Ärzteversorgung in Sindelfingen Stadt lockt Ärzte mit einer Finanzspritze

Der Mangel an niedergelassenen Ärzten bereitet vielen Kommunen Kopfzerbrechen. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Sindelfingen erhöht das zinslose Darlehen, um Mediziner zur Niederlassung zu bewegen. Droht hier ein Überbietungswettbewerb von Kommunen im Ringen um die ärztliche Versorgung?

Familien, die neu nach Sindelfingen ziehen, haben derzeit große Probleme, einen Kinderarzt zu finden, der sie aufnimmt. Künftig wird sich dieses Problem wohl noch verschärfen. Im April geht einer der drei niedergelassenen Pädiater in den Ruhestand. Einen Nachfolger für seine Praxis hat er bisher nicht gefunden. Mehrere Interessenten sind wieder abgesprungen. „Wenn innerhalb eines Jahres niemand die Praxis übernimmt, geht der Kassensitz für Sindelfingen verloren“, warnte Birgit Wohland-Braun in der Gemeinderatssitzung am Dienstag. Die SPD-Rätin ist Ärztin und kennt sich aus im Gesundheitswesen. Heidrun Struckmann-Walz von der CDU sprach von einem gravierenden Standort-Nachteil für Sindelfingen durch den Mangel in der kinderärztlichen Versorgung.

 

Zwei Ärzte haben das Angebot bisher angenommen

Doch nicht nur bei den Experten für Kindermedizin gibt es Probleme. Auch in anderen Bereichen gibt es einen erheblichen Stau bei der Patientenaufnahme. „Auch ich habe bisher keinen Hausarzt in Sindelfingen gefunden, der mich aufnimmt“, berichtete der neue Oberbürgermeister Markus Kleemann (CDU), der seit drei Monaten in der Stadt wohnt. Deshalb hatte das Gremium bereits vor zwei Jahren beschlossen, mit einem zinslosen Darlehen Ärzten bei Übernahme einer Praxis unter die Arme zu greifen.

Zwei Ärzte hätten das Angebot seither angenommen, berichtete der erste Bürgermeister Christian Gangl dem Rat, beide aus dem Bereich Hausarzt/Allgemeinmedizin. Bis zu 70 000 Euro sah die bisherige Regelung für neue Ärzte vor. Am Dienstag beschloss der Sindelfinger Gemeinderat nun eine Erhöhung auf bis zu 100 000 Euro pro Arzt. Profitieren können von diesem Angebot Haus- und Fachärzte, nicht jedoch Zahnärzte, Heilpraktiker und Tiermediziner. Einen nichtrückzahlbaren Zuschuss zu gewähren, wie es zwischenzeitlich im Gremium diskutiert wurde, lehnten die Stadträte jedoch ab. Andere Städte wie Stuttgart praktizieren das. „Ärzte verdienen gut. Wenn wir ihnen einen Zuschuss geben, fragen andere Selbstständige, warum wir das nicht auch ihnen gewähren“, sagte Ulrich Hensinger von den Grünen. Er warnte auch „vor einem Überbietungswettbewerb mit anderen Kommunen“ bei der Ansiedlung von Arztpraxen.

Geändert wurden auch die Richtlinien für die Inanspruchnahme des zinslosen Darlehens. Bisher waren nur 20 000 Euro Darlehen für Investitionen in Praxisräume und medizinische Geräte vorgesehen. Doch manche Praxis, die ein junger Mediziner übernehmen möchte, ist veraltet und erfordert hohe Investitionen. Das schreckt so manchen Interessenten ab. Deshalb wurde das Darlehen für Investitionen in Räumlichkeiten und Geräte auf 50 000 Euro erhöht. Weitere 50 000 Euro können bei Übernahme einer Praxis und des Patientenstamms oder für die Anstellung eines weiteren Arztes in einer bestehenden Praxis gewährt werden. Damit sollen beispielsweise Praxen gefördert werden, in denen ein älterer Arzt seinen Nachfolger über einen gewissen Zeitraum einarbeiten kann, bevor er ausscheidet.

Geld ist nicht alles – die Lage der Praxis ist ebenfalls wichtig

Mit zwei Gegenstimmen der AfD beschloss der Sindelfinger Gemeinderat das verbesserte Förderprogramm zur Ansiedlung von Ärztinnen und Ärzten in der Stadt. Mit dem zinslosen Darlehen sei es aber nicht getan, betonten mehrere Räte. Um die medizinische Versorgung der Bürger auch in Zukunft zu sichern, seien verschiedene Maßnahmen notwendig. „Auch die Lage der Praxis und ob es Parkplätze für die Mitarbeiter gibt, spielt eine große Rolle bei einer Ansiedlung“, sagte Michael Reinert von der FDP. Verbessert werden müsste auch das Angebot an Wohnungen sowie die Kinderbetreuung, um junge Ärzte anzulocken, forderten mehrere Räte.

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