Ärger um Landtagskandidatur Uwe Hück und das große Missverständnis in Pforzheim

Uwe Hück und die SPD gehen künftig getrennte Wege. Foto: dpa/Christoph Schmidt
Uwe Hück und die SPD gehen künftig getrennte Wege. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Nach nicht einmal zwei Jahren hinterlässt der frühere Porsche-Betriebsratschef in der SPD der Goldstadt einen Scherbenhaufen. Auch seine SPD-Mitgliedschaft beendet Hück – warum, erklärt er in einem dreiseitigen Brief.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)
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Pforzheim - Bei Ehen am Abgrund ist es ja oft so: Am Ende gibt es bei der Einschätzung der Schuld keinerlei Schnittmenge mehr. So klaffen jetzt nach der Trennung auch die Meinungen bei Uwe Hück und der SPD in Pforzheim gewaltig auseinander. Hück beschwert sich über das Beamtendenken und das Ämtergeschacher der SPD und spricht von einer Partei, die ihre Ideale verraten habe. Umgekehrt ärgert sich Jacqueline Roos, die SPD-Fraktionsvorsitzende im Pforzheimer Gemeinderat, dass Hück im Frühjahr 2019 wie ein polternder Messias in die Stadt gekommen sei, aber später nicht einmal die Vorlagen für den Gemeinderat gelesen und eigentlich die Arbeit verweigert habe.

Man muss es wohl so deutlich sagen: Es handelte sich um eine Zwangsehe – und um ein großes Missverständnis.

Jetzt ist diese Liaison zu Ende. Uwe Hück, der frühere Betriebsratschef von Porsche und Freizeitboxer, hat die SPD-Fraktion im Gemeinderat verlassen. Das Mandat will er allerdings behalten; er liebäugelt damit, sich einer anderen Partei anzuschließen, etwa der FDP, denn mit deren Frontmann Hans-Ulrich Rülke, auch ein Polterer vor dem Herrn, verbindet ihn eine Freundschaft.

Hück: Jeder muss von seiner Arbeit leben können

Zudem hat Hück seinen Austritt aus der SPD erklärt, nach 40 Jahren der Mitgliedschaft. „Soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit sind lediglich Lippenbekenntnisse“, heißt es in seinem dreiseitigen Schreiben. Und die SPD werde mit ihrer Politik in die Bedeutungslosigkeit fallen, schiebt er hinterher. Zu den großen Sündenfällen der Partei gehöre die Privatisierung der Pflege, der Kliniken, der Bahn oder der Energieversorger. Sie habe die digitale Transformation verschlafen. Und sie habe es nicht geschafft, dass in Deutschland jeder von seiner Arbeit leben könne. Das sei eine Schande.

Uwe Hück wollte das ändern. Er kommt selbst aus einem prekären Milieu und kann sich bis heute gut in die Sorgen und Ängste jener Menschen hineindenken, von denen man früher sagte, sie gehörten der Arbeiterklasse an. Nach seiner eigenen Lesart hat er genau deshalb im Februar 2019 seinen Job bei Porsche einigermaßen überraschend niedergelegt – er wollte in die Politik gehen. Warum er sich dafür ausgerechnet den Gemeinderat in Pforzheim ausgewählt hatte, das erschließt sich Jacqueline Roos bis heute nicht: „Er hat auch intern dafür nie eine Erklärung gegeben“, sagt sie.

Viele Giftpfeile und Schläge unter die Gürtellinie

Doch schon der Anfang war dann gründlich schief gegangen. Hück hatte mit einer eigenen Liste antreten wollen, weshalb SPD-Landeschef Andreas Stoch und Sigmar Gabriel persönlich nach Pforzheim eilen und Uwe Hück einfangen mussten. So wurde er über Nacht SPD-Spitzenkandidat, obwohl die Liste bereits fertig gewesen war. Diese „Hoppla-jetzt-komm-ich“-Attitüde sorgte für erste Verstimmungen in der Partei. Später holte er junge Leute aus seinem Umfeld in die SPD, die für die Erneuerung sorgen – und ihm eine Hausmacht sichern sollten. Der Kreisvorsitzende Christoph Märlein stürzte darüber, dass er sich auf Hücks Seite stellte. Es gab Giftpfeile und Schläge unter die Gürtellinie. Zum offenen Streit kam es schließlich, als Hück der eigentlich vorgesehenen Kandidatin Annkathrin Wulff den Platz als Kandidat für die Landtagswahl streitig machte.

Am Ende zog Hück zurück, aber da war das Tischtuch längst zerschnitten. Wulff gibt sich im Gespräch moderat, sie sei froh, dass die Wahl ohne Störfeuer verlaufen sei, sagt sie nur. Jacqueline Roos dagegen nimmt kein Blatt vor den Mund: Hück habe mit einer unglaublichen Rücksichtslosigkeit versucht, die Partei von innen her zu sprengen. Und er selbst? Hück hadert nur wenig mit sich: Wenn er gewusst hätte, dass die Pforzheimer SPD ihn nie gewollt hatte, hätte er sich viel Zeit sparen können. Ansonsten ist er froh, raus zu sein aus dieser Partei: „Ich hatte keinen Bock mehr, es ging nur noch um Ämter.“

Mitte Januar will Hück seine politische Zukunft offenbaren

Doch lange die Wunden zu lecken, das ist Hücks Sache nicht. Er will sofort wieder durchstarten – Mitte Januar werde er offenbaren, wie seine politische Zukunft aussieht, kündigt er an. Dabei geht es mit Sicherheit nicht nur um den Gemeinderat in Pforzheim, Hück dürfte höhere Ambitionen haben.

Die SPD in Pforzheim hofft dagegen, endlich in ruhigeres Fahrwasser zu gelangen. Sie war jahrelang bei Wahlen abgestraft worden, hat jetzt nur noch drei Sitze im Gemeinderat. Und nach dem frühen Tod ihres Vordenkers Ralf Fuhrmann vor wenigen Tagen ist sie sowieso orientierungslos. Die stürmische Ehe mit Uwe Hück hat dieser SPD vorerst den Rest gegeben. Auch wenn es seltsam klingen mag: Am Ende ist diese Trennung also für beide Seiten ein furchtbares Glück.

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