Ärger um Wolkenkratzer in Stuttgart Wenn schon Hochhaus, dann in Grün

Von Martin Haar 

Ein geplanter Hotelneubau zwischen Milaneo und Stadtbibliothek erregt den Unmut der Kommunalpolitik. Der Wolkenkratzer, der 2020 fertig sein soll, stellt die preisgekrönte Architektur der Bibliothek in den Schatten.

Der Bezirksbeirat will nach Mailänder Vorbild eine begrünte Fassade. Foto: dpa
Der Bezirksbeirat will nach Mailänder Vorbild eine begrünte Fassade. Foto: dpa

Stuttgart - Im Jahr 2003 wollten Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und der Gemeinderat hoch hinaus. Damals bekam der Antrag, ein Hochhaus im Europaviertel zu bauen, den politischen Segen. Damit wird nun neben dem Tower Cloud 7 und dem Hochhaus der LBBW bald ein drittes Hochhaus an der Heilbronner Straße stehen. Was der Bezirksbeirat Mitte davon hält, war in seiner vergangenen Sitzung zu hören: rein gar nichts.

Wären die Räte mit der nötigen Macht ausgestattet, sie würden den Bau des Wolkenkratzers verhindern. „Was bleibt vom Stadtbild und der Lebensqualität übrig?“, fragte SPD-Bezirksbeirat Matthias Vinçon spitz, „wenn dieser Koloss erst mal steht.“ Weiter fragt er: „Was haben sich die Leute nur gedacht, die so etwas geplant und genehmigt haben?“

Auch Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle legte die Stirn in Falten und beklagte: „Wenn man von der Türlenstraße her kommt, wird keine Bibliothek mehr zu sehen sein. Sie wird von diesem Hochhaus verdeckt.“ Die preisgekrönte Stadtbibliothek gehört inzwischen zu den Attraktionen. Sie steht dann, wie weite Teile des Europaplatzes, im Schatten des Turmes.

Turm am Mailänder Platz soll 2020 fertig sein

Anlass der Diskussion war ein Antrag zur Auslobung eines Architektenwettbewerbs, dem der Bezirksbeirat vor der Beratung im Umwelt- und Technikausschuss des Gemeinderats zustimmen sollte. Auf dem trapezförmigen Grundstück will der Eigentümer und Investor, die Strabag AG, im Sockelgebäude ein Premier Inn Hotel mit mindestens 270 Zimmern und im Turm ein Adina Apartment Hotel mit etwa 180 Appartements bauen. Zusätzlich sollen im Erdgeschoss ein SPA- und Wellness-Bereich sowie zwei bis drei Läden entstehen. Die Mietverträge mit den Hotelbetreibern sind bereits geschlossen. Nun soll im Frühjahr 2018 mit dem Bau des Hochhauses begonnen werden. Mit der Fertigstellung des „Turmes am Mailänder Platzes“ wird im Frühjahr 2020 gerechnet.

Dass an diesem Ort überhaupt noch ein weiteres Hotel entstehen kann, ist den Räten auch aufgestoßen. Denn im Bebauungsplan ist ein Kerngebiet nach Baunutzungsverordnung festgelegt, das Betriebe des Beherbergungsgewerbes nur ausnahmsweise zulässt. Renée-Maike Pfuderer (Grüne) meinte dazu: „Ich war damals schon gegen dieses Projekt. Jetzt können wir es nicht mehr aufhalten, aber einigermaßen lebenswert gestalten.“

Wenn schon hoch, dann aber grün

Diesen Ball von Pfuderer nahm Veronika Kienzle prompt auf: „Ich schlage vor, sie stimmen heute diesem Antrag nur unter der Auflage zu, wenn dort der erste hängende Garten der Stadt entsteht, das Hochhaus komplett begrünt wird.“ Ergebnis: der Bezirksbeirat stimmte geschlossen für den Vorschlag der Bezirksvorsteherin. Nun werden die weiteren Debatten zeigen, wie groß die Einflussmöglichkeiten der Kommunalpolitik in dieser Sache noch sind. Und ob Stuttgart nach dem Vorbild von Mailand einen vertikalen Baum bekommt.

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