Ärzteversorgung im Kreis Böblingen Wegen Kinderarztmangel – „Manche Mütter müssen wir weinend wegschicken“

Die haus- und kinderärztliche Versorgung ist vor allem in Böblingen und Sindelfingen angespannt. Foto: dpa/Archiv

Das „Seecarré“ in Böblingen, ein Versorgungszentrum von Haus- und Kinderärzten, arbeitet mit angestellten Medizinern. Den Ärztemangel in Böblingen/Sindelfingen spürt man auch hier.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Hell und modern wirkt die Praxis, an den Wänden hängen Fotos verschiedener Orte in Böblingen, die Wartezimmer sind übersichtlich belegt. In der Haus- und Kinderarztpraxis „Seecarré“ in Böblingen läuft am Dienstagvormittag alles nach Plan. Doch ganz so heil ist die Welt nicht in dem 2024 eröffneten Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ). Längst sind auch hier die bekannten Schwierigkeiten des Gesundheitssystems angekommen.

 

Am Dienstag hatte das Praxispersonal Gelegenheit über Themen aus seinem Alltag mit der Co-Vorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Baden-Württemberg, Susanne Bublitz, und dem Böblinger Landtagsabgeordneten und -kandidaten Florian Wahl (SPD) zu sprechen. Bublitz und Wahl wollten von den Angestellten hören, wo der Schuh drückt, was gut läuft und wie die Rahmenbedingungen verbessert werden können.

Personalmangel ist deutlich zu spüren

Praxismanagerin Aynur Tuzgül bringt die Probleme schnell auf den Punkt: „Wir spüren den Fachkräftemangel. Es fehlt an Kinderärzten und Medizinischen Fachangestellten (MFA).“ Aktuell verfüge die Praxis über zwei Kinderärztinnen, die selbst Mütter sind und in Teilzeit arbeiten. Da sich eine weitere Ärztin in Elternzeit befindet und eine in Rente gegangen ist, ist die Lage angespannt.

Susanne Bublitz (links) im Gespräch mit Ligia-Teodora Ludwig und Florian Wahl (rechts). Foto: Dudenhöffer

Die fehlenden Kapazitäten im Bereich der Kinderärzte haben Folgen: Seit August 2025 können im Seecarré keine neuen Patienten mehr aufgenommen werden. „Immer häufiger haben wir weinende Mütter am Telefon, die einen Kinderarzt suchen und die wir abweisen müssen. Ich kann sie dann nur an die Kassenärztliche Vereinigung verweisen“, erzählt Aynur Tuzgül.

Die im Hohenlohe-Kreis praktizierende Hausärztin Susanne Bublitz weist auf eine Notlösung hin: „Wir Hausärzte dürfen auch Kinder behandeln. Vielleicht ist diese Info für manche Eltern hilfreich.“ In der „Seecarré“-Praxis würden bereits einige Jugendliche ab 16 Jahren statt von Kinder- von Hausärzten betreut.

Eine Verbesserung der Situation ist nicht zu erwarten: In Sindelfingen schließt mit Helmut Gulde altersbedingt ein Kinderarzt seine Praxis, weitere werden folgen.

Als angestellte Ärztin hat man mehr Zeit für Patienten

Die Ressourcen bei der allgemeinmedizinischen Versorgung sind dagegen noch nicht ausgeschöpft. Deshalb und weil das Angestelltenverhältnis wieder mehr ärztlichen Spielraum gebe, können Hausärzte wie Ligia-Teodora Ludwig sich auf ihre Patienten konzentrieren. Das war früher anders: „Ich hatte eine eigene Praxis, musste mich aber mit immer mehr Verwaltung und immer weniger Medizin befassen. Wenn die EDV nicht funktionierte, war ich als Praxis-Inhaberin gefordert. Ich war zu 40 Prozent Ärztin und zu 60 Prozent Verwaltungskraft.“

Prekär geht es auch im Bereich der Medizinischen Fachangestellten (MFA) zu. „Ideal wäre, wenn ich mehr als die aktuell sieben MFA hätte, am besten auch in Vollzeit,“ sagt Tuzgün.

