestehen in etwa aus neun Prozent CO2, fünf Prozent O2, Stickoxiden im Milligrammbereich und aus Wasserdampf und sind gesundheitlich in diesen Konzentrationen unbedenklich.“ Das BHKW mit einer Leistung von maximal 600 Kilowatt erzeuge pro Stunde Volllast, was sehr selten der Fall sei, circa ein Gramm NOx (Stickoxide). Die Einhaltung der zulässigen Immissionskonzentration habe ein Kaminfegermeister im April bestätigt.

Erdgas, erläutert die Sprecherin weiter, verbrenne in unsichtbare Abgase. „Das, was bei kalter Witterung am Abgasaustritt sichtbar wird, ist reiner Wasserdampf.“ Jeder Kubikmeter Erdgas enthalte etwa einen Liter Wasser. Dieser werde bei der Verbrennung verdampft. „Brennwertkessel kondensieren einen Teil dieses Wasserdampfes auf den Wärmetauscherflächen und nutzen somit die freiwerdende sogenannte latente Wärme. Je nach Temperaturauslegung der Anlage tritt aber ein Teil des Wasserdampfes an der Abgasmündung aus, wo er bei kalter Witterung direkt kondensiert und somit sichtbar wird. Dass die Bewohner diese optische Einschränkung als Belästigung wahrnehmen, kann die Verwaltung durchaus nachvollziehen.“ Jedoch trete eine massive Kondensatentwicklung eher selten auf.

Nobis: Die Situation sei „unerträglich“

Mit dem Landratsamt und dem Planungsbüro der Anlage prüft die Stadtverwaltung derzeit „verschiedene Lösungsansätze“. Entweder könne die Kondensatwolke so verwirbelt werden, dass sie nicht mehr so konzentriert zu sehen sei – oder es gebe Abhilfe mittels einer Verlängerung des Kamins, sagt die Rathaussprecherin. Es lägen Beschwerden aus zwei umliegenden Objekten vor.

An ähnliche Lösungsmöglichkeiten hat auch Andreas Nobis schon gedacht. Am sinnvollsten, sagt er, fände er es aber, wenn man die Anlage abschaltet. Die Situation nennt er „unerträglich“. Im Zweifel müsse man ein juristisches Vorgehen diskutieren. Als er wegen der Begrünung des Flachdaches mehrmals im Rathaus war, sei das Thema Emissionen nie angesprochen worden. Die Zusage von der Stadtverwaltung, dass die Anwohner nach der Fertigstellung des 800 000 Euro teuren neuen BHKW in die Entscheidungen zur Begrünung des Flachdaches und der Randbepflanzung einbezogen werden, war das Ergebnis eines Streits Anfang 2018: Andreas Nobis und mehrere seiner Nachbarn hatten sich zuvor darüber beklagt, dass man nichts über den Neubau des BHKW gewusst habe. Er wurde nötig, weil das alte Kraftwerk in der Stadthalle nicht mehr saniert werden konnte.

Im Rahmen ihres Nahwärmekonzepts betreibt die Stadt vier Heizanlagen: In Korntal hat noch die Teichwiesenschule eine Heizzentrale – die größte Nahwärmeversorgungsanlage – in Münchingen das Freizeitbad sowie das Flattichareal. Die Anlagen versorgen neben öffentlichen Abnehmern auch Privatpersonen. Beschwerden gebe es hier keine.

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