Ärger mit Vonovia Mieter müssen seit Jahren mit Legionellen leben
Im Bahnhofsviertel in Korntal ist das Trinkwasser mit den Bakterien verseucht. Mieter sind sauer und fürchten um ihre Gesundheit. Doch Behörden und Mieterinitiativen sind machtlos.
Im Bahnhofsviertel in Korntal ist das Trinkwasser mit den Bakterien verseucht. Mieter sind sauer und fürchten um ihre Gesundheit. Doch Behörden und Mieterinitiativen sind machtlos.
Fast sein ganzes Leben lang wohnt Armin Schuster (Name geändert) in Korntal im Bahnhofsviertel. Aktuell lebt er in der Weilimdorfer Straße in der eigenen Drei-Zimmer-Wohnung. Vor Kurzem wurde Armin Schuster Vater. Das Glück des Mittdreißigers wäre perfekt – gäbe es nicht Ärger mit dem Vermieter. Er hätte es nicht für möglich gehalten, doch nun denken er und seine Frau über einen Auszug nach.
Die Liste der Mängel in der Wohnung beziehungsweise im Haus, die Armin Schuster aufzählt, ist lang. Dass das Trinkwasser mit Legionellen befallen ist, belastet ihn am meisten. „Das Problem gibt es seit mindestens 2017. Es wird einfach nicht nachhaltig beseitigt“, sagt Schuster. Im Bahnhofsviertel seien rund 200 Menschen in 100 Wohnungen von den Bakterien betroffen. „Diese Menschen sind sehr hohen Mengen Legionellen ausgesetzt. Die Gesundheit aller Bewohner ist unmittelbar gefährdet“, sagt Armin Schuster. Wirklich helfen kann aber bisher keiner. Behörden wie Mieterinitiativen stoßen an Grenzen.
Die betroffenen Wohnungen gehören Vonovia. Deutschlands größter Immobilienkonzern steht regelmäßig in der Kritik. Unter anderem deshalb, weil er Mängel verspätet behebt, gar nichts – oder, wie Armin Schuster es formuliert, „nur das Nötigste macht“. Zum Schutz vor den Legionellen bekommen die Bewohner Duschfilter. Der Befall bleibt. Armin Schuster, den die Vonovia-Mieterinitiative Region Stuttgart unterstützt, wirft dem Konzern vor, aus Gründen des Profits die dringend erforderliche Sanierung zu verschleppen. Bei Temperaturen zwischen 25 und 45 Grad vermehren sich Legionellen. Temperaturen von mehr als 60 Grad töten sie ab. „Wenn die Temperatur bei uns erhöht wird, platzen die alten Rohre“, sagt Armin Schuster. Im Keller sei das bereits geschehen. Immer wieder fielen außerdem Warmwasser und die Heizung aus. Ursel Beck, im Vorstand der Vonovia-Mieterinitiative, sagt: „Legionellen und Rohrbrüche sind uns aus einigen Häusern bekannt. Ein besonders krasser Fall ist das Bahnhofsviertel in Korntal.“ Vonovia weigere sich, die Ursache des Problems zu lösen, denn die Kosten von Instandsetzungs- oder Instandhaltungsmaßnahmen sind nicht auf die Miete umlegbar.
Das Gesundheitsamt im Landratsamt Ludwigsburg kennt das Problem. Die Behörde muss informiert werden, wenn der sogenannte technische Maßnahmenwert von 100 KBE (koloniebildende Einheiten) je 100 Milliliter Wasser erreicht wird. Die erste Überschreitung sei im Oktober 2017 gemeldet worden, teilt der Sprecher Andreas Fritz mit. Daraufhin habe das Amt angeordnet, dass „zur unmittelbaren Gefahrenabwehr“ Duschfilter eingesetzt werden müssen.
Weitere Schritte Vonovias seien „im Endeffekt alle nicht wirksam“ gewesen. Das hätten mehrere Nachuntersuchungen gezeigt. „Eine Kernsanierung des Trinkwassersystems, die die sinnvollste Lösung wäre, kann das Gesundheitsamt nicht vorschreiben, weil es dafür keine gesetzliche Grundlage gibt“, sagt Fritz. Stattdessen überwache das Amt das Trinkwassersystem des Hauses laufend. Es gab insgesamt 23 Messungen. 21 Mal seien mittlere (bis 1000 KBE) und hohe (bis 10 000 KBE) Kontaminationen gemessen worden.
Vonovia widerspricht den Vorwürfen. Laut dem Sprecher Olaf Frei ist die Temperatur am Warmwasserspeicher nach den Vorgaben auf 60 bis 63 Grad eingestellt. „Uns ist allerdings aufgefallen, dass die Temperatur nicht hoch genug in den Wohnungen ankommt. Grund hierfür könnte ein hydraulisches Problem sein.“ Darum kümmere man sich derzeit. Nichtsdestotrotz verbessere sich die Lage deutlich. Man habe aktuell einen Befund von 900 KBE. Bei jedem positiven Befund reagiere der Konzern noch am gleichen Tag, betont Olaf Frei: Man erhöhe die Temperatur, tausche Armaturen aus, spüle die Leitungen durch.
Der Sprecher verweist darauf, dass Sanierungsarbeiten oft „sehr komplex“ seien, in bewohnten Gebäuden „hohe Belastungen“ aufgrund Drecks und Lärms für die Mieter darstellten und den Komfort in der Wohnung stärker einschränken würden. „Wie zum Beispiel bei Leitungsstrangsanierungen.“ Deshalb würden immer erst Alternativen geprüft. Mieter mit Immunschwäche erhielten bei Legionellen grundsätzlich und an allen Wasserhähnen in der Wohnung Filter. Für diese Sterilfilter gibt Vonovia nach eigenen Angaben rund 35 000 Euro im Jahr aus.
Ursel Beck von der Vonovia-Mieterinitiative geht das alles nicht weit genug. „Die Ursachen für die Legionellen müssen behoben werden. Die Miete zu mindern, löst das Problem nicht“, sagt sie. Und: Mieter würden sich oft zu viel gefallen lassen. „Vonovia spielt viel mit der Angst der Bewohner.“ Diese sei unbegründet, denn Mieter könnten grundsätzlich nicht so einfach rausgeworfen werden. Geht es nach Ursel Beck, muss Vonovia enteignet werden. „Mit Wohnungen darf kein Profit gemacht werden.“
Sie rät Armin Schuster, sich an die Stadt zu wenden. Aus ihrer Sicht ist Korntal-Münchingen verpflichtet, ein Instandsetzungsgebot für Vonovia zu verhängen. Die Stadt sieht das anders. Instandsetzungsgebote würden nur für Themen ausgesprochen, für die das Baugesetzbuch auch gedacht sei, und die nicht in anderen Rechtsvorschriften geregelt seien. „Sehr vereinfacht gesagt gilt das Instandsetzungsgebot für augenscheinliche Baumängel, wenn zum Beispiel Gefahr in Verzug ist durch herabfallende Dachziegel“, sagt die Rathaussprecherin Angela Hammer.
Armin Schuster ist sauer. Er ist überzeugt: Dass die Gesundheit aller Bewohner unmittelbar gefährdet sei, entspreche dem Begriff der „allgemeinen Verkehrsunsicherheit“. Er hat nun einen Anwalt an seiner Seite. Der werde das Thema in alle Richtungen prüfen. Beim Warmwasser hat Schuster auf eigene Faust gehandelt. Weil es zwischen Januar und April zu erheblichen Ausfällen gekommen sei, kürzt er die Warmmiete. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Androhen oder generell Kommunikation nichts bringt. Die direkte Reduzierung der Miete wird wahrgenommen und führt zum Ziel.“
Umweltkeime
Legionellen sind weit verbreitete Umweltkeime, die in geringer Zahl als natürlicher Bestandteil von Oberflächen- und Grundwasser vorkommen. Das teilt das Landratsamt mit. „Wenn Legionellen eingeatmet werden, können sie Infektionen wie das Pontiac-Fieber – von den Symptomen vergleichbar mit einer Grippe – oder die Legionärskrankheit, eine besondere Form der Lungenentzündung, auslösen.“
Duschfilter Neben dem gesundheitlichen Zustand der Bewohner hänge die Gefahr einer Infektion zu einem großen Teil von der Konzentration der Legionellen im Trinkwasser ab. Spätestens ab 10 000 koloniebildenden Einheiten (KBE) pro 100 Milliliter werde ein Duschverbot ausgesprochen. „Da Legionellen nur dann kritisch werden, wenn sie eingeatmet werden – beziehungsweise feinste Tröpfchen des Trinkwassers – geht die Gefahr meistens vom Duschen aus.“ Duschfilter fangen die Legionellen ab. Sie sind laut dem Gesundheitsamt ein guter Schutz. Das Wasser zu trinken sei hingegen für gewöhnlich unbedenklich.