Die Suche nach neuem Personal gestalte sich aber schwierig – aus mehreren Gründen, wie die Praxismanagerin betont: „MFA werden noch immer zu niedrig bezahlt. Wenn man sieht, was man im teuren Kreis Böblingen verdienen muss, um Mieten oder Kita-Gebühren zu bezahlen, reicht das nicht.“ Ebenfalls erschwerend hinzu komme die Konkurrenz durch die Kliniken.

Böblingen und Sindelfingen kämpfen mit Versorgungsproblemen

Die Versorgungslage bei den Haus- und Kinderärzten ist vor allem in den großen Kreisstädten ein Problem. Wahl sieht Böblingen/Sindelfingen auch deshalb im Nachteil zu ländlichen Strukturen, weil im urbanen Bereich mehrere Aspekte zusammenkämen: „Die Städte sind schnell stark gewachsen und wegen des wirtschaftlichen Erfolgs immer teurer geworden. Außerdem gehen oder gingen viele Praxisinhaber in den Ruhestand.“

Eine alternde Gesellschaft, hohe Kassenbeiträge und der Fachkräftemangel – die Liste an Herausforderungen ist lang. Dem müsse man mit einem Maßnahmenbündel begegnen. Ein paar davon nennt Susanne Bublitz: „Wir brauchen in den Praxen günstige Rahmenbedingungen für Weiterbildungsassistenten, also junge Mediziner. Außerdem braucht es interprofessionelle Teams – Stichwort Versorgungsassistenten.“ Versorgungsassistenten sind medizinische Fachkräfte, die Aufgaben wie Präventions- und Aufklärungsgespräche, Überprüfung von Vitalwerten oder die Wundversorgung von Patienten übernehmen können.

Die Hausärztin plädiert auch für weniger Kliniken. Wahl unterstreicht unterdessen, wie wichtig es sei, dass in Baden-Württemberg noch vergleichsweise viele Krankenhäuser in kommunaler Hand sind.

Sollen Kommunen intervenieren, um die Versorgungslage zu verbessern?

Ob Programme zur Förderung von Praxisniederlassungen, wie Sindelfingen sie angestoßen hat, helfen können, davon ist Bublitz noch nicht restlos überzeugt: „Es kann eine Idee sein.“ Nützlicher als ein zinsloses Darlehen wäre nach Meinung der Verbandsfunktionärin eine Unterstützung bei den liquiden Mitteln: „Viele junge Kollegen wissen nämlich in den ersten Monaten gar nicht, ob sie und ihre Familie mit dem erwirtschafteten Gehalt auskommen können.“

Allen Problemen zum Trotz – Florian Wahl will auch die guten Seiten im Gesundheitssystem nicht unerwähnt lassen: „Wir haben unzählige Fachkräfte, die sich leidenschaftlich und teils über ihr Limit hinaus engagieren. Viele Bretter, die wir hier zu bohren haben, sind dick. Aber ich möchte auch betonen: Die Probleme sind alle lösbar.“

Versorgungsgrade im Kreis Böblingen

Hausärzte
Die Kassenärztliche Vereinigung (KVBW) rechnet für Böblingen/Sindelfingen mit einem Versorgungsgrad bei 91,9 Prozent. Im Jahr 2024 waren laut KVBW 220 Hausärzte im Kreis niedergelassen. 36 Prozent sind 60 Jahre oder älter. 23,5 Hausärzte könnten sich noch niederlassen, bis es zu einer Sperre käme. Formal liege laut KVBW keine Unterversorgung vor.

Kinderärzte
Der Versorgungsgrad im Bereich Kinder- und Jugendärzte liegt kreisweit bei 101,4 Prozent. 2024 waren laut KVBW 33 Kinderärzte niedergelassen. 33 Prozent sind 60 Jahre oder älter. Laut KVBW könnten sich 2,5 Kinderärzte niederlassen, bis es zu einer Sperre käme. Formal liege auch hier keine Unterversorgung durch Kinderärzte vor.

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