Ärger um Bootsführerschein Segelclubs im Südwesten laufen Sturm: Prüfungen bald nur noch im Norden?
Alles wird besser, verspricht der Bund bei der Neuregelung des Bootsführerscheins. Doch der Bodensee könnte auf der Strecke bleiben.
Alles wird besser, verspricht der Bund bei der Neuregelung des Bootsführerscheins. Doch der Bodensee könnte auf der Strecke bleiben.
Gerade hat der Segel- und Motorbootclub Friedrichshafen den neuen Kurs für den Bootsführerschein ausgeschrieben. Im Januar soll es losgehen. Vor den Teilnehmern stehen zwölf Theorieabende, ab Ende April geht es dann auf den See. „Das ist für uns die wichtigste Möglichkeit, die Mannstärke im Verein zu halten“, sagt der SMCF-Präsident Ralf Steck. Jährlich ließen sich 20 bis 25 Leute ausbilden. Doch wie viele künftig noch kommen, wenn es in den Kursen nur noch um das Bodenseeschifferpatent geht, weiß er nicht. Am See sind die Liegeplätze knapp, die Möglichkeit, auch anderswo Boot zu fahren, ist für viele Neueinsteiger wichtig. Da könne für den Verein schnell die Existenz auf dem Spiel stehen, glaubt Steck.
Bisher ist der bundesweit gültige Bootsführerschein Teil des Bodenseeschifferpatents. Wer zusätzlich noch eine theoretische Navigationsaufgabe löst, wird sogar Hochsee-tauglich. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Das Bundesverkehrsministerium plant eine Neuregelung des Führerscheinwesens für die Sport- und Freizeitschifffahrt und will alles besser machen. „Wir werden die Vorschriften modernisieren und Bürokratie abbauen“, kündigt der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Christian Hirte (CDU), an. Doch die Verbände befürchten, dass leichtfertig ein bewährtes System zerstört wird -und zudem Deutschlands größtes Binnengewässer sein Prüfrecht verliert.
In einem Referentenentwurf, zu dem gegenwärtig die Verbändeanhörung läuft, verspricht das Ministerium immense Synergiegewinne. Allein für die Bürger reduziere sich der jährliche Zeitaufwand um 180 000 Stunden. Wie diese abenteuerliche Zahl zustande kommen soll, ist vielen allerdings schleierhaft. Denn künftig müssen Interessenten aus Süddeutschland wohl weit reisen müssen. Sogar der Bundesrechnungshof habe das System der Beleihung ausdrücklich als geeignet bezeichnet, sagt der Generalsekretär des Deutschen Segler-Verbandes in Hamburg, Germar Brockmeyer.
Bisher werden Führerscheinprüfungen durch die großen Motorboot- und Segler-Verbände abgenommen, die dafür staatlich beliehen sind, wie das heißt. Am Ende gibt es einen amtlichen Sportbootführerschein. Das Ministerium hält das für überflüssig. Stattdessen sollen „anerkannte Verbände“ Befähigungsscheine ausgeben, die einheitlich bei der Bundesdruckerei bestellt werden müssen.
Für Laien klingt der Unterschied marginal, die Verbände fürchten hingegen, dass der Bootsführerschein künftig zwar professionell aussieht, aber mangels klarer staatlicher Kontrolle weniger Sicherheit im Bootsverkehr bedeutet. „Der Staat zieht sich aus seiner Verantwortung zurück – ein Schritt, der in der deutschen Verkehrspolitik einmalig ist“, fasst Brockmeyer es zusammen.
Vor allem in Baden-Württemberg schrillen die Alarmglocken. Denn künftig sollen die Prüfungen nur noch auf Bundeswasserstraßen abgenommen werden können. Dazu zählen in Baden-Württemberg Teile von Neckar und Rhein, die sich besonders für Segelboote kaum eignen. Der bei Freizeitkapitänen ungleich beliebtere Bodensee fällt hingegen aus, ebenso der Max-Eyth-See in Stuttgart und alle anderen Seen im Südwesten. „Unsere Mitgliedsvereine werden förmlich ausgebremst“, sagt die Präsidentin des baden-württembergischen Segelverbandes, Gabriele Kromer-Schaal. Denn bisher hatten sich vor allem die örtlichen Vereine um die Ausbildung neuer Skipper gekümmert. Darauf basiert ein großer Teil des Vereinslebens.
Auch der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) reagiert mit Unverständnis. Während der Bund den Führerschein fürs Auto zurecht günstiger und einfacher machen wolle, verfahre er beim Bootsführerschein genau umgekehrt. „Ich kann nicht nachvollziehen, dass künftig viele für ihren Sportbootführerschein See nach Norden fahren müssen.“
Generationen guter Bootsführer seien auf dem Bodensee ausgebildet worden. Er werde sich dafür einsetzen, dass dies auch künftig möglich sei, versichert Hermann gegenüber unserer Zeitung. Noch läuft in Berlin die Verbändeanhörung. „Das Ministerium erreichen aktuell zahlreiche Stellungnahmen und Eingaben zum Verordnungsentwurf, die sorgfältig ausgewertet werden“, sagte ein Sprecher des Bundesministeriums. Weitergehend wolle man sich gegenwärtig nicht äußern.
Binnen und Küste
Für Motorboote ab 15 PS und Elektroboote ab 10,2 PS benötigt der Fahrer bisher einen Sportbootführerschein. Es gibt ihn in zwei Variationen: einmal für Binnengewässer, aber auch für Küstengewässer und Schifffahrtsstraßen.
Sonderfall Bodensee
Weil der Bodensee als Voralpensee besonders tückisch ist, wird dort außerdem das Bodenseeschifferpatent benötigt. Dies wird von den Landratsämtern ausgehändigt. In Österreich und der Schweiz gibt es analoge Reglungen.