Ärgernis Radler in der Esslinger Innenstadt Sind radelnde Rambos nur Einzelfälle?

Knapp überholende Fahrradfahrer werden in den Esslinger Fußgängerzonen bemängelt. Foto: Roberto Bulgrin

Passanten klagen über rücksichtslose Radler in den Esslinger Fußgängerzonen. Die SPD-Fraktion hatte im Juni letzten Jahres eine Anfrage zu diesem Problem an die Stadt Esslingen gerichtet. Die Verwaltung möchte nun mit einer Politik der kleinen Schritte reagieren.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Niemand soll in den Esslinger Fußgängerzonen unter die Räder kommen. Doch Passanten klagen über schnelle, rücksichtslose, knapp überholende Zweiradfahrer. In der öffentlichen Diskussion steht auch ein Radfahrverbot in den FuZos im Raum.

 

Die Stadt Esslingen möchte das Rad nicht neu erfinden und das große Problem mit kleinen Schritten angehen. Die Stabsstelle Mobilität werde ein Nahmobilitätskonzept für den Fuß- und Radverkehr erstellen, teilt Marcel Meier vom Pressereferat mit. Basis dafür sei auch die gerade laufende Bestandsaufnahme des Rad- und Fußverkehrsnetzes in der Stadt: „Auf dieser Grundlage kann dann diskutiert und beurteilt werden, ob und wie das Radfahren in Fußgängerzonen möglich ist.“ Zum Start der Fahrradsaison wird laut dem Stadtsprecher zudem eine „kleine Kampagne“ anlaufen, die zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und gegenseitiger Rücksichtnahme animieren soll: „Weitere Details geben wir bekannt, sobald alle Maßnahmen feststehen.“

Sichere Radparkplätze gefordert

Die SPD-Gemeinderatsfraktion hatte im vergangenen Juni eine Anfrage an die Stadt wegen der von Passanten als gefährlich und problematisch empfundenen Radfahrer gestellt. Die Genossen wollen nun nach Angaben ihres Fraktionsvorsitzenden Nicolas Fink das Nahmobilitätskonzept der Verwaltung abwarten und dann das Thema neu bewerten: „Die SPD-Gemeinderatsfraktion sieht in dem Ausbau von Alternativrouten für Radfahrer sowie dem Ausbau von sicheren Fahrradparkplätzen in der Innenstadt zwei entscheidende Punkte, um mögliche Konfliktbegegnungen zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern zu reduzieren.“

Von einem Radfahrverbot in den Fußgängerzonen hält der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Esslingen nichts. Das sei keine Lösung, solange sichere Radwege im Zentrum fehlten, sagt Friederike Klebes als Referentin des Vorstandes. Es fehle an Alternativwegen für Radfahrer etwa in der Bahnhofs- und der Küferstraße, am Bahnhofsvorplatz oder im Maillepark, aber auch am Merkelpark und an der Maille-Kreuzung. Durch die Zunahme des Radverkehrs und den fehlenden Ausbau des Radnetzes würden die Zweiradfahrer sicher stärker von Fußgängern wahrgenommen: „Das Thema ,rücksichtslose Radfahrer’ kommt immer wieder auf, Die Faktenlage belegt jedoch, dass es sich um Einzelfälle handelt, die nicht mit der Mehrheit der Radfahrenden gleich zu setzen ist.“ Vielmehr würden beide, Radler und Fußgänger, durch das von den Behörden viel zu wenig geahndete, illegale Parken von Autos auf Gehwegen und an Kreuzungsecken behindert und gefährdet.

Probleme an der Inneren Brücke

Vermehrte Probleme mit Radfahrern in den FuZos kann auch Jörg Exner von Fuss Esslingen, einer Initiative zur Verbesserung der Situation von Fußgängern, nicht feststellen: „Im persönlichen Gespräch und über unsere Website wurden uns keine Gefährdungen berichtet.“ Es werde aber immer wieder das Radfahrverbot auf der Inneren Brücke missachtet. Mehr Kontrollen seien nötig. Ein generelles Verbot des Radfahrens in den Fußgängerzonen befürworte Fuss aber nicht, die Öffnung für den Radverkehr werde mitgetragen. Rücksichtnahme sei in den Fußgängerzonen aber besonders durch Radfahrer gefragt: „Sie sind dort nur zu Gast, müssen Zufußgehenden Vorrang lassen und falls nötig auch absteigen und schieben.“

Radfahrer möchte auch Tine Bradley, Geschäftsfrau mit Läden in der Küfer- und der Bahnhofstraße und Mitglied der City Initiative Esslingen, nicht aus den Fußgängerzonen verbannen. Sie seien eine wichtige Kundenklientel, die auch für Besucherfrequenz in der Innenstadt sorgen würden. Nur ganz vereinzelt würden sich Kunden in ihren Läden über rücksichtslose Radler beschweren. Wichtig sei es, wie nun von der Stadt geplant, durch Aktionen auf eine gegenseitige Rücksichtnahme hinzuweisen und den Menschen Flyer mit entsprechenden Hinweisen an die Hand zu geben. Auch bei manchen Radlern sei ein Umdenken nötig, meint Tine Bradley. Viele seien vom Auto auf das E-Bike umgestiegen und müssten beachten, dass mit dem Zweirad eben nicht die gleichen Geschwindigkeiten wie mit dem Pkw möglich wären.

Verbote sind ein Armutszeugnis

Von einem Radfahrverbot hält auch Geschäftsmann Andreas Walter von Heiges Spiel- und Lederwaren nichts. Dagegen spreche schon die Länge der sieben Esslinger Fußgängerzonen. Vom Wolfstor zum Bahnhof seien es 1,2 Kilometer: „Der Marktplatz liegt nicht wie üblich zentral, sondern am Rande der Stadt.“ Die Ritterstraße als jüngste FuZo sei eine breite Autostraße, in der Begegnungen von Fußgängern und Radfahrern kein Problem sein dürften: „Wenn wir nur noch mit Verboten die Zukunft der Stadt regeln können, ist das ein Armutszeugnis und das Ende einer attraktiven Stadt.“

Fahrradfahrer in den Esslinger Fußgängerzonen

Polizei
 Nach Angaben von Polizeipressesprecher Martin Raff waren keine Konfliktsituationen zwischen Radfahrern und Fußgängern in den Esslinger Fußgängerzonen recherchierbar. In der Unfallstatistik ließe sich ebenfalls kein Verkehrsunfall zwischen einem Fußgänger und einem Radfahrer ablesen. Allerdings würden nicht alle Fälle der Polizei angezeigt und bekannt.

Rechtslage
 Grundsätzlich ist in einer Fußgängerzone das Fahrradfahren nur dann erlaubt, wenn das Verkehrsschild „Radfahrer frei“ angebracht ist, teilt Julian Häußler vom ADAC Württemberg mit. Radfahrer müssten jedoch ihre Geschwindigkeit anpassen, also im Schritttempo fahren, und Rücksicht auf die Fußgänger nehmen, da diese in einer Fußgängerzone Vorrang haben. Umfrage
Der ADAC hat Ende 2023 Bewohner aus den jeweils größten Städten aller 16 Bundesländer zu Unsicherheitsfaktoren im Straßenverkehr befragt. Auf Platz eins rangierten in Stuttgart mit 64 Prozent die E-Scooter. Auf Platz zwei folgten mit 58 Prozent Radfahrer, wenn sie mit zu geringem Abstand überholen und beim Überholen nicht oder zu spät klingeln.

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