Ärztliche Versorgung im Südwesten Hausarzt ist längst kein Traumjob mehr

Von red/ dpa/ lsw 

Die Wartezimmer sind meist proppenvoll, die Dankbarkeit der Patienten groß. Aber Lust aufs klassische Hausarzt-Dasein haben viele Mediziner nicht mehr. Ein komplexes Problem, für das es die eine Lösung nicht gibt. Nur eins ist klar: So wie früher wird es nicht mehr.

Kaum noch jemand möchte Hausarzt werden. Gemeinden haben damit zu kämpfen (Symbolbild). Foto: imago/Westend61/zerocreatives
Kaum noch jemand möchte Hausarzt werden. Gemeinden haben damit zu kämpfen (Symbolbild). Foto: imago/Westend61/zerocreatives

Hermaringen/Stuttgart - Jürgen Mailänder, parteiloser Bürgermeister von Hermaringen (Kreis Heidenheim), hat in seiner Amtszeit bisher alles versucht. Er hat einen Headhunter engagiert, er probierte es über Kontakte zum Klinikum, der Kreisärzteschaft und zu den Fachverbänden. Die kleine Gemeinde mit ihren 2200 Einwohnern lockt mit einer Apotheke und einem nagelneuen, bald fertiggestellten Gesundheitszentrum, in dem die Stadt Praxisräume kaufen will. Sie wirbt mit Supermarkt, Metzger, Bäcker, Tankstelle, Sparkasse, Volksbank, Post, Senioren- und Pflegezentrum mit 84 Plätzen nebst stationiertem Rettungswagen. Sogar eine Tätigkeit als angestellter Arzt bei einer Praxis im Nachbarort ohne Risiko der Selbstständigkeit wäre möglich. Alles bisher vergeblich, seufzt Mailänder. Hermaringen ist seit 13 Jahren ohne Arzt.

Erst drei oder vier Interessenten gab es bisher, aber daraus geworden ist nichts. Zuletzt hatte Mailänder im vergangenen Jahr einen jungen Arzt an der Angel. „Aber der bekam ein verlockenderes Angebot aus der Schweiz“, sagt der Rathauschef. Und weg war der Arzt.

600 offene Hausarztstellen im Land

Hausarztmangel gibt es zwar überall im Land, verteilt sich regional aber sehr unterschiedlich: So manche Region ist über-, so manche unterversorgt. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) gibt es im Land rund 600 offene Hausarzt-Sitze (Stand Oktober 2019). Aber mit Zahlen ist das so eine Sache. Denn eigentlich hat das Land mehr als genug (Haus)Ärzte für eine 100-Prozent-Versorgung. Nur dass halt nicht alle immer genau dort ihre Praxis haben, wo Bedarf wäre, sagt ein KVBW-Sprecher.

Am schwersten haben es dabei oftmals Regionen jenseits der Ballungsgebiete: Im Ostalbkreis, in manchen Schwarzwald-Regionen, im Landkreis Tuttlingen sind nicht wenige kleinere Orte ohne eigenen Arzt. Viele suchen über Portale - so weist der Hausärzteverband aktuell 65 Inserate von Praxen aus, die einen Nachfolger suchen. Zudem werben 22 Kommunen ihrerseits auf der Online-Hausarzt-Börse aktiv um einen Arzt für ihre Stadt.

Das Sozialministerium listet für sein gerade aufgestocktes Landarzt-Förderprogramm aktuell 232 sogenannte akute Förderregionen auf - also Gemeinden, in denen weniger als 75 Prozent der dort eigentlich benötigten Ärzte die Bevölkerung versorgen. Laut dem Versorgungsbericht 2019 der KVBW gibt es in Baden-Württemberg knapp 7100 Hausärzte. Davon waren um die 36 Prozent, also gut 2500 Mediziner, über 60 Jahre alt. Mehr als 1300 davon waren älter als 65 Jahre. Auf zwei in Ruhestand gehende Ärzte müssten rechnerisch drei neue folgen, um den Versorgungsumfang zu erhalten, heißt es aus dem Sozialministerium. Aber die Nachfolgesuche ist schwer. Der Allgemeinmediziner Konrad Zeeb aus Unlingen (Kreis Biberach) sucht seit Jahren, „kein interessierter Nachwuchs vorhanden“, bescheidet er knapp. „Wer will außerdem noch auf einem Dorf wohnen?“

