AfD-Ortsverband Schönbuch wollte Immobilie verkaufen Nachlässiger Umgang mit Erbschaft steht im Raum

Dieses Haus sollte für 800 000 Euro unter den Hammer kommen. Wert ist es mehr. Foto: Stolte

Querelen um eine Immobilie der AfD im Schönbuch: Parteimitglieder zerstreiten sich um den Verkaufspreis, der Testamentsvollstrecker berichtet von einem völlig anderen Willen des Verstorbenen.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Sie waren Freunde fürs Leben. Als der eine, den Tod vor Augen, fragte, ob der andere sein Testamentsvollstrecker werden wolle, sagte er andere ohne zu zögern „Ja“. Hätte Thomas Heim gewusst, dass sein Freund alles an die AfD vererben würde und dass er mit dem Landesvorstand der AfD, damals noch unter Alice Weidel, und dem ehemaligen Vorsitzenden des Ortsverbands Schönbuch aneinandergeraten würde, dann hätte er „Nein“ gesagt.

 
AfD-Sprecher Emil Sänze zusammen mit Alice Weidel, der AfD-Kanzlerkandidatin Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Eng verbunden waren die beiden Freunde in einem Dorf aufgewachsen in den sechziger und siebziger Jahren. Wo man sich half, wo man aufeinander achtgab. Als Thomas Heims Eltern allzu früh starben, kümmerte sich der ältere Freund um ihn. Kochte für ihn in der Gastwirtschaft, half ihm beim Modellbau-Hobby, vielleicht so wie ein älterer Bruder. Dieser ältere Freund war ein exzellenter Mechaniker in einer alteingesessenen Elektronikfirma. Der jüngere, Thomas Heim, ist heute ein respektierter Handwerker und Gastwirt in dem Dorf mit seinen rund 5200 Einwohnern, Walddorfhäslach im Kreis Reutlingen.

Er hatte Großes vor auf der Baustelle

Sie hatten damals gegen die Enge ihres Dorfes rebelliert und blieben doch darin wohnen, denn irgendwann brachten die meisten ihr Leben auf das bürgerliche Gleis. Thomas Heim gründete eine Familie, der ältere blieb kinderlos. Sie bauten ihre Häuser und wieder halfen sie sich gegenseitig, wie das halt so ist auf dem Dorf, mit Rat und Tat, mit Werkzeug und mit Arbeitskraft. Der ältere der beiden Freunde hatte Großes vor auf seiner Baustelle.

Er errichtete ein Dreifamilienhaus mit höchstem Energiestandard: Dreifachverglasung, Solaranlagen. Besonderer Clou war der naturbelassene Feuchtkeller, in dem man Kartoffeln und Gemüse lagern kann, so wie früher in den alten Bauernhäusern. Das Haus beherbergt drei Wohnungen. Wert heute zwischen 1,2 und 1,3 Millionen Euro, schätzt Thomas Heim.

Seit acht Jahren dauert die Erbschaftsgeschichte

Sein älterer Freund war ein grundsolider, ehrlicher, aber auch eigenwilliger Mann, sagt Thomas Heim. Er war ein starker Raucher und bekam früh Lungenkrebs. Thomas Heim war bei ihm, bis zuletzt, im Frühjahr 2017. Seit knapp acht Jahren also hat Thomas Heim mit dieser Erbschaftsgeschichte zu tun.

Im Internet findet man eine Broschüre, mit der die Partei dafür wirbt, der AfD das Erbe ganz oder zum Teil zu übertragen: Es werden Mustertestamente aufgeführt, mit denen der Erblasser alle früheren Testamente widerruft und die Partei zum Begünstigten erklärt. Außerdem heißt es: „Mit einem persönlichen Testament haben Sie die Gewissheit, dass Ihr Nachlass so verwendet wird, wie es Ihnen sinnvoll und richtig erscheint. Nur so können Sie verhindern, dass mit Ihrem Nachlass Dinge geschehen, die Sie nicht beabsichtigt haben“.

Der Wunsch des Verstorbenen sei es gewesen, die Immobilie der Partei zu überlassen und mit den Mieteinnahmen aus den drei Wohnungen der AfD eine ständige verlässliche Einnahme zu gestalten, sagt Thomas Heim. Die AfD indessen wollte die Immobilie verkaufen. Darum gekümmert hatte sich zunächst Friedrich Wurster aus Holzgerlingen im Auftrag für die Firma Immobilien Wohnart aus Filderstadt. Friedrich Wurster war einst auf der Schönbuchlichtung für die Partei aktiv und hatte 2019 auf der Holzgerlinger Liste für den Kreistag kandidiert, kurzzeitig war er auch Vorstandsmitglied im Ortsverband Schönbuch. Inzwischen hat er aber nichts mehr mit der Alternative für Deutschland am Hut und ist aus der Partei ausgetreten.

