Ärztemangel in Stuttgart Wachsende Konkurrenz um Ärzte und Praxispersonal

Niedergelassene Ärzte werden mehr und mehr zur Mangelware. Foto: dpa/Daniel Karmann

Bei den Hausärzten zeichnet sich eine Mangelsituation ab, nicht nur auf dem Land, auch in Stuttgart. Inzwischen gibt es einen wachsenden Wettbewerb um Fachkräfte bei Ärzten wie beim nichtärztlichen Personal zwischen Niedergelassenen, Kliniken und öffentlichen Einrichtungen.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Die Zahl der Hausärzte nimmt auch in Stuttgart ab. Johannes Fechner, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg, sagt, die Lage werde sich bald „dramatisch verschärfen“. Es fehlt nicht nur am Ärztenachwuchs, auch nichtärztliches Personal wie Medizinische Fachangestellte (MFA). Die Praxen konkurrieren um Personal mit Kliniken und anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens. „Die saugen uns die Leute weg“, sagt Markus Klett, der Vorsitzende der Stuttgarter Ärzteschaft.

 

Wie entwickeln sich die Zahlen?

Die Datenlage ist schwierig. Das Statistische Amt der Stadt hat mit der KV den Stand der ärztlichen Versorgung in Stuttgart ermittelt. Laut dem Statistischen Landesamt ist die Zahl der Allgemeinärzte von 2010 bis 2020 um 19 Prozent zurückgegangen. Die KV hingegen führt die Ärzte nach Fachgruppen und Köpfen. Danach ist die Zahl der Hausärzte in zehn Jahren nur wenig von 392 auf 387 gesunken. Doch die Kopfzahl ist begrenzt aussagekräftig, denn der Teilzeitanteil hat auch bei den niedergelassenen Medizinern stark zugenommen, nicht nur, aber auch wegen des wachsenden Frauenanteils. Das reduziert die verfügbare Arztzeit.

Gibt es freie Arztsitze?

Während die Zahl der Hausärzte tendenziell abnimmt, haben die Internisten (2020 insgesamt 88, im Jahr 2022 dann 99, also plus 11), die Frauenärzte (von 111 auf 116, plus fünf) und sogar die Kinderärzte (von 61 auf 66, plus fünf) zumindest nach Köpfen in den vergangenen beiden Jahren in Stuttgart wieder etwas zugelegt. Wie viele Hausarztsitze derzeit frei sind, kann die KVBW aber nicht sagen. Diese Zahl wird nur für den sogenannten Mittelbereich erfasst, zu dem neben Stuttgart auch Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen, Ditzingen und Korntal-Münchingen zählen. Hier gibt es 442 belegte und 42 freie Hausarztsitze.

Wie ist die ärztliche Versorgung?

Zwar gibt es eine „Bedarfsplanung“ seit den frühen 90er Jahren, nur wurde der Bedarf nie berechnet, nur „der Status quo eingefroren“, sagt Fechner. Dabei haben sich die Verhältnisse seither völlig verändert. Die tatsächliche ärztliche Versorgung werde „durch die Bedarfsplanung nicht abgebildet“, so Fechner. Heute weniger denn je. Die Menschen werden älter, brauchen viel öfter einen Arzt, sie gehen allgemein unabhängig vom Alter viel häufiger zum Doktor. Die medizinischen Möglichkeiten und Behandlungsformen sind komplexer geworden, die Anforderungen an die Ärzte fachlich wie wirtschaftlich stark gestiegen. Als Faustregel gilt: Wegen der kürzeren Arbeitszeiten müssen zwei niedergelassene Ärzte, die aus Altersgründen ausscheiden, durch drei nachrückende angestellte Ärzte ersetzt werden.

Wo sind die Defizite am größten?

Vergleicht man die in der Bedarfsplanung errechneten Versorgungsgrade für die ärztlichen Fachgruppen, zeigt sich: In den meisten Fällen liegen die Werte in Stuttgart deutlich oder sehr deutlich über der entscheidenden 110-Prozent-Marke (dazu der Beitrag unten). Die Hausärzte haben hier mit einem Versorgungsgrad von 100,5 Prozent einen sehr niedrigen Wert. Kinder- und Jugendärzte, bei denen ein anerkannter Mangel besteht, kommen auf 109,6 Prozent. Eklatant ist das Defizit nach dieser Rechnung mit 65,9 Prozent nur bei den niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern. Aber selbst bei rechnerischer Überversorgung gebe es bei vielen Ärzten „trotzdem keine Termine“, sagt Fechner. Bei der KV-Terminservicestelle zeige sich, dass der Bedarf etwa an niedergelassenen Neurologen, Psychiatern, Gynäkologen sowie Kinder- und Jugendärzten in der Planung sehr unrealistisch abgebildet sei.

Warum fehlen niedergelassene Ärzte?

Was tun? Selbst bei Hausärzten oder Kinderärzten, wo sich noch Mediziner niederlassen können, fehlen Bewerber. „Es sind immer weniger junge Ärzte auf dem Markt“, sagt der KV-Vizevorstand. Und warum? Fechner sagt, die Gesundheitspolitik habe die Tätigkeit des niedergelassenen Arztes „immer unattraktiver gemacht“. Eine Hauptursache für die Knappheit des Ärztenachwuchses sei, „dass die Krankenhäuser – die Brutstätte für junge Ärzte – die selber brauchen“, sagt der KV-Vorstand. Dazu haben auch Verbesserungen der Arbeitsbedingungen geführt, insbesondere die Reduzierung von Nacht- und Bereitschaftsdiensten. Seither brauchen die Kliniken mehr Ärzte. Laut der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) ist in den Jahren 2010 bis 2020 die Zahl der Ärzte in den Kliniken im Land um 6421 auf 25 253 gestiegen, das entspricht 34,1 Prozent. Der Teilzeitanteil betrug bei dem Zuwachs knapp 30 Prozent.

Was macht die Klinik attraktiv?

Noch etwas hat die Attraktivität der niedergelassenen Praxis im Vergleich mit der Klinik gesenkt: In den vergangenen 15 Jahren habe es „relevante Gehaltssteigerungen“ für die Klinikärzte gegeben, sagt der BWKG-Hauptgeschäftsführer Matthias Einwag. Die sinkende Gehaltsdifferenz führe dazu, dass viele junge Mediziner „lieber im Krankenhaus“ arbeiten, erklärt Fechner.

Und der KV-Vize findet, „dass die jungen Mediziner schon an den Universitäten falsch ,gepolt’ werden“. Dort gelte der Facharzt als „groß und gut. Dabei ist der Hausarzt die Königsdisziplin“, sagt Fechner. Heute seien 60 Prozent der Mediziner Fachärzte, aber nur 40 Prozent Hausärzte. Dabei sollte das Verhältnis eigentlich umgekehrt sein. Auch deshalb gibt es im Südwesten „rund 600 freie Hausarztsitze“, erklärt Fechner. Und es werden mehr: In Baden-Württemberg sind 38,5 Prozent der Hausärzte älter als 60 Jahre, in Stuttgart 39,3 Prozent.

Fehlt auch nichtärztliches Personal?

Und nicht nur Kliniken, auch die Gesundheitsämter suchen Ärzte und Medizinische Fachangestellte (MFA). Ebenso der Medizinische Dienst der Krankenkassen, der Niedergelassene und Kliniken kontrolliert und der in den vergangenen Jahren sehr stark ausgebaut worden ist. „Die Fehlen in den Praxen“, sagt Fechner. Matthias Einwag spricht von einer wachsenden „Misstrauensbürokratie“, die dann aufseiten der Kliniken das Medizincontrolling verstärke, das auch „viele teuer ausgebildete Ärzte beschäftigt“. Im Verband frage man inzwischen, „ob wir in dem System nicht ein Reset brauchen – so kann es nicht weitergehen“, kritisiert der BWKG-Hauptgeschäftsführer. Inzwischen wird auch der Mangel an medizinischen Fachkräften ein wachsendes Problem für die niedergelassenen Ärzte. In Stuttgart habe schon eine Praxis schließen müssen, weil es an MFAs gefehlt habe, berichtet Fechner. Und die Suche nach Auszubildenden ist in diesem Jahr offenbar sehr schwierig. Das erlebt auch der Vorsitzende der Stuttgarter Ärzteschaft, Markus Klett. „Ich habe in diesem Jahr keine Auszubildende“, sagt der Hausarzt. „Das erste Mal in 40 Jahren.“

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