Ärger mit Senec-Anlagen EnBW-Firma lässt Stromspeicher erneuern

Formschöner Stromspeicher: Auf den Werbefotos von Senec sieht alles prima aus. Foto: Senec

Hersteller Senec zieht Konsequenzen: Bei Zehntausenden Geräten lässt er die Batteriemodule auf eigene Kosten austauschen. So lange bleibt es nach Bränden und Explosionen beim eingeschränkten Betrieb.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Mit einem organisatorischen und finanziellen Kraftakt will der Energiekonzern EnBW die Probleme bei Stromspeichern seiner Tochterfirma Senec lösen. Bei Zehntausenden von Geräten, die nach Explosionen und Bränden einiger Geräte nur in reduziertem Betrieb laufen, sollen die Batteriemodule komplett ausgetauscht werden. Auf eigene Kosten will Senec bei den betroffenen Modellen (V2.1 und V3) moderne Lithium-Eisenphosphat-Module einbauen, die hinsichtlich Sicherheit, Leistung und Lebensdauer auf dem neuesten technologischen Standard seien. Dies hat Senec jetzt in einer Information an alle Betroffenen angekündigt, wie eine EnBW-Sprecherin bestätigte. Die Belastungen für den Mutterkonzern betrügen jetzt mehrere Hundert Millionen Euro und könnten weiter steigen. Im Abschluss für das dritte Quartal seien entsprechende Aufwendungen berücksichtigt.

 

Die Heimspeicher von Senec dienen dazu, den durch Photovoltaikanlagen erzeugten Strom aufzunehmen und wieder abzugeben, wenn kein neuer produziert wird. Nach EnBW-Angaben hat die Leipziger Tochterfirma als einer der führenden Anbieter mehr als 100 000 Geräte verkauft, Marktkenner sprechen von 130 000. Wie viele von den Sicherheitsproblemen betroffen sind, wird offiziell nicht verraten; es soll etwa um die Hälfte gehen. Aus Gründen der Vorsorge laufen sie derzeit im sogenannten Konditionierungsbetrieb, bei dem die Speicherkapazität per Fernzugriff auf 70 Prozent beschränkt ist. Bei den Kunden hatte dies zu großer Unzufriedenheit geführt, immer mehr hatten zudem rechtliche Schritte eingeleitet.

Monate Vorlauf für Austauschaktion nötig

Die große Umrüstaktion soll laut Senec voraussichtlich im Sommer 2024 anlaufen. Diesen Vorlauf benötige man für Produktion und Beschaffung der neuen Module und die Vorbereitung der „sehr aufwendigen“ Programme. „Das Tauschangebot ist für Sie vollkommen kostenfrei“, schrieb das Unternehmen den Kunden. Die Kosten für Material und Installation trage Senec. Kunden mit dem älteren V2.1-System erhielten ein Upgrade auf das V3-System. Bis zum Austausch der Module blieben die Speicher im eingeschränkten Betrieb.

Bisher gab es dafür einen Ausgleich von 7,50 Euro pro Woche. Nach zahlreichen Protesten will Senec die „freiwilligen Kulanzzahlungen“ nun ändern: Von Dezember an sollen sie für jeden Kunden individuell berechnet werden; Grundlage sei die Zahl der Tage, an denen mehr als 70 Prozent Speicherkapazität benötigt würden, aber nicht genutzt werden können. Weitere Informationen zu dem Austausch verspricht das Unternehmen für Anfang 2024. Zugleich dankte es den Kunden „für ihre Geduld und ihr Vertrauen“. Man verstehe gut, dass die vergangenen Monate für sie „nicht zufriedenstellend“ waren. Man sei selbst nicht mit sich zufrieden: „Das ist nicht unser Qualitätsanspruch.“

Anwälte nennen Angebot „diskutabel“

Zahlreiche Senec-Kunden lassen sich von spezialisierten Anwaltskanzleien vertreten. Bei diesen stieß das Tauschangebot auf vorsichtige Zustimmung. Der Einsatz von modernen Lithium-Eisenphosphat-Modulen entspreche dem, was man gefordert habe, sagte Jochen Schanbacher von der Stuttgarter Kanzlei SPL. Nun müsse man sehen, wie Senec die Umrüstung bewältige; herausfordernd sei vor allem der Arbeitsaufwand.

Die Stuttgarter Kanzlei von Buttlar wertete das Angebot als „diskutabel“, sieht aber noch offene Fragen. Da sich der Austausch über viele Monate hinziehen werde, drohten Ansprüche auf Gewährleistung zu verjähren; unklar sei auch, ob die Herstellergarantie neu zu laufen beginne. Heute lasse sich noch nicht abschätzen, ob die neuen Module fehlerfrei funktionierten. Für den Anwalt Wolf von Buttlar ist das Tauschangebot „ein klares Eingeständnis, dass die betroffenen Batteriemodule mangelhaft sind“.

Erhebliche Belastungen für den Mutterkonzern

Auch die Kanzlei Dr. Stoll und Sauer aus Lahr meint, „dass wir mit unserer Argumentation und Kritik an den bisherigen Systemen richtig liegen“. Hätte Senec die Speicher in einen vertragsgemäßen Zustand versetzen können, „wäre ein solcher Austausch nicht nötig gewesen“, sagte der Geschäftsführer Michael Pflaumer. Ob sich die Speicher wirklich wieder zu 100 Prozent nutzen ließen, bleibe abzuwarten.

Die EnBW hatte die Tochterfirma 2018 erworben, um ihre Position auf dem wachsenden Speichermarkt zu verbessern; zum Kaufpreis gibt es keine Angaben. Für den Mutterkonzern führt Senec nun zu erheblichen finanziellen Belastungen. Man habe „Aufwendungen in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Betrages“ im Abschluss für das dritte Quartal berücksichtigt, sagte die Sprecherin; da die Aufarbeitung noch andauere, würden die Zahlen ständig geprüft.

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