Verkauf zwei Tage vor dem Notartermin abgesagt

Die Inhaberin von Immobilien Wohnart ist Carola Beck, die auch Baugutachten anfertigt. Im Jahr 2020 hatte sie zwei je dreiseitige Schätzungen für das Objekt erstellt. Eine Schätzung ergab rückwirkend für das Jahr 2017 einen Wert von 680 000 Euro und eine Schätzung für das damals laufende Jahr 2020 ergab einen Wert von 980 000 Euro. Mit diesem Preis wurde das Objekt auf den Markt gebracht, jedoch ohne Erfolg. Als das Dreifamilienhaus schließlich für 800 000 Euro verkauft werden sollte, habe der Landesverband der AfD den Kauf zwei Tage vor dem Notartermin abgesagt, berichten Beck und Wurster.

Das fanden weder Friedrich Wurster noch Carola Beck gut. Die daraus entstandenen Kosten, einschließlich der Notarkosten, seien Gegenstand eines Gerichtsverfahrens, schreibt Carola Beck. Dazu kommt ein Streit um Mieteinnahmen, die von der Immobilien Wohnart einbehalten wurden, oder, wie es das Landgericht Stuttgart ausdrückt, um die Auskehrung von Mieteinnahmen und widerklagend um Schadensersatz. Am 12. Juni 2024 gab es eine mündliche Verhandlung, „nach welcher auf Antrag beider Parteien das Ruhen des Verfahrens beschlossen wurde“, schreibt eine Pressesprecherin des Landgerichts. Bei der AfD sieht man die Sache allerdings ganz anders: „Es hat niemals einen Maklervertrag mit der Immobilien Wohnart gegeben“, insistiert Emil Sänze, der Landessprecher der AfD.

„Ohne unser Wissen hatte die Firma damals eine Kaufoption an einen Dritten ausgesprochen. Bei den Immobilien-Preisen damals wäre doch das Objekt für 800 000 Euro geradezu verschleudert gewesen. Da wurde ein wertmindernder Wasserschaden angeführt, den es so nicht gegeben hat“, sagt Emil Sänze weiter.

Streitwert aus Mieteinnahmen beträgt 23 000 Euro

Außerdem habe die Firma Immobilien Wohnart die Mieteinnahmen auf ihr eigenes Konto umgeleitet, so dass der AfD jetzt 23 000 Euro in der Kasse fehlen, was eben der Gegenstand des ruhenden Rechtsstreites mit der Immobilien Wohnart ist. Überdies sei das Haus der AfD damals zur freien Verfügung vererbt worden. Der Verkauf sei deswegen die einzige Option, weil die Partei wegen der drei Wohnungen keine eigene Gesellschaft zur Hausverwaltung gründen könne.

Wer auch nicht mit dem Preis von 800 000 Euro einverstanden war, ist der Testamentsvollstrecker Thomas Heim. Auch er denkt, dass das Dreifamilienhaus mit seinem hohen Energiestandard und dem Naturkeller viel mehr wert sei und von einem Wasserschaden habe auch er nichts gehört.

Das Ganze erinnert an Schwierigkeiten bei einem anderen Erbschaftsfall aus dem Jahr 2021, den unsere Zeitung ebenfalls recherchiert hat. Damals wollte eine AfD-Funktionärin aus dem Kreis Ludwigsburg, dass ihr Sohn eine Wohnung erhält, die der Partei vererbt worden war. Weil der Sohn die Wohnung zu renovieren begann, ohne dass es einen rechtsgültigen Kaufvertrag gegeben hätte, und weil der Landesvorstand die geplante Kaufsumme für zu niedrig erachtete, kam es zu einem Rechtsstreit mit dem Sohn, bei dem man sich allerdings gütlich einigte.

Der Testamentsvollstrecker fühlt sich seinem Freund verpflichtet

Thomas Heim findet die Schacherei um das Gebäude und seinen zu niedrig angesetzten Wert unwürdig, zumal sein verstorbener Freund gewollt hatte, dass der Partei die Mieteinnahmen zugute kommen und nicht die Summe aus dem Verkauf. Mit den Mieteinnahmen für die AfD sieht es allerdings mau aus. Zwei der Wohnungen stehen leer, eine ist noch bewohnt. Außerdem ist die Erbschaft auch nach sieben Jahren noch immer nicht vollständig erledigt, ein Bausparvertrag ist noch nicht „ausgekehrt“, wie es in der Fachsprache heißt. So lange das nicht der Fall ist, bleibt Thomas Heim weiterhin im Amt als Testamentsvollstrecker.

Inzwischen gibt es einen neuen Makler und das Haus in Walddorfhäslach ist wieder auf dem Markt für einen Preis von 950 000 Euro. Gekauft hat es bisher noch niemand, was Thomas Heim auf hohe Zinsen zurückführt. Er will auf alle Fälle weiterhin ein Auge darauf haben, wer die Immobilie erwirbt. Das sei er seinem besten Freund, mit dem er einen langen und schweren Weg zusammen gegangen ist, schuldig.

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