Patienten müssen in Nachbargemeinden ausweichen

An solchen Problemen hätten Ärzte früher durchaus auch Mitschuld gehabt, erzählt der Allgemeinarzt Herwig Fichtl, der 1992 die Praxis seines Vaters in Langenenslingen (Kreis Biberach) übernahm. „Lange taten sie so, als ob alles nur Arbeit und schlechter Verdienst wäre, aber es geht uns allen ja gut.“ Die ersten zehn Jahre habe er zwar eine 80-Stunden-Woche gehabt, es aber keine Sekunde bereut, hierher gekommen zu sein. „Die Menschen hier sind entspannter, kommen nicht gleich mit der Google-Diagnose an und man wird wertgeschätzt.“ Von den Kindern, die der 60-Jährige heute betreut, habe er schon die Eltern als Patient gehabt. „Das sind fast freundschaftliche Beziehungen.“

Es sei aber auch kein Geheimnis, dass so mancher junger Kollege inzwischen eine Anstellung in einem Medizinischen Versorgungszentrum bevorzuge. „Da hat man dann nicht die ganze Bürokratie an der Backe.“ Wer nicht über persönliche Kontakte, sondern nur über offizielle Stellen nach einem Nachfolger suche, werde es auch in Zukunft schwer haben, prophezeit er. Es ist Geduldsache, sagt dazu der Hausärzteverband Baden-Württemberg. „Zwischen ein und drei Jahren dauert die Suche mindestens.“

Und wenn das nicht klappt, wie das vor etwa vier Jahren dem Hausarzt in der Gemeinde Schlat (Kreis Göppingen) passierte, müssen die Bürger in die dadurch sehr vollen Praxen der Nachbargemeinden ausweichen, erklärt Bürgermeisterin Gudrun Flogaus (parteilos). Sie ist gerade im Gespräch mit einem jungen Arzt, der sich vielleicht doch noch niederlässt in dem kleinen 1700-Einwohner-Ort. Oder es findet sich ein Arzt, der sich im benachbarten Göppingen oder Eislingen im Gesundheitszentrum anstellen lässt und Schlat mitversorgt, hofft sie.

Telemedizin ist keine Lösung

„Insgesamt haben wir eine Tendenz zur Konzentration“, erklärt der KVBW-Sprecher. „Das bedeutet weniger, aber größere Praxen.“ Nicht immer die schlechteste Lösung, sagt er, da dann zwar nicht unbedingt ein Arzt in jeder Gemeinde vor Ort ist, dafür den Bürgern aber längere Öffnungszeiten oder ein größeres Versorgungsangebot zur Verfügung stehen. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich die Zahl der Großpraxen im Südwesten auf rund 400 vervierfacht.

Die Landarztquote, die auch im Südwesten kommen soll, wird die Situation laut KVBW ganz klar nicht verbessern. Dabei sollen sich Studenten verpflichten, nach ihrem Examen in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Doch abgesehen davon, dass das noch Jahre dauere, liege das Problem nicht in zu wenig Hausärzten an sich, sondern in der sinkenden Arztzeit: Immer mehr Mediziner arbeiten angestellt und in Teilzeit.

Die Lage werde sich verschärfen, sagt der Sprecher. Die Telemedizin, die der Landesverband als einziger bundesweit anbietet, könne da ein Anfang, aber keine Lösung sein. „Die Nachfrage steigt“, sagt er. Aber der Arzt vor Ort sei damit nicht zu ersetzen